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Die gefährlichen Illusionen eines EU-„Impfpasses

Die gefährlichen Illusionen eines EU-„Impfpasses

Luiza Bialasiewicz ist Professorin für European Governance am Fachbereich für Europäische Studien an der Universität von Amsterdam
Alberto Alemanno ist Jean-Monnet-Professor für Recht und Politik der Europäischen Union an der HEC Paris und Gründer von ‚The Good Lobby‘, deren Ziel es ist, den Zugang zur Macht durch die Stärkung der Advocacy-Kapazitäten der Zivilgesellschaft auszugleichen.

Unter dem wachsenden Druck einiger EU-Staaten und Industrieverbände, die derzeitigen Reisebeschränkungen für Coronaviren zu lockern, gewinnt die Idee, geimpften Personen besondere Privilegien zu gewähren, an Fahrt.

Die Europäische Kommission will ein EU-weites Impfzertifikat vorschlagen – den so genannten ‚Digital Green Pass‘ – der es [den Europäern] schrittweise ermöglichen soll, sich sicher in der Europäischen Union oder im Ausland zu bewegen – für Arbeit oder Tourismus“. Die EU-Mitgliedsstaaten sind in dieser Frage gespalten, wobei Länder wie Österreich, Griechenland, Italien und Spanien, die Touristen anziehen, den Vorschlag vorantreiben, während Belgien, Frankreich und die Niederlande (wo das Thema im Vorfeld der nationalen Wahlen zu einem heißen Eisen geworden ist) erhebliche Zweifel äußern.

Angesichts des Stands der aktuellen Impfkampagne in den meisten europäischen Ländern ist der Vorschlag der Kommission bestenfalls verfrüht, schlimmstenfalls aber höchst gefährlich und zutiefst diskriminierend.

Wie wir hier argumentieren, basiert die Einführung eines digitalen EU-Grünpasses auf einer inhärent fehlerhaften Logik, nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch aus rechtlich-territorialer und ethischer Sicht. Anstatt Europa durch die Lockerung von Reisebeschränkungen zu vereinen, würde ein „Impfpass“ paradoxerweise einfach neue Grenzen schaffen: quer über den Kontinent, quer über Gemeinschaften und sogar quer über Familien, aufgeteilt in „sichere“ und „unsichere“ Körper.

Fehlerhafte Wissenschaft hinter Impfpässen

Lassen Sie uns zunächst die fehlerhaften wissenschaftlichen Annahmen hinter dem Vorschlag auspacken. Der Pass beruht auf der Annahme, dass diejenigen, die geimpft wurden, das Virus nicht mehr in sich tragen.

Die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass die zugelassenen COVID-19-Impfstoffe zwar die Erkrankung, nicht aber die Übertragung vollständig verhindern, wie die zahlreichen Fälle von geimpftem Gesundheitspersonal in Italien (und anderswo) zeigen, die positiv auf das Virus getestet wurden. COVID-19-Impfstoffe verhindern – wie alle Impfstoffe – eine Erkrankung, nicht eine Infektion.

Die in der EU zugelassenen Impfstoffe verhindern wirksam Krankheiten und damit die Symptome von COVID-19. Die Verringerung der Krankheitssymptome verringert die potenzielle Übertragungsrate der geimpften Personen, macht sie jedoch für nicht geimpfte Personen nicht vollständig „sicher“. Aus diesem Grund bestehen Epidemiologen darauf, dass bis zur Impfung eines ausreichend großen Prozentsatzes der Bevölkerung alle anderen Maßnahmen zur Eindämmung, wie das Tragen von Masken und soziale Distanzierung, weiterhin eingehalten werden müssen.

Impfstoffwüsten

Ein weiteres Problem ist die sehr unterschiedliche Umsetzung der Impfprogramme in der EU, so dass einige Bürger viel eher geimpft werden als andere. Auch innerhalb der Länder gibt es erhebliche Unterschiede, wobei der Zugang zu Impfstoffen für Menschen außerhalb größerer städtischer Gebiete schwieriger ist und die verschiedenen Regionen unterschiedlich gut in der Lage sind, die Verabreichung von Impfstoffen zu organisieren.

Obwohl die meisten EU-Staaten ihr Bestes getan haben, um sicherzustellen, dass sich keine „Impfstoffwüsten“ wie in den USA entwickeln, sind die territorialen Unterschiede beim Zugang, selbst bei vorrangigen Gruppen, immer noch erheblich. In benachteiligten Gebieten mit schlechter Gesundheitsversorgung (ob in der Stadt oder auf dem Land) ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch die Impfbereitschaft deutlich höher ist, wie in Großbritannien festgestellt wurde.

Prioritätskategorien: Wer sind die Mitarbeiter an vorderster Front?

Solche Unterschiede multiplizieren sich, wenn wir untersuchen, wie verschiedene Mitgliedsstaaten die Prioritätsgruppen für die Impfung auswählen. Nach den Kategorien mit dem höchsten Risiko, wie z.B. medizinisches Personal und alte Menschen, steht es jedem Staat frei, die nachfolgenden Kategorien zu bestimmen. In der Tat ist die Definition von „wesentlichen“ oder „an vorderster Front tätigen“ Arbeitnehmern nicht überall in der EU gleich.

Während zum Beispiel italienische und österreichische Schullehrer und Universitätsdozenten bereits zur Impfung aufgerufen werden, müssen diejenigen in den Niederlanden noch einige Monate warten.

Die Frage des Impfstoffzugangs ist für die Millionen von Menschen in Europa, deren formaler Status nicht mit ihrem aktuellen Wohnort übereinstimmt, noch komplizierter. Dazu gehören sowohl EU-interne Migranten als auch unvollständig dokumentierte oder teilweise reguläre Nicht-EU-Einwanderer. All diese Personen sind derzeit vom Zugang zu Impfungen ausgeschlossen, was wahrscheinlich zur Entstehung eines Impfstoff-Schwarzmarktes führen wird.

Da es keinen gerechten öffentlichen Zugang gibt, wird die private Nachfrage nach dem Impfstoff steigen. So gibt es Impfpakete in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Indien, und die Lufthansa hat kürzlich angekündigt, dass sie erwägt, „Impfflüge“ nach Moskau anzubieten.

Verbände der Reisebranche wie die IATA arbeiten auch mit den Tech-Giganten Microsoft und Oracle zusammen, um neue digitale Gesundheitspässe zu entwickeln, wie The Economist in seinem jüngsten Bericht über „Die Zukunft des Reisens“ feststellte, in dem vorhergesagt wurde, dass „Gesundheitsinformationen für internationale Reisen so wichtig werden, wie es heute ein Reisepass ist“.

Ein öffentliches oder privates Gesundheitsgut?

Die Möglichkeit, die Warteschlange zu überspringen“, indem man einen hohen Betrag für einen Impfstoff bezahlt, wirft eine weitere grundlegende rechtliche Frage auf: Sollten Impfstoffe nicht als öffentliches Gesundheitsgut betrachtet und als solches reguliert werden?

Ein System zu schaffen, das Anreize für den privaten Zugang schafft (wie es ein EU-weites Impfzertifikat tun würde), ist höchst problematisch: sowohl aus rechtlich-ethischer Sicht als auch aus epidemiologischer Sicht. Wie Wolfgang Münchau in seinem Beitrag über „Impfstoff-Elitismus“ feststellte (in dem er die Abneigung einiger deutscher Bürger gegen den Oxford/Astra-Zeneca-Impfstoff kommentierte), sind Impfstoffe ein öffentliches Gut wie aus dem Lehrbuch: „Ihr Schutz entsteht nicht dadurch, dass Sie einen besseren Impfstoff erhalten als Ihre Nachbarn. Er entsteht dadurch, dass alle Ihre Nachbarn einen Impfstoff erhalten, so dass sie Sie gar nicht erst anstecken.“

Es gibt weitere rechtliche und regulatorische Fragen. Nach vorläufigen Diskussionen würden Reisende aus Nicht-EU-Ländern, die mit chinesischen oder russischen Impfstoffen geimpft wurden, die nicht von der Europäischen Arzneimittelagentur zugelassen sind, nicht für den Digital Green Pass in Frage kommen. Dies würde automatisch Bürger der Türkei oder Serbiens ausschließen, wo diese Impfstoffe hauptsächlich verwendet werden, aber möglicherweise auch Menschen aus EU-Staaten wie Ungarn, das sowohl den chinesischen Sinopharm- als auch den russischen Sputnik V-Impfstoff gekauft hat.

Ein „Sicherheitsfetisch

Die Schlüsselfrage ist, was ist der Grund für den Grünen Pass? Wenn es darum geht, die Sicherheit der einzelnen Reisenden zu beweisen, dann mahnen die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Vorsicht. Oder ist es eine wirtschaftliche Logik, die Reisen und Tourismus auf Kosten der Sicherheit anderer Europäer priorisiert? Es scheint eher eine Vorstellung von Sicherheit zu sein als eine glaubwürdige politische Option; ein Fetisch, der es EU-Politikern erlaubt, ihren Bürgern eine physisch greifbare Illusion von Kontrolle zu bieten.

Anstatt in einen Fetisch zu investieren, sollte die EU noch enger mit den Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten, um die Produktionskapazitäten für Impfstoffe zu erhöhen und eine gerechte Verteilung zu gewährleisten (was nationale Vorratshaltung und „Impfstoff-Nationalismus“ verbietet), während gleichzeitig EU-weite Kategorien von Prioritätsgruppen festgelegt werden.

Die COVID-19-Pandemie hat sich in der Europäischen Union sehr ungleich ausgewirkt. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten sollten sich auf die Bewältigung dieser Auswirkungen konzentrieren, anstatt durch einen ausgrenzenden Sortiermechanismus, auf den das Impfzertifikat hinauslaufen würde, zur Schaffung zusätzlicher Schichten der Ungleichheit beizutragen. Der Digitale Grüne Pass mag wie eine gute Lösung zur Beherrschung des Pandemierisikos erscheinen – aber er basiert auf einer Profilierung, die weniger mit dem tatsächlichen viralen Risiko zu tun hat als einfach mit dem ungleichen Zugang zum Impfprivileg.