Die Schlagzeile klingt spektakulär: „Kommt bald die erste Impfung gegen Hautkrebs?“ Medien berichten über vielversprechende Studiendaten eines personalisierten mRNA-Produkts von Moderna, das bei Patienten mit schwarzem Hautkrebs das Rückfallrisiko deutlich senken soll.
Doch hinter der Erfolgsmeldung verbirgt sich eine Frage, die kaum gestellt wird: Handelt es sich überhaupt um eine Impfung im klassischen Sinn?
Vom Schutz vor Krankheiten zur Behandlung von Krankheiten
Jahrzehntelang war die Bedeutung des Begriffs „Impfung“ eindeutig. Eine Impfung sollte eine Krankheit verhindern, bevor sie entsteht. Masern, Polio oder Tetanus sind typische Beispiele.
Der neue Moderna-Kandidat funktioniert jedoch anders.
Die Patienten erhalten die Behandlung erst, nachdem bei ihnen bereits Krebs diagnostiziert und der Tumor entfernt wurde. Ziel ist nicht die Vorbeugung einer Erkrankung, sondern die Verhinderung eines Rückfalls. Damit bewegt sich die Technologie in einem Bereich, den die Pharmaindustrie seit Jahren als „therapeutische Impfstoffe“ bezeichnet.
Kritiker sehen darin jedoch einen grundlegenden Wandel der Sprache.
Obwohl Modernas neue modRNA gegen Hautkrebs nicht vorbeugend verabreicht wird, sondern erst nach der Erkrankung, bewirbt sie der Hersteller über Medien und Wikipedia als „Impfstoff”. Das klingt besser als genbasierte Chemotherapie. Orwell lässt grüßen.
— Stefan Homburg (@SHomburg) June 16, 2026
Hintergrund: Schon vor… pic.twitter.com/qsJBlT1Ufr
Die Macht der Begriffe
Sprache ist nie neutral.
„Impfstoff“ klingt nach Schutz, Prävention und öffentlicher Gesundheit. Der Begriff genießt in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Bezeichnungen wie „genbasierte Therapie“, „RNA-Behandlung“ oder „personalisierte Immuntherapie“ lösen dagegen deutlich weniger positive Assoziationen aus.
Genau deshalb fragen Kritiker, ob die Bezeichnung „Impfstoff“ heute nicht zunehmend als Marketinginstrument eingesetzt wird. Was früher klar zwischen Prävention und Therapie unterschieden wurde, verschmilzt nun sprachlich zu einer einzigen Kategorie.
Die neue Geschäftsstrategie?
Für die Pharmaindustrie eröffnet sich damit ein gigantischer Markt.
Wenn RNA-Technologien künftig gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Allergien oder andere Leiden eingesetzt werden können, entsteht ein völlig neues Geschäftsmodell.
Aus einzelnen Impfungen gegen bestimmte Infektionskrankheiten würde eine Plattformtechnologie für zahlreiche medizinische Anwendungen. Der Begriff „Impfstoff“ könnte dabei helfen, diese Produkte gesellschaftlich leichter zu akzeptieren.
Was die Studien tatsächlich zeigen
Die bisher veröffentlichten Daten zum Melanom-Projekt sind durchaus vielversprechend.
Dennoch handelt es sich nicht um einen endgültigen Durchbruch.
Die Teilnehmerzahl war begrenzt, die Behandlung wurde in Kombination mit einer bestehenden Krebsimmuntherapie eingesetzt, und Langzeitdaten fehlen noch.
Die Schlagzeile von der „Impfung gegen Hautkrebs“ suggeriert daher mehr Gewissheit, als die aktuelle Studienlage tatsächlich hergibt.
Die eigentliche Debatte
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob neue Therapien entwickelt werden sollten. Fortschritte in der Krebsmedizin sind grundsätzlich zu begrüßen. Die eigentliche Debatte betrifft Transparenz.
Sollte eine Therapie, die erst nach Ausbruch einer Krankheit eingesetzt wird, als „Impfstoff“ bezeichnet werden?
Oder wird hier bewusst eine vertraute Sprache genutzt, um eine neue Generation genetischer und RNA-basierter Behandlungen unter einem positiv besetzten Begriff zu vermarkten?
Fazit
Moderna und andere Pharmakonzerne arbeiten an Technologien, die die Medizin verändern könnten. Doch parallel verändert sich auch die Sprache. Aus Impfungen gegen Infektionskrankheiten werden „Impfungen“ gegen Krebs, Allergien und zahlreiche andere Erkrankungen. Ob dies ein wissenschaftlicher Fortschritt oder ein sprachlicher Taschenspielertrick ist, wird die öffentliche Debatte der kommenden Jahre zeigen.
Fest steht jedoch:
Je mehr Krankheiten künftig als Ziel von „Impfstoffen“ definiert werden, desto wichtiger wird die Frage, ob die Bevölkerung noch klar zwischen Vorbeugung, Behandlung und Marketing unterscheiden kann.


