Die Welt schaut gebannt zu. Während die Spannungen im Persischen Golf weiter eskalieren, geht ein langes und hochbrisantes Interview mit dem renommierten US-Politikwissenschaftler Prof. John Mearsheimer viral.
Der einflussreiche Realist von der University of Chicago zeichnet ein düsteres Bild der aktuellen US-Politik unter Präsident Trump: Eine Marineblockade der Straße von Hormus, gescheiterte Verhandlungen in Islamabad und eine tiefe strategische Krise der Vereinigten Staaten.
Mearsheimer spricht von einer selbstverschuldeten Sackgasse, in der Amerika nicht nur den Krieg gegen den Iran zu verlieren droht, sondern auch schwere Schäden für die Weltwirtschaft und die eigene globale Position riskiert.
In dem ausführlichen Gespräch mit Daniel Davis analysiert Mearsheimer die jüngsten Entwicklungen schonungslos.
Präsident Trump hat eine vollständige Blockade der Straße von Hormus angekündigt und gedroht, jedes iranische Schiff zu zerstören, das sich ihr widersetzt. Die Maßnahme trat am Morgen in Kraft und soll den Iran wirtschaftlich in die Knie zwingen – nachdem sechswöchige Kämpfe und anschließende Verhandlungen in Islamabad keine Einigung brachten.
Die gescheiterten Verhandlungen in Islamabad
Mearsheimer beschreibt die Verhandlungen unter Leitung von Vizepräsident JD Vance als katastrophalen Fehlschlag.
Obwohl Trump zunächst signalisiert hatte, auf Basis des iranischen 10-Punkte-Plans zu verhandeln, präsentierte Vance letztlich die maximalistischen Forderungen der USA (15-Punkte-Plan). Die Iraner lehnten ab.
Für Mearsheimer war dies kein Zufall: Die USA befänden sich in einer schwachen Position, suchten eigentlich einen „Off-Ramp“, hätten aber unter starkem israelischem Einfluss – auch durch direkte Kontakte Netanjahus mit Vance – eine harte Linie gefahren.
Besonders kritisch sieht der Professor die Rolle Israels und der pro-israelischen Lobby.
Netanyahu habe aktiv versucht, die Verhandlungen zu sabotieren, indem Israel trotz vereinbartem Waffenstillstand weiter Hisbollah-Stellungen im Libanon angriff.
Mearsheimer spricht von einem klaren Versuch, jede Deeskalation zu verhindern.
Gleichzeitig seien Figuren wie Jared Kushner und andere „passionierte Zionisten“ als Aufpasser im Hintergrund präsent gewesen, um Vance auf Linie zu halten.
Die Blockade – eine „schreckliche Option“
Die nun verhängte Blockade der Straße von Hormus bezeichnet Mearsheimer als strategisch hochproblematisch.
Sie werde den Iran nicht zum Einknicken bringen, sondern vor allem der Weltwirtschaft massiv schaden.
Iranisches Öl sei für den globalen Markt unverzichtbar – auch die USA selbst hätten Sanktionen gelockert, um mehr Öl auf den Markt zu bringen.
Durch die Blockade schieße sich Amerika „ins eigene Bein“.
Die Preise für Öl und Benzin steigen bereits spürbar.
Mearsheimer warnt: Sollte die Blockade länger andauern, drohe eine schwere Rezession oder sogar eine globale Depression vergleichbar mit 1929.
Besonders betroffen seien ostasiatische Länder wie Japan (93 % Ölimporte über Hormus) und Südkorea (45 %).
Die wirtschaftlichen Schockwellen würden sich weltweit ausbreiten – inklusive höherer Lebensmittelpreise durch gestörte Düngemittel-Lieferungen.
Strategische Niederlage der USA
Der Kern von Mearsheimers Analyse ist vernichtend: Die Vereinigten Staaten haben den Krieg gegen den Iran strategisch bereits verloren.
Keines der vier ursprünglichen Ziele wurde erreicht:
Kein Regime-Change im Iran
Keine Zerstörung der ballistischen Raketen
Keine Beendigung des iranischen Nuklearprogramms
Keine Unterbrechung der Unterstützung für Hisbollah, Hamas und Houthi
Stattdessen kontrolliere der Iran nun faktisch die Straße von Hormus – eine Position, die er vor dem Krieg nicht hatte.
Die Iraner stünden heute strategisch besser da als vor dem 27. Februar 2026.
Mearsheimer betont: Niemand könne ihm ein plausibles Szenario nennen, wie die USA die Situation noch drehen könnten.
Selbst eine nukleare Option – von manchen Israelis offenbar erwogen – würde nach seiner Einschätzung nicht zum gewünschten Ergebnis führen, da große Teile der iranischen Infrastruktur unterirdisch liegen.
Einfluss Israels und innenpolitische Dynamiken
Mearsheimer sieht Netanyahu in einer verzweifelten Lage.
Nachdem der Angriff auf den Iran militärisch und politisch gescheitert sei, „flailt“ dieser und suche nach radikalen Lösungen.
Für Netanyahu sei der Iran sein „Moby Dick“ – eine Obsession.
Gleichzeitig kritisiert der Professor scharf, dass hochrangige US-Politiker wie Lindsey Graham und General Jack Keane weiter auf Eskalation drängen, ohne realistische Strategie vorzulegen.
Globale Folgen: Zerfall der Allianzen
Besonders alarmierend sind die Auswirkungen auf die amerikanischen Bündnisse.
Trump habe Europa, Japan, Südkorea und die Golfstaaten vor den Kopf gestoßen, indem er sie öffentlich für mangelnde Unterstützung kritisierte.
Mearsheimer warnt: Die USA verlieren Glaubwürdigkeit als verlässlicher Partner.
Länder in Asien und Europa beginnen bereits, über Alternativen nachzudenken – darunter eigene nukleare Abschreckung (Japan, Südkorea) oder eine eigenständige europäische Sicherheitsarchitektur.
China und Russland wirkten hingegen wie verantwortungsvolle Akteure, während die USA zunehmend isoliert und unberechenbar erscheinen.
Ausblick: Titanic auf Kollisionskurs
Mearsheimer vergleicht die aktuelle Lage mit der Titanic, die auf den Eisberg zusteuert.
Trump stehe unter enormem Druck: Auf der einen Seite Israel und die Lobby, die jede Kompromisslösung ablehnen, auf der anderen Seite die drohende globale Wirtschaftskatastrophe.
Die entscheidende Frage der nächsten Wochen laute: Wird Trump den Mut haben, sich von Israel zu lösen und einen Deal zu schließen, oder wird er aus innenpolitischen Gründen weiter eskalieren und damit die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen?
Der Professor schließt das Gespräch mit einem ernüchternden Satz: Es sei eine „thoroughly depressing“ Analyse – aber notwendig, um der Wahrheit Gehör zu verschaffen.
Prof. John Mearsheimer liefert in diesem Interview eine der schärfsten und kohärentesten Kritiken der aktuellen US-Außenpolitik.
Ob seine Warnungen Gehör finden oder die Eskalation weitergeht, wird sich in den kommenden Tagen und Wochen entscheiden.
Die Welt schaut zu – und die Uhr tickt.


