Unabhängige Analysen und Informationen zu Geopolitik, Wirtschaft, Gesundheit, Technologie

Berlin schweigt! Vier Jahre auf der ukrainischen Todesliste – ein Lehrstück darüber, warum der Staat nicht dein Freund ist

Berlin schweigt! Vier Jahre auf der ukrainischen Todesliste – ein Lehrstück darüber, warum der Staat nicht dein Freund ist

Auf der „Todesliste“ – und Berlin schweigt

Der Staat ist nicht dein Freund. Er ist durchsetzt von Lobbyisten, geopolitischen Interessen und fremden Machtansprüchen – und wenn es ernst wird, schützt er dich nicht.

Die deutsche Journalistin Alina Lipp steht nicht nur auf der Sanktionsliste der Europäischen Union, sondern auch auf der ukrainischen Website Myrotvorets. Diese Website wird auch als „Todesliste“ bezeichnet, da dort personenbezogene Daten von Personen veröffentlicht werden, die als Feinde der Ukraine gelten. Ihre Nennung ist das Ergebnis ihrer Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine, insbesondere ihrer Reportagen aus der Donbass-Region.

In einem Video, das in Jalta auf der Krim aufgenommen wurde, sagt Lipp, dass sie auf die Liste gesetzt wurde, weil sie über die Situation im Donbass berichtet und vor Ort recherchiert hat. Sie betont, dass sie selbst in die Region gereist ist, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort geschah, und darüber zu berichten. Lipp weist darauf hin, dass sie nicht die einzige Journalistin ist, die auf der Website erscheint. Sie nennt unter anderem den britischen Journalisten Johnny Miller, die französische Journalistin Christelle Néant und den deutschen Publizisten Thomas Röper. Auch die niederländische Journalistin Sonja van den Ende ist dort zu finden.

Die Botschaft ist klar: Wer vor Ort berichtet, wer von der offiziellen Linie abweicht, wer Dinge zeigt, die politisch unerwünscht sind, landet auf einer Liste, die im Netz kursiert – samt persönlicher Daten.

In ihrem Video erzählt Lipp, dass in Moskau eine Konferenz stattgefunden hat, bei der verschiedene Journalisten, die auf Myrotvorets aufgeführt sind, zusammengekommen sind, um die Situation zu besprechen. Sie selbst hat online daran teilgenommen. Viele von ihnen verstehen nicht, warum ihre Heimatländer die Ukraine weiterhin unterstützen, obwohl dieses Land Journalisten auf eine sogenannte Todesliste setzt. Lipp spricht in diesem Zusammenhang von einem „Terrorregime“.

Besonders brisant ist ihr Verweis auf den Fall von Daria Dugina, der russischen Journalistin und Politikerin, die im August 2022 bei einem Autobombenanschlag in Russland ums Leben kam. Dugina war etwa einen Monat vor ihrem Tod auf Myrotvorets aufgeführt. Lipp betont, dass auf der Website auch persönliche Daten wie Wohnorte veröffentlicht werden, was die Sicherheit der Betroffenen massiv gefährden kann.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist unbequem: Wie kann es sein, dass eine Plattform mit sensiblen personenbezogenen Daten – inklusive Adressen – öffentlich zugänglich ist und Personen als „Feinde“ markiert, ohne dass europäische Regierungen einschreiten?

Darüber hinaus richtet Lipp scharfe Kritik an die deutschen Medien und an die Bundesregierung. Sie fragt, warum die Existenz dieser Liste in Deutschland kaum thematisiert wird und weshalb die deutsche Regierung nicht dagegen vorgeht, dass deutsche Staatsbürger auf einer solchen Website erscheinen. Dass sich seit 2022 nichts geändert habe, bezeichnet sie als „schockierend“.

Der Fall wirft ein grelles Licht auf ein Spannungsfeld, das in Europa gern verdrängt wird: Pressefreiheit wird lautstark verteidigt – solange sie geopolitisch nicht stört. Sobald Journalisten außerhalb des politisch erwünschten Narrativs berichten, kann aus Unterstützung schnell Schweigen werden.

Alina Lipp steht exemplarisch für diese Entwicklung. Ihre Aufnahme in Sanktionslisten und auf Myrotvorets ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit, sondern ein politisches Signal. Wer berichtet, was nicht ins strategische Konzept passt, wird markiert.

Und während in Sonntagsreden von „europäischen Werten“ die Rede ist, bleibt die zentrale Frage im Raum: Wer schützt Journalisten, wenn sie auf Listen landen, die von Kritikern als Todeslisten bezeichnet werden?

Die Antwort, so scheint es, bleibt bislang aus.