Bereits im Jahr 2016 warnte der Schweizer Historiker Daniele Ganser in einem Vortrag vor einer geopolitischen Realität, die seiner Ansicht nach in Europa oft verdrängt werde: Die weltweite Energieversorgung und die großen Konflikte der Gegenwart seien eng mit der Geografie des Erdöls und den religiösen Machtzonen der Welt verbunden.
Ganser verwies dabei auf eine Aussage des früheren deutschen Außenministers Joschka Fischer. Dieser hatte die Golfregion als die „Tankstelle der Welt“ bezeichnet. Gemeint ist damit, dass die Weltwirtschaft – trotz neuer Fördertechnologien und alternativer Quellen – weiterhin stark von den riesigen Erdölreserven rund um den Persischen Golf abhängig ist.
Zwar existiert Erdöl auch in anderen Regionen der Welt, etwa im Golf von Mexiko, in Kanada oder sogar in der Arktis. Doch laut Ganser liegt der entscheidende Unterschied in den Förderkosten. In den Staaten rund um den Persischen Golf – insbesondere in Saudi-Arabien, Irak, Iran und Kuwait – ist konventionelles Erdöl vergleichsweise einfach und billig zu fördern.
🔥‼️Daniele Ganser, 2016: Öl, Religion und Geopolitik – eine Analyse, die im Iran-Krieg 2026 neue Brisanz erhält.
— Don (@Donuncutschweiz) March 10, 2026
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☝️Schon 2016 warnte Daniele Ganser: Öl, Religion und… pic.twitter.com/DLtEJKcnXc
Genau deshalb gilt diese Region seit Jahrzehnten als geopolitischer Brennpunkt. Wer Zugang zu diesem Öl kontrolliert, beeinflusst unmittelbar die Energieversorgung der globalen Wirtschaft.
Ganser machte in seinem Vortrag jedoch auf eine zweite Dimension aufmerksam, die seiner Ansicht nach häufig übersehen werde: die religiöse Landkarte der Welt.
Wenn man die Weltkarte der Rohstoffvorkommen mit der Verteilung der großen Weltreligionen überlagere, entstehe ein auffälliges Muster. Große Teile Europas, Nord- und Südamerikas sowie Australiens seien historisch christlich geprägt. Indien sei mehrheitlich hinduistisch, China offiziell atheistisch geprägt, während Russland nach dem Ende der Sowjetunion wieder stärker zur orthodoxen christlichen Tradition zurückgekehrt sei.
Die Region jedoch, in der sich ein großer Teil der leicht zugänglichen Erdölreserven befindet, sei gleichzeitig überwiegend muslimisch geprägt. Vom Nahen Osten über Teile Nordafrikas bis nach Zentralasien erstreckt sich eine zusammenhängende Zone muslimischer Gesellschaften.
Ganser betonte dabei ausdrücklich, dass dies kein historischer Zufall im Sinne einer Migration sei. Die muslimischen Gesellschaften seien nicht wegen des Öls dorthin gezogen – vielmehr befänden sich die Ressourcen schlicht in jenen Regionen, in denen diese Kulturen historisch gewachsen seien.
Für Ganser ist diese Konstellation eine der zentralen geopolitischen Realitäten der modernen Welt: Ein großer Teil der globalen Energieversorgung liegt in Regionen mit anderen kulturellen, religiösen und politischen Traditionen als die westlichen Industrienationen.
Vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts mit dem Iran erhält diese Analyse eine neue Aktualität. Der Iran ist nicht nur ein zentraler Akteur im Nahen Osten, sondern auch ein bedeutender Energieproduzent mit strategischer Lage am Persischen Golf und an der Straße von Hormus – einer der wichtigsten Energietransportrouten der Welt.
Sollte es zu einer größeren militärischen Eskalation in dieser Region kommen, hätte dies unmittelbare Auswirkungen auf die globale Energieversorgung, auf die Wirtschaft Europas und auf die politische Stabilität zahlreicher Staaten.
Die geopolitische Realität, auf die Ganser bereits vor Jahren hinwies, tritt damit erneut in den Vordergrund: Energie, Religion, geopolitische Machtinteressen und militärische Konflikte sind im Nahen Osten eng miteinander verwoben.
Kommentar
Parallel dazu berichteten mehrere internationale Medien in dieser Woche über religiöse Stellungnahmen schiitischer Autoritäten, in denen nach den Angriffen auf den Iran zu Widerstand und Vergeltung aufgerufen wurde.
Vor diesem Hintergrund erhält die geopolitische Analyse von Ganser eine zusätzliche innenpolitische Dimension: Konflikte im Nahen Osten bleiben nicht auf die Region beschränkt, sondern wirken zunehmend auch in europäische Gesellschaften hinein – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Quellen
Daniele Ganser – Vortrag zur Geopolitik des Erdöls (2016)
Eurostat – Muslim population in the European Union
Statistisches Bundesamt Deutschland – Bevölkerung mit iranischem Hintergrund
Reuters – Berichte über religiöse Reaktionen nach Angriffen auf den Iran
International Energy Agency – Global oil reserves and production costs
BP Statistical Review of World Energy

