Bill Gates zeichnet erneut ein Bild einer Zukunft, in der tiefgreifende technologische Veränderungen das Leben von Millionen Menschen auf den Kopf stellen könnten. Im aktuellen Interview mit The Verge spricht der Microsoft-Mitgründer von einer rund 20 Jahre dauernden Übergangsphase, in der künstliche Intelligenz Gewinner und Verlierer hervorbringen und erhebliche gesellschaftliche Verwerfungen auslösen werde. Danach erwartet Gates eine Welt des Überflusses, in der KI und humanoide Roboter einen großen Teil jener Arbeit übernehmen könnten, für die heute noch Menschen benötigt werden. Manche Menschen könnten sich dieser Entwicklung bewusst entziehen und künftig ähnlich wie die Amish leben – außerhalb der technologischen Spitzengesellschaft.
Die zeitliche Nähe zu einer aktuellen Entscheidung bei Microsoft ist bemerkenswert. Nur wenige Tage nach Gates’ Interview wurde bekannt, dass der Konzern rund 60.000 Beschäftigten in den USA, Kanada, Indien und Großbritannien freiwillige Abfindungsangebote unterbreitet. Das bedeutet nicht, dass 60.000 Mitarbeiter entlassen werden; es handelt sich um ein freiwilliges Programm, von dem Microsoft erwartet, dass nur ein Teil der Berechtigten Gebrauch macht. Hintergrund sind umfassende Umstrukturierungen, während Microsoft gleichzeitig enorme Summen in KI-Infrastruktur investiert und seine Kostenstruktur anpasst. Gates führt Microsoft seit vielen Jahren nicht mehr operativ und sitzt auch nicht mehr im Verwaltungsrat, sodass zwischen seinen Aussagen und dem Abfindungsprogramm kein direkter Entscheidungszusammenhang belegt ist. Dennoch wirkt die Kombination auffällig: Während der Mitgründer des Konzerns öffentlich darüber spricht, dass menschliche Arbeit durch KI zunehmend überflüssig werden könnte, versucht Microsoft bereits, seine Belegschaft in großem Umfang freiwillig zu verkleinern.
Gates geht in seiner Prognose weit über klassische Büroarbeit hinaus. Humanoide Roboter könnten seiner Einschätzung nach innerhalb weniger Jahre einen Entwicklungsstand erreichen, bei dem sie Häuser bauen, Lebensmittel produzieren und sogar medizinische Eingriffe durchführen. Wenn die Entwicklung nicht politisch massiv gebremst werde, könnten langfristig große Teile dessen, was menschliche Arbeit heute zur Wirtschaft beiträgt, nicht mehr benötigt werden. Gleichzeitig warnt Gates vor Cyberangriffen, Bioterrorismus und gesellschaftlichen Risiken durch leistungsfähige KI-Systeme, deren Schutzmechanismen sich möglicherweise umgehen lassen. Regierungen müssten deshalb regulierend eingreifen und dürften die Kontrolle nicht allein den Technologieunternehmen überlassen.
„Bevor eine wohlhabende Zukunft kommt, muss die Menschheit die ‚20 Jahre großen Panik‘ überleben“ Bill Gates erwartet eine 20-jährige Übergangsphase mit „Gewinnern und Verlierern“ und massiven Umbrüchen – danach könnten Roboter Häuser bauen, Nahrung produzieren und… https://t.co/WQvfzODoMs
— Don (@Donuncutschweiz) October 27, 2026
Wer Gates über die vergangenen Jahre verfolgt hat, erkennt darin ein bekanntes Muster: Er äußert frühzeitig Warnungen vor großen technologischen oder gesundheitlichen Umbrüchen – und engagiert sich gleichzeitig finanziell und organisatorisch bei deren Vorbereitung. Besonders sichtbar wurde das beim Thema Pandemien.
Bereits 2015 warnte Gates in seinem TED-Vortrag vor einer möglichen globalen Pandemie und forderte bessere Überwachungssysteme, Impfstoffforschung und regelmäßige Planspiele. 2017 verlangte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz sogenannte „Germ Games“. Im Oktober 2019 veranstalteten das Johns Hopkins Center for Health Security, das Weltwirtschaftsforum und die Bill & Melinda Gates Foundation schließlich Event 201, ein Planspiel über die weltweite Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus – wenige Monate vor Beginn der tatsächlichen COVID-19-Pandemie. Die Veranstalter stellten später ausdrücklich klar, dass Event 201 keine Vorhersage von COVID-19 gewesen sei.
Auch nach COVID-19 setzte Gates diesen Kurs fort. 2022 forderte er ein internationales Epidemie-Reaktionsteam und beteiligte sich über seine Stiftung an weiteren Pandemieübungen. Dokumentiert ist damit nicht, dass Gates künftige Ereignisse „vorher wusste“, sondern dass er sich früh mit Szenarien beschäftigt, die er für wahrscheinlich hält, öffentlich davor warnt und gleichzeitig Strukturen zu ihrer Bewältigung mitfinanziert.
Vor diesem Hintergrund bekommen Gates’ heutige KI-Prognosen eine zusätzliche Bedeutung. Auch diesmal warnt er nicht lediglich abstrakt vor einer technologischen Entwicklung. Er beschreibt einen konkreten Zeithorizont, spricht von einer jahrzehntelangen Übergangsphase, erwartet massive Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und fordert staatliche Regeln für besonders leistungsfähige KI. Gleichzeitig gehören Microsoft und andere große Technologiekonzerne zu den Unternehmen, die Milliarden in genau diese Entwicklung investieren.
Bei Pandemien geschah das Jahre vor COVID-19. Heute geschieht Ähnliches bei künstlicher Intelligenz. Gates prognostiziert eine Zukunft, in der menschliche Arbeit für große Teile der Wirtschaft nicht mehr benötigt werden könnte – während ausgerechnet der von ihm gegründete Konzern Zehntausenden Mitarbeitern freiwillige Abfindungen anbietet und gleichzeitig massiv in KI investiert.

