Wenn man zur größten Wirtschaftsmacht der Welt wird, muss man auf einen Kampf vorbereitet sein.
Bereit für alles
China ist bereit, um seine Vorherrschaft bei den seltenen Erden zu verteidigen.
Während die Aufmerksamkeit der Welt auf den sogenannten Waffenstillstand gerichtet war, den US-Präsident Donald Trump in Gaza „verordnet“ hatte – zusammen mit seinem 20-Punkte-„Friedensplan“ und diplomatischen Manövern in Westasien – sorgte eine unerwartete Entscheidung Pekings plötzlich für eine Neuzeichnung der globalen Wirtschaftslandschaft und des Rahmens der US-chinesischen Beziehungen. Am 9. Oktober kündigte das chinesische Handelsministerium neue Vorschriften an, die strenge Beschränkungen für den Export seltener Erden einführen – ein Schritt, der die Verteidigungs- und Halbleiterindustrie direkt betrifft und die ohnehin fragile Entspannung zwischen Washington und Peking zunichtemacht.
Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Pekings Ankündigung Trump wütend machte. Am nächsten Tag startete der US-Präsident auf Truth Social einen Angriff und erklärte, dass die Vereinigten Staaten ab dem 1. November einen zusätzlichen Zoll von 100 % auf chinesische Importe erheben würden. Trump warf China vor, „die Welt als Geisel zu halten“, und schrieb: „China bringt alle Länder mit den seltenen Erden in eine schwierige Lage. Das ist besonders unangebracht zu einer Zeit, in der der Friedensplan für Gaza in Kraft ist!“
Das mit Spannung erwartete Treffen zwischen Xi und Trump beim APEC-Gipfel scheint nun unwahrscheinlich (oder erleben wir eine überraschende Wendung?).
Die Bedeutung der seltenen Erden
Aus chemischer Sicht beziehen sich seltene Erden auf eine Gruppe von 17 Metallen: 15 aus der Lanthanoidreihe des Periodensystems sowie Scandium und Yttrium. Trotz ihres irreführenden Namens sind diese Elemente in der Erdkruste relativ häufig; „selten“ sind sie, weil kommerziell nutzbare Konzentrationen selten sind und der Trennungsprozess äußerst kompliziert ist. Sie sind für die moderne Technologie unverzichtbar: Sie werden in Batterien für Elektrofahrzeuge, Windturbinen, Smartphones und hochentwickelter militärischer Ausrüstung wie Radarsystemen von Kampfjets verwendet.
Laut dem U.S. Geological Survey (USGS) würde ohne diese Elemente die Produktion von Chips für Künstliche Intelligenz, Verteidigungstechnologien und erneuerbare Energiesysteme zum Erliegen kommen. Eine einzige Windturbine benötigt etwa 300 Kilogramm Neodym, während jedes F-35-Kampfflugzeug seltene Erden im Wert von mehreren tausend Dollar enthält.
China nimmt in diesem Sektor eine dominierende Stellung ein. Der USGS-Bericht 2025 weist darauf hin, dass etwa 36 % der weltweiten Reserven – rund 44 Millionen Tonnen – in China liegen, gefolgt von Vietnam (22 %) und Brasilien (18 %). Das Ungleichgewicht ist bei der Produktion noch ausgeprägter: 2024 entfielen rund 70 % der globalen Produktion (270 000 Tonnen) auf China, ein Wert, der 2025 stabil bleiben dürfte. In der Raffinierungskapazität ist Chinas Vormachtstellung überwältigend – über 90 % der weltweiten Gesamtleistung.
Diese Dominanz ist kein Zufall. Seit den 1980er Jahren hat Peking den Sektor durch staatliche Subventionen, kostengünstigen Bergbau und Exportvergünstigungen von bis zu 17 % gefördert. Die USA verfügen dagegen nur über etwa 2 % der globalen Reserven und sind zu rund 70 % von chinesischen Importen abhängig. Obwohl Washington versucht, alternative Lieferketten zu entwickeln, sind sich Experten einig, dass eine echte Diversifizierung vor 2030 kaum zu erreichen sein wird. Chinas neue Exportbeschränkungen treffen daher eine besonders verwundbare Stelle.
Chinesische Bergbautechnologien
In den letzten zwei Jahrzehnten hat China seine dominierende Position im globalen Sektor der seltenen Erden gefestigt, kontrolliert über 60 % der weltweiten Produktion und einen noch höheren Anteil bei der Weiterverarbeitung. Diese Vormachtstellung beruht nicht nur auf Ressourcenverfügbarkeit, sondern auf einer koordinierten Industriepolitik, technologischen Innovationen und Umweltstrategien, die dem Land einen strukturellen Vorteil in einem für Energiewende und technologische Sicherheit strategischen Bereich verschaffen.
Chinesische Technologien zur Gewinnung seltener Erden lassen sich in zwei Hauptmethoden unterteilen: Gewinnung aus Hartgestein und Gewinnung aus ionischen Tonlagerstätten.
Im ersten Fall verwendet China konventionellen Tagebau und Untertageabbau, Sprengstoffe und mechanische Zerkleinerung, um Bastnäsit-, Monazit- und Xenotim-Mineralien zu gewinnen. Die Innovation liegt in den anschließenden Stufen: Die erste Trennung erfolgt durch selektive und hochintensive magnetische Flotation, kombiniert mit chemischer Vorbehandlung durch verdünnte Säuren, um den Ertrag des Rohmaterials zu maximieren.
Der Prozess bei ionischen Tonlagerstätten – typisch für südliche Regionen wie Jiangxi, Guangdong und Guangxi – ist anspruchsvoller. Hier liegen die seltenen Erden nicht kristallin vor, sondern sind an Tonoberflächen adsorbiert, was eine feinfühlige, chemisch kontrollierte Extraktion erfordert. China hat die In-situ-Laugung perfektioniert – eine Technologie, bei der Lösungen auf Ammonium-, Sulfat- oder Chloridbasis in den Boden injiziert werden, um seltene Erden zu mobilisieren, ohne große Gesteinsmengen zu bewegen. Diese Methode verringert Umweltbelastung und Arbeitskosten, birgt aber Risiken für das Grundwasser, die heute teilweise durch Überwachung und geochemische Barrieren gemindert werden.
Chinas wahre technologische Stärke liegt in der Trennung und Raffinierung, wo das Land hocheffiziente Verfahren entwickelt hat. Die Schlüsseltechnologie ist die Mehrfach-Lösungsmittel-Extraktion, die die Trennung einzelner Elemente ermöglicht. Der Prozess umfasst Tausende Trennstufen in geschlossenen Kreisläufen, wodurch Reinheitsgrade von über 99,99 % erzielt werden.
Forschungszentren wie das Baotou Research Institute of Rare Earths und das Institute of Process Engineering der Chinesischen Akademie der Wissenschaften haben zudem Innovationen mit Ionenaustauschharzen und Nanofiltrationsmembranen eingeführt, die den Chemikalienverbrauch senken und die Rückgewinnung verbessern. Diese Technologien ersetzen schrittweise umweltschädlichere Verfahren mit starkem Säureeinsatz.
Parallel dazu findet eine umfassende Digitalisierung statt: Sensoren, maschinelles Lernen und IoT-Systeme optimieren in Echtzeit Reagenzienmengen, Prognosen und Energieverbrauch. Unternehmen wie China Northern Rare Earth Group und Minmetals Rare Earth Co. nutzen autonome Fahrzeuge, Drohnen zur geologischen Kartierung und Fernsteuerungssysteme für chemische Laugung – alles Teil der nationalen Modernisierungsstrategie „Made in China 2025“.
Gleichzeitig hat China strengere Umweltauflagen eingeführt, um jahrzehntelange ökologische Schäden zu begrenzen. Neue Vorschriften betreffen insbesondere die Behandlung von Abwässern und radioaktiven Abfällen. Zudem wurde eine Recyclingkette für Magnete, Katalysatoren und Altbatterien aufgebaut – sogenanntes Urban Mining – zur Rückgewinnung wertvoller Materialien und Reduzierung des Rohstoffbedarfs.
So besitzt China nicht nur eine beispiellose Produktionskapazität, sondern auch eine vertikal integrierte Lieferkette, die es ihm erlaubt, die gesamte Wertschöpfung von Rohstoffen bis zu Hightech-Endprodukten in den Bereichen Windenergie, Elektronik, Elektromobilität und Verteidigung zu kontrollieren.
Das neue chinesische Dekret als geostrategische Botschaft
Das Dekret vom 9. Oktober rechtfertigt die Exportbeschränkungen mit Gründen der „nationalen Sicherheit“. Die ersten Beschränkungen, die im April 2025 als Reaktion auf Trumps Zölle eingeführt wurden, betrafen sieben Elemente: Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Samarium, Gadolinium und Dysprosium. Die Oktober-Ankündigung erweiterte die Liste um fünf weitere: Holmium, Erbium, Thulium, Europium und Ytterbium – insgesamt also zwölf Elemente, die nun Exportlizenzen erfordern. Diese Lizenzen werden nicht an große US-Rüstungsunternehmen wie Raytheon oder Lockheed Martin vergeben und sollen zugleich chinesische Firmen wie das sanktionierte Huawei schützen.
Es ist offensichtlich, dass Chinas neuer Plan mehr ist als eine wirtschaftliche Entscheidung: Er sendet eine klare geostrategische Botschaft. Peking versucht, den technologischen Führungsanspruch des Westens mit der Überlegenheit des Ostens in natürlichen Ressourcen zu kontern. Schon 2010 hatte China seltene Erden als geopolitisches Druckmittel gegen Japan eingesetzt. Die US-Rüstungsindustrie bleibt stark von chinesischen Materialien abhängig, und die neuen Exportauflagen könnten Produktionslinien lahmlegen.
Trump zeigt derweil seine größte Sorge: dass die „America First“-Wirtschaftspolitik als Bumerang zurückkehrt und die Inflation im Inland anheizt. Die Vergeltung für all das könnte nur wenige Meilen vor der chinesischen Küste liegen – in Taiwan, der Insel, die vom amerikanischen Establishment aller Parteien so begehrt ist.
Mit diesem entschlossenen Schritt hat Peking die Auseinandersetzung auf ein Terrain seiner eigenen Wahl verlagert. Selbst wenn das Treffen zwischen Xi und Trump in Südkorea doch noch stattfindet, ist klar, dass der APEC-Gipfel zu einem neuen Schlachtfeld wird – einem, auf dem Diplomatie und Wirtschaftskrieg aufeinandertreffen.


