Von Pepe Escobar
Am 3. September 2025 berichtet der renommierte Journalist Pepe Escobar aus Wladiwostok über eine historische Wende in der globalen Geopolitik. In einer exklusiven Übertragung betont er die Bedeutung dreier Mega-Events, die die Weltordnung nachhaltig verändern könnten: den Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Tianshan, die Siegesparade in Peking und das Wladiwostok-Forum. Diese Ereignisse markieren laut Escobar den Beginn des „Jahrhunderts Eurasiens“ und die Festigung einer multipolaren Weltordnung.
Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ): Der Aufstieg einer neuen Ordnung
Die SOZ, 2001 gegründet, steht im Zentrum dieser Entwicklung. Escobar hebt hervor, dass die Organisation, ursprünglich ein Zusammenschluss von Russland, China und zentralasiatischen Staaten, für Gleichheit, Souveränität und den Kampf gegen Terrorismus, Extremismus und Separatismus steht – Prinzipien, die als „Shanghaier Geist“ bekannt sind. Drei Monate nach ihrer Gründung erschütterte der 11. September die Welt, und die USA starteten ihren „Krieg gegen den Terror“, der laut Escobar darauf abzielte, den globalen Süden zu kontrollieren. Doch 24 Jahre später zeigt der SOZ-Gipfel in Tianshan, dass Eurasien die Führung übernimmt.
Ein Schlüsselmoment war die Wiederbelebung des „RIC“-Formats (Russland, Indien, China), initiiert durch den verstorbenen russischen Politiker Jewgeni Primakow. Escobar beschreibt, wie Wladimir Putin als Vermittler zwischen China und Indien wirkte. Besonders bemerkenswert war ein Gespräch zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und dem indischen Premierminister Narendra Modi:
„Xi sagte Modi ins Gesicht: ‚Wir sind beide große, alte Zivilisationen. Es ist lächerlich, dass Grenzstreitigkeiten unsere Beziehungen belasten.‘“
Dies markiert einen Wendepunkt, da Indien nun scheinbar bereit ist, sich der multipolaren Vision anzuschließen.
Russland und China: Eine strategische Partnerschaft auf höchstem Niveau
Die Chemie zwischen Putin und Xi ist ein weiterer zentraler Aspekt. Escobar beschreibt ein Treffen in der Zhongnanhai-Residenz in Peking, wo Xi Putin auf Russisch begrüßte – ein Symbol für die enge Freundschaft und die Bedeutung von „Völkerdiplomatie“ auf höchster Ebene.
„Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China ist bahnbrechend und größer als das Leben selbst“, betont Escobar. Diese Partnerschaft prägt nicht nur die geopolitischen, sondern auch die geoökonomischen Entwicklungen, die die bestehende, von den USA dominierte „regelbasierte Weltordnung“ herausfordern.
Der globale Süden ignoriert die USA
Ein bemerkenswerter Punkt ist die bewusste Ignoranz der USA durch die SOZ-Mitglieder. „Putin und Xi erwähnen die Vereinigten Staaten nie direkt“, erklärt Escobar. Stattdessen sprechen sie in einer „chinesischen Raffinesse“ über eine neue internationale Ordnung, ohne die USA explizit anzugreifen.
Dies spiegelt sich auch in der westlichen Medienberichterstattung wider, die Escobar als „Tsunami der Verzweiflung“ beschreibt. Der globale Süden, repräsentiert durch Organisationen wie die SOZ und die BRICS, wendet sich zunehmend von der westlichen Hegemonie ab und baut ein eigenes System auf.
Chinas Machtdemonstration in Peking
Die Siegesparade in Peking unterstreicht diese Entwicklung. Escobar beschreibt die Präsentation der DF-5C-Interkontinentalrakete, die mit Mach 10 fliegt und eine Reichweite von 20.000 Kilometern hat, als klare Botschaft an potenzielle Aggressoren:
„Wenn ihr Krieg im Südchinesischen Meer oder um Taiwan wollt, seid bereit.“
Diese selbstbewusste Demonstration zeigt, dass China sich seiner Stärke bewusst ist und bereit ist, eine führende Rolle in der neuen Weltordnung zu übernehmen.
Komplexe geopolitische Dynamiken
Ein weiteres Thema ist die komplexe Beziehung zwischen Indien und der Türkei. Indien blockierte letztes Jahr die Vollmitgliedschaft der Türkei in den BRICS und tut dies nun auch bei der SOZ. Diese Spannungen verdeutlichen die Herausforderungen innerhalb der multipolaren Bewegung.
Dennoch bleibt die Zusammenarbeit zwischen Russland, China und Indien ein entscheidender Schritt in Richtung einer neuen internationalen Ordnung.
Fazit: Der unaufhaltsame Zug der Multipolarität
Escobar schließt mit einer kraftvollen Metapher:
„Der Hochgeschwindigkeitszug der Multipolarität ist in Bewegung und gewinnt an Fahrt.“
Die Ereignisse in Tianshan, Peking und Wladiwostok zeigen, dass der globale Süden, angeführt von Russland, China und Indien, nicht länger auf die Zustimmung des Westens wartet. Die bestehende „regelbasierte Ordnung“ wird zunehmend irrelevant, während eine neue, gerechtere Ordnung Gestalt annimmt.
„Es wird ein harter Kampf“, sagt Escobar, „aber es ist die Mutter aller Kämpfe.“
Zitat:
„Xi sagte Modi ins Gesicht: ‚Wir sind beide große, alte Zivilisationen. Es ist lächerlich, dass Grenzstreitigkeiten unsere Beziehungen belasten.‘“


