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Die schockierenden Ursprünge des Falles Jeffrey Epstein
Das zusammengesetzte Bild zeigt von links nach rechts: Lewis Rosenstiel, Jeffrey Epstein und Roy Cohn. Grafik | Emma Fiala

Die schockierenden Ursprünge des Falles Jeffrey Epstein

Von Whitney Webb: Sie ist eine MintPress News-Journalistin mit Sitz in Chile. Sie hat für verschiedene unabhängige Medien gearbeitet, darunter Global Research, EcoWatch, das Ron Paul Institute und 21st Century Wire, um nur einige zu nennen. Sie hat mehrere Radio- und Fernsehauftritte absolviert und ist die Gewinnerin des Serena Shim Award 2019 für kompromisslose Integrität im Journalismus.

Epstein ist nur die jüngste Inkarnation einer viel älteren, umfangreicheren und raffinierteren Operation, die einen erschreckenden Einblick darin gewährt, wie tief die US-Regierung mit den modernen Äquivalenten des organisierten Verbrechens verbunden ist.

Trotz seines „Sweetheart“-Deals und obwohl er scheinbar der Justiz entgangen ist, wurde der Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein Anfang dieses Monats wegen Sexhandels von Minderjährigen unter mehreren Bundesanklagen verhaftet [1]. Epsteins Verhaftung hat die Aufmerksamkeit der Medien erneut auf viele seiner berühmten Freunde gelenkt, darunter auch den aktuellen Präsidenten (Donald Trump, Anm. d Übers.).

Seitdem wurden viele Fragen darüber gestellt, wie viele von Epsteins berühmten Freunden von seinen Aktivitäten wussten und was Epstein genau vorhatte. Letzteres erhielt wohl die meiste Aufmerksamkeit, nachdem berichtet wurde, dass Alex Acosta – der Epsteins „Sweetheart“-Deal im Jahr 2008 arrangierte und kürzlich nach Epsteins Verhaftung als Donald Trumps Arbeitsminister zurücktrat [2] – behauptete, der mysteriöse Milliardär habe für den „Geheimdienst“ gearbeitet [3].

Andere Untersuchungen haben immer deutlicher gemacht, dass Epstein eine Erpressungsoperation betrieb [4], da er die Veranstaltungsorte – ob in seiner New Yorker Villa oder auf seiner karibischen Insel – mit Mikrofonen und Kameras verwanzt hatte, um die anzüglichen Interaktionen aufzuzeichnen, die zwischen seinen Gästen und den minderjährigen Mädchen, die Epstein ausnutzte, stattfanden. Epstein schien eine Menge Material aus diesen Erpressungen in einem Safe auf seiner Privatinsel gesichert zu haben [5].

Behauptungen über Epsteins Verbindungen und seine Beteiligung an einer ausgeklügelten, gut finanzierten sexuellen Erpressungs-Operation haben überraschenderweise nur wenige Medien dazu veranlasst, die Geschichte von Geheimdiensten – sowohl in den USA als auch im Ausland – zu untersuchen, die ähnliche sexuelle Erpressungs-Operationen durchführen, und in die auch viele minderjährige Prostituierte involviert wurden.

Allein in den USA betrieb die CIA landesweit zahlreiche sexuelle Erpressungs-Operationen und setzte Prostituierte ein, um ausländische Diplomaten ins Visier zu nehmen [6]. Dies bezeichnete die Washington Post einmal als die „Liebesfallen“ der CIA. Wenn man noch weiter in der US-Geschichte zurückgeht, wird deutlich, dass diese Taktiken und ihr Einsatz gegen mächtige politische und einflussreiche Persönlichkeiten wesentlich älter sind als die CIA – und sogar älter als deren Vorläufer, das Office of Strategic Services (OSS). In der Tat wurden sie Jahre zuvor von niemand anderem als der amerikanischen Mafia entwickelt.

Im Zuge dieser Untersuchung entdeckte MintPress, dass eine Handvoll Figuren, die während und nach der Prohibition einflussreich im organisierten Verbrechen Amerikas tätig waren, direkt in sexuelle Erpressungs-Operationen verwickelt waren. Die sie für ihre eigenen, oft dunklen Zwecke nutzten.

In Teil I dieser exklusiven Untersuchung wird MintPress eruieren, wie ein mit der Mafia verbundener Geschäftsmann mit tiefgreifenden Verbindungen zum berüchtigten Gangster Meyer Lansky, enge Beziehungen zum Federal Bureau of Investigation (FBI) entwickeln konnte – während er gleichzeitig jahrzehntelang eine sexuelle Erpressungsoperation betrieb, die später ein verdeckter Teil des antikommunistischen Kreuzzugs der 1950er Jahre wurde. Diese wurde von Senator Joseph McCarthy (R-WI) angeführt, der selber in ganz Washington für seine Angewohnheit bekannt war, betrunken minderjährige Mädchen zu befummeln.

Dennoch sollte es einer von McCarthys engsten Mitarbeitern sein, der in späteren Jahren den Ring übernahm. Er handelte mit Minderjährigen und weitete die sexuelle Erpressung aus, während er gleichzeitig seinen eigenen politischen Einfluss ausbaute. Dies brachte ihn in engen Kontakt mit prominenten Persönlichkeiten, unter denen sich der ehemalige Präsident Ronald Reagan befand sowie ein Mann, der später Präsident werden sollte: Donald Trump.

Wie in Teil II gezeigt werden wird, wurde die Erpressungs-Operation nach dem Tod dieser Figur unter verschiedenen Nachfolgern in verschiedenen Städten fortgesetzt. Es gibt starke Hinweise darauf, dass Jeffrey Epstein einer von ihnen wurde.

Samuel Bronfman und die Mafia

Die Ära der Prohibition in den Vereinigten Staaten wird oft als Beispiel dafür herangezogen, wie das Verbot von Partydrogen nicht nur deren Popularität erhöht, sondern auch einen Boom krimineller Aktivitäten verursacht. In der Tat war es die Prohibition, die die amerikanische Mafia erstarken ließ. Die obersten Verbrecherfürsten dieser Zeit wurden durch den heimlichen Handel und Verkauf von Alkohol reich – zusätzlich zum Glücksspiel und anderen Aktivitäten.

Es ist das Schmuggelgeschäft der 1920er und frühen 1930er Jahre, mit dem diese Geschichte beginnt, denn er brachte Schlüsselfiguren zusammen, deren Nachfolger und Partner schließlich eine Reihe von Erpressungs- und Sexhandels-Ringen ins Leben rufen sollten. Aus denen Jeffrey Epstein, der „Lolita Express“ und „Orgy Island“ hervorgehen sollten.

Samuel Bronfman hatte nie vor, ein großer Alkoholproduzent zu werden, aber getreu dem Nachnamen seiner Familie, der auf Jiddisch „Schnapsmann“ bedeutet, begann er schließlich mit dem Vertrieb von Alkohol, als Erweiterung des Hotelgeschäfts seiner Familie. Während der kanadischen Prohibitionszeit, die kürzer war als die des südlichen Nachbarn und dieser vorausging, nutzte das Bronfman-Familien-Unternehmen Schlupflöcher, um das Gesetz zu umgehen und technisch legale Wege zu finden, Alkohol in den Hotels und Geschäften zu verkaufen, die der Familie gehörten [7]. Die Familie verließ sich auf ihre Verbindungen zu Mitgliedern der amerikanischen Mafia, um illegal Alkohol aus den Vereinigten Staaten zu schmuggeln.

Kurz nachdem die Prohibition in Kanada endete, begann sie in den Vereinigten Staaten. Als sich der Strom des illegalen Alkohols von der einen in die andere Richtung umkehrte, waren die Bronfmans – deren Geschäfte damals von Sam Bronfman und seinen Brüdern geführt wurden – relativ spät dran für ein bereits florierendes Schmuggelgeschäft.

„Wir waren Spätstarter auf den beiden lukrativsten Märkten – auf hoher See und jenseits des Detroit River. Was aus dem Grenzhandel in Saskatchewan kam, war im Vergleich dazu unbedeutend“, sagte Bronfman einmal dem kanadischen Journalisten Terence Robertson [8], der damals eine Biografie über Bronfman schrieb. Nichtsdestotrotz: „Das war der Zeitpunkt, an dem wir anfingen, richtig Geld zu machen“, erzählte Bronfman. Robertsons Biografie über Bronfman wurde nie veröffentlicht, da er unter mysteriösen Umständen starb, kurz nachdem er seine Kollegen gewarnt hatte, dass er unappetitliche Informationen über die Familie Bronfman aufgedeckt hatte [9].

Der Schlüssel zu Bronfmans Erfolg während der amerikanischen Prohibition waren die Verbindungen, die seine Familie während der kanadischen Prohibition zum organisierten Verbrechen gepflegt hatte. Verbindungen, die viele prominente Mitglieder der Mafia in den Vereinigten Staaten dazu brachten, Bronfman als Geschäftspartner zu bevorzugen. Bronfman-Schnaps wurde in großen Mengen von vielen Verbrecherfürsten gekauft, die in der amerikanischen Legende noch immer weiterleben, darunter Charles „Lucky“ Luciano, Moe Dalitz, Abner „Longy“ Zwillman und Meyer Lansky [10].

Die meisten von Bronfmans Mafia-Kollegen während der Prohibition waren Mitglieder dessen, was als Nationales Verbrechersyndikat bekannt wurde und welches ein Untersuchungsgremium des Senats aus den 1950er Jahren, das Kefauver-Komitee, als eine von der italienisch-amerikanischen und jüdisch-amerikanischen Mafia dominierte Konföderation beschrieb. Während dieser Untersuchung benannten einige der größten Namen der amerikanischen Mafia Bronfman als eine zentrale Figur in ihren Schmuggelgeschäften [11]. Die Witwe des berüchtigten amerikanischen Mafiabosses Meyer Lansky erzählte sogar, wie Bronfman üppige Dinnerpartys für ihren Mann geschmissen hat.

Jahre später wurden Samuel Bronfmans Kinder und Enkel – ihre Familien-Verbindungen zur kriminellen Unterwelt waren weiterhin intakt – enge Partner von Leslie Wexner, der angeblich die Quelle eines Großteils des geheimnisvollen Reichtums Epsteins war. Die Bronfmans wurden auch Partner anderer, mit der Mafia verbundener „Philanthropen“. Einige davon betrieben ihre eigenen sexuellen Erpressungs-Operationen, einschließlich des kürzlich aufgeflogenen „Sex-Kult“ NXIVM, der auf Erpressung basierte [12]. Die späteren Generationen der Bronfman-Familie, insbesondere Samuel Bronfmans Söhne Edgar und Charles, werden in Teil II dieses Berichts ausführlicher behandelt.

Das dunkle Geheimnis von Lewis Rosenstiel

Entscheidend für Bronfmans Schmuggelgeschäfte während der Prohibitions-Ära waren zwei Mittelsmänner, von denen einer Lewis „Lew“ Rosenstiel war [13]. Rosenstiel begann vor der Prohibition in der Brennerei seines Onkels in Kentucky zu arbeiten. Als das Gesetz zum Verbot von Alkohol in Kraft war, gründete Rosenstiel die Schenley Products Company, die später zu einem der größten Spirituosen-Unternehmen in Nordamerika werden sollte.
Obwohl er ein High School-Abbrecher und zu dieser Zeit gesellschaftlich nicht besonders gut vernetzt war, hatte Rosenstiel 1922 während eines Urlaubs an der französischen Riviera eine „zufällige“ Begegnung mit Winston Churchill. Laut der New York Times „riet Churchill ihm [Rosenstiel], sich auf die Rückkehr des Alkoholverkaufs in den Vereinigten Staaten vorzubereiten“ [14]. Rosenstiel schaffte es irgendwie, sich die Finanzierung der elitären und angesehenen Wall-Street-Firma Lehman Brothers zu sichern, um seinen Kauf von stillgelegten Brennereien zu finanzieren [15].

Offiziell heißt es, Rosenstiel habe sein Unternehmen und sein Vermögen nach der Prohibition aufgebaut, indem er Churchills Rat befolgte, sich auf die Aufhebung der Prohibition vorzubereiten. Er war jedoch eindeutig in Alkoholschmuggel-Geschäfte verwickelt und wurde 1929 sogar wegen Alkoholschmuggels angeklagt, obwohl er sich einer Verurteilung entziehen konnte. Wie Bronfman stand auch Rosenstiel dem organisierten Verbrechen nahe, insbesondere den Mitgliedern der meist jüdisch-amerikanischen und italienisch-amerikanischen Mafia-Allianz, die als National Crime Syndicate (Nationales Verbrechersyndikat) bekannt war.

Nachfolgende Untersuchungen der Legislative des Staates New York sollten aufzeigen, dass Rosenstiel „Teil eines ‚Konsortiums‘ mit Unterweltfiguren war, die Alkohol in Kanada [von Samuel Bronfman] kauften“ [16]. Dessen andere Mitglieder waren „Meyer Lansky, der angebliche Anführer des organisierten Verbrechens; Joseph Fusco, ein Mitarbeiter des verstorbenen Chicagoer Gangsters Al Capone und Joseph Linsey, ein Mann aus Boston, den Mr. Kelly [der aussagende Untersuchungsbeauftragte des Kongresses] als einen verurteilten Schmuggler identifizierte.“ [17] Rosenstiels Beziehung zu diesen Männern, insbesondere zu Lansky [18], sollte noch lange nach der Prohibition fortbestehen. Samuel Bronfman seinerseits sollte ebenfalls seine Mafia-Verbindungen aufrechterhalten.

Neben seinen Freunden in der Mafia pflegte Rosenstiel auch enge Beziehungen zum FBI. Er entwickelte eine enge Beziehung zum langjährigen FBI-Direktor J. Edgar Hoover [19] und machte 1957 Louis Nichols, Hoovers rechte Hand und langjähriger Assistent beim FBI, zum Vizepräsidenten seines Schenley-Imperiums [20].

Trotz ihres ähnlichen Hintergrunds als Schmugglerbarone, die zu „respektablen“ Geschäftsleuten wurden, unterschieden sich Bronfmans und Rosenstiels Persönlichkeiten drastisch und ihre Beziehung war bestenfalls kompliziert. Ein Beispiel für die Verschiedenheit von Nordamerikas Top-Spirituosen-Baronen war der Umgang mit ihren Mitarbeitern. Bronfman war nicht unbedingt dafür bekannt, ein grausamer Chef zu sein, während Rosenstiel für sein sprunghaftes und „monströses“ Verhalten gegenüber den Angestellten bekannt war, ebenso wie für seine ungewöhnliche Praxis, seine Büros zu verwanzen, um zu hören, was die Angestellten über ihn sagten, wenn er nicht anwesend war [21].

Solche Unterschiede zwischen Bronfman und Rosenstiel spiegelten sich auch in ihrem Privatleben wider. Während Bronfman nur einmal heiratete und seiner Frau treu war, war Rosenstiel fünfmal verheiratet und für seine relativ verdeckten bisexuellen Eskapaden bekannt. Ein Teil seines Lebens, der vielen seiner engen Mitarbeiter und Angestellten bekannt war [22].

Obwohl es jahrelang nur Hinweise auf diese andere Seite des umstrittenen Geschäftsmannes gab, tauchten Jahre später während eines Scheidungsverfahrens, das von Rosenstiels vierter Ehefrau, Susan Kaufman, angestrengt wurde, Details auf, die diese Behauptungen untermauern sollten. Kaufman behauptete, dass Rosenstiel extravagante Partys veranstaltete, zu denen auch „männliche Prostituierte“ gehörten, die ihr Mann „zum Vergnügen“ bestimmter Gäste angeheuert hatte [23]. Zu den Gästen dieser Partys gehörten wichtige Regierungsbeamte und prominente Persönlichkeiten der kriminellen Unterwelt Amerikas [24]. Kaufman würde später die gleichen Aussagen bei der Anhörung des New Yorker State Joint Legislative Committee on Crime in den frühen 1970er Jahren unter Eid wiederholen.

Rosenstiel organisierte diese Partys nicht nur, sondern er sorgte auch dafür, dass die Veranstaltungsorte mit Mikrofonen verwanzt wurden, die die Eskapaden seiner hochkarätigen Gäste aufzeichneten. Diese Audio-Aufnahmen wurden dann zum Zweck der Erpressung behalten, behauptete Kaufman. Obwohl Kaufmans Behauptungen schockierend sind, wurde ihre Aussage vom ehemaligen Chefjustiziar des Verbrechenskomitees, dem New Yorker Richter Edward McLaughlin und dem Ermittler des Komitees, William Gallinaro, für glaubwürdig gehalten und hoch geachtet [25]. Aspekte ihrer Aussage wurden später von zwei separaten Zeugen bestätigt, die Kaufman unbekannt waren.

Diese „Erpresser-Partys“ bieten einen Einblick in eine Operation, die später ausgeklügelter werden und in den 50er Jahren unter Rosenstiels „Feldkommandeur“ (ein Spitzname, den Rosenstiel einer Person gab, die in diesem Bericht in Kürze genannt werden wird) dramatisch anwachsen sollte. Viele der Personen, die in den 70er und 80er Jahren mit Rosenstiels „Feldkommandanten“ in Verbindung standen, haben nach der kürzlichen Verhaftung Jeffrey Epsteins ihre Namen in der Presse wiedergefunden.

Der „Unantastbare“ Mafioso

Bronfman und Rosenstiel wurden im nordamerikanischen Spirituosengeschäft legendär. Unter anderem wegen ihres Kampfes um die Vorherrschaft in der Branche, der laut New York Times oft „in erbitterten persönlichen und unternehmerischen Kämpfen“ ausbrach [26]. Trotz ihrer Duelle in der Geschäftswelt verband die beiden Geschäftsleute vor allem eines: ihre enge Verbindung zum organisierten Verbrechen in Amerika, insbesondere zum berühmten Mafioso Meyer Lansky.

Lansky ist einer der berüchtigtsten Gangster in der Geschichte des organisierten Verbrechens in Amerika. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er der einzige – unter den in den 1920er Jahren berühmt gewordenen Mafiosi – war, der es schaffte, als alter Mann zu sterben und nie einen Tag im Gefängnis zu verbringen.

Lanskys langes Leben und seine Fähigkeit, Gefängnisstrafen zu vermeiden, waren größtenteils das Ergebnis seiner engen Beziehungen zu mächtigen Geschäftsleuten wie Bronfman und Rosenstiel (neben vielen anderen), dem Federal Bureau of Investigation (FBI) und den US-Geheimdiensten. Auch seine Rolle beim Aufbau mehrerer Erpressungs- und Schutzgelderpressungs-Ringe, half ihm, das Gesetz auf Distanz zu halten. Als Lansky in den 1970er Jahren schließlich eines Verbrechens angeklagt wurde, war es der Internal Revenue Service, der die Anklage erhob, und nicht das FBI. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und freigesprochen.

Lansky stand sowohl Bronfman als auch Rosenstiel bemerkenswert nahe. Bronfman schmiss regelmäßig „verschwenderische Dinnerpartys“ zu Lanskys Ehren, sowohl während als auch nach der Prohibition [27]. Diese Partys sind Lanskys Frau in guter Erinnerung geblieben, und Lansky wiederum tat Bronfman Gefallen, die vom exklusiven Schutz seiner Lieferungen während der Prohibition bis hin zur Beschaffung von Eintrittskarten für begehrte „Kampf des Jahrhunderts“-Boxkämpfe reichten.

Rosenstiel schmiss ebenfalls regelmäßig Dinnerpartys zu Ehren von Lansky. Susan Kaufman, Rosenstiels Ex-Frau, behauptete, zahlreiche Fotos von ihrem Ex-Mann und Lansky beim geselligen Beisammensein und Feiern gemacht zu haben. Fotos, die auch von Mary Nichols vom Philadelphia Inquirer gesehen wurden [28]. Darüber hinaus war Lansky nach Kaufmans Erinnerung eine der Personen, die Rosenstiel vor rechtlichen Untersuchungen zu schützen versuchte, die im Zuge seines Kinderprostitutions- und Erpressungs-Rings aufkommen könnten. Bei diesen Erpressungen wurden hochrangige Beamte ins Visier genommen. Rosenstiel wurde dabei belauscht, als er sagte, falls die Regierung „jemals Druck gegen Lansky ausübt oder gegen einen von uns, werden wir das hier [eine bestimmte Aufnahme, die auf einer der ‚Partys‘ gemacht wurde] zur Erpressung verwenden.“ [29]

Lansky war dafür bekannt, Rosenstiel als „Obersten Befehlshaber“ zu bezeichnen [30]. Ein Titel, der später von einem anderen Individuum – das eng mit der Mafia und sexuellen Erpressungs-Operationen verbunden war – auf Rosenstiel angewandt wurde, und das schon zuvor in diesem Bericht als Rosenstiels „Feldkommandant“ bezeichnet wurde [31].

Lansky hatte auch enge Verbindungen zur CIA und dem militärischen Geheimdienst der USA. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Lansky – zusammen mit seinem Partner Benjamin „Bugsy“ Siegel – mit dem Marinegeheimdienst zusammen. Dies wurde unter dem Codenamen „Operation Underworld“ bekannt [32], eine Operation, deren Existenz die Regierung über 40 Jahre lang leugnete.

Der Journalist und bekannte Chronist von verdeckten CIA-Aktivitäten, Douglas Valentine, bemerkte in seinem Buch „The CIA as Organized Crime: How Illegal Operations Corrupt America and the World“ („Die CIA als organisiertes Verbrechen: Wie illegale Operationen Amerika und die Welt korrumpieren“) [33], dass die Zusammenarbeit der Regierung mit der Mafia während des Zweiten Weltkriegs zu ihrer Expansion nach dem Krieg führte und die Voraussetzungen für ihre zukünftige Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst schuf.
Laut Valentine:

„Top-Regierungsbeamte waren sich auch bewusst, dass der faustische Pakt der Regierung mit der Mafia während des Zweiten Weltkriegs den Ganoven erlaubte, sich im Mainstream Amerikas einzuschleichen. Im Gegenzug für die während des Krieges geleisteten Dienste wurden die Mafia-Bosse für Dutzende von ungelösten Morden vor der Strafverfolgung geschützt. […] Die Mafia war 1951 [als das Kefauver-Komitee [34] einberufen wurde] ein großes Problem, vergleichbar mit dem Terrorismus heute. Aber sie war auch ein geschützter Zweig der CIA, die an kriminellen Organisationen auf der ganzen Welt beteiligt war und sie in ihrem geheimen Krieg gegen die Sowjets und Rotchinesen einsetzte. Die Mafia hatte mit Uncle Sam kollaboriert und war gestärkt und ermächtigt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen. Sie kontrollierten Städte im ganzen Land.“

In der Tat knüpfte die CIA nicht lange nach ihrer Gründung, auf Geheiß von James J. Angleton, des CIA-Gegenspionagechefs, Verbindungen zu Lansky. Die CIA wandte sich später in den frühen 1960er Jahren an die mit Lansky verbundene Mafia als Teil ihrer durchweg aussichtslosen Versuche, den kubanischen Führer Fidel Castro zu ermorden [35]. Dies zeigt, dass die CIA ihre Kontakte zu den von Lansky kontrollierten Elementen der Mafia noch lange nach dem ersten Treffen mit Lansky aufrechterhielt.

Die CIA hatte auch enge Verbindungen zu Lanskys Partnern [36], wie z. B. Edward Moss, der Öffentlichkeitsarbeit für Lansky machte und von dem der damalige Generalinspekteur der CIA, J. S. Earman, sagte, er sei für die CIA „interessant“. Harry „Happy“ Meltzer war ebenfalls ein weiterer Lansky-Partner, der für die CIA tätig war. Die CIA bat Meltzer im Dezember 1960, einem Attentäterteam beizutreten.

Neben der CIA war Lansky durch Tibor Rosenbaum, einen Waffenbeschaffer und hochrangigen Beamten des israelischen Mossad, auch mit einem ausländischen Geheimdienst verbunden. Dessen Bank – die International Credit Bank of Geneva – wusch einen Großteil von Lanskys unrechtmäßig erworbenen Gewinnen und wandelte sie in legitime amerikanische Unternehmen um [37].

Der Journalist Ed Reid, Autor der Virginia Hill-Biografie „The Mistress and the Mafia“ [38], schrieb, dass Lansky bereits 1939 versuchte, mächtige Leute durch sexuelle Erpressung zu verführen. Reid behauptet, dass Lansky eine Ms. Hill nach Mexiko schickte, wo seine Westküstenverbindungen einen Drogenring aufgebaut hatten, der später das OSS, den Vorläufer der CIA, einbezog, um zahlreiche „Spitzenpolitiker, Armeeoffiziere, Diplomaten und Polizeibeamte“ zu verführen.

Schließlich wurde Lansky zugeschrieben, irgendwann in den 1940er Jahren kompromittierende Fotos von FBI-Direktor J. Edgar Hoover beschafft zu haben. Die Fotos zeigten „Hoover in einer Art schwulen Situation“, so ein ehemaliger Mitarbeiter von Lansky [39], der auch sagte, dass Lansky oft behauptet hatte: „Ich habe diesen Hurensohn zur Ordnung gebracht.“ (Original: „I fixed that son of a bitch.“). Die Fotos zeigten Hoover bei sexuellen Aktivitäten mit seinem langjährigen Freund, dem stellvertretenden FBI-Direktor Clyde Tolson [40].

Irgendwann fielen diese Fotos in die Hände des Chefs der CIA-Gegenspionage, James J. Angleton, der die Fotos später mehreren anderen CIA-Beamten zeigte, darunter John Weitz und Gordon Novel [41]. Angleton war bis zu seinem Ausscheiden 1972 für die Beziehungen der CIA zum FBI und zum israelischen Mossad zuständig. Wie schon erwähnt, stand er auch in Kontakt mit Lansky.

Anthony Summers, ehemaliger BBC-Journalist und Autor von „Official and Confidential: The Secret Life of J. Edgar Hoover“ [42], argumentierte, dass es nicht Lansky war, sondern William Donovan, der Direktor des OSS, der die Originalfotos von Hoover besorgte und sie später mit Lansky teilte.

Summers erklärte auch, dass „für [die Gangster Frank] Costello und Lansky die Fähigkeit, Politiker, Polizisten und Richter zu korrumpieren, von grundlegender Bedeutung für Mafia-Operationen war. Der Weg, den sie fanden, um mit Hoover umzugehen, beinhaltete laut mehreren Mafia-Quellen seine Homosexualität.“ [43] Diese Anekdote zeigt, dass Lanksy und die CIA eine verdeckte Beziehung unterhielten, die u. a. den Austausch von Erpressungsmaterial (d. h. „Geheimdienstinformationen“) beinhaltete.

Es ist ebenfalls möglich, dass Hoover während einer von Rosenstiels „Erpresser-Partys“ von der Mafia umgarnt wurde. Bei diesen Partys fand sich Hoover manchmal selbst zwischen prominenten Figuren der Mafia wieder. Hoover soll bei einigen der Veranstaltungen Frauenkleidung getragen haben. Meyer Lanskys Frau sagte später, dass ihr Mann Fotos des ehemaligen FBI-Direktors in Frauenkleidern besaß [44]. Darüber hinaus ist aktenkundig, dass Hoover bereits 1939 eine ungewöhnliche Besorgnis – bezüglich des Umgangs des FBI mit den kriminellen Verbindungen Rosenstiels – zeigte [45]. Das ist dasselbe Jahr, in dem sein enger Partner Lansky aktiv die sexuelle Erpressung mächtiger politischer Persönlichkeiten einfädelte.

Die Erpressung, der Hoover ausgesetzt war, sowie die im Besitz der Mafia befindlichen Beweise wurden als ein wichtiger Faktor für Hoovers jahrzehntelange Leugnung angeführt, dass landesweite Netzwerke des organisierten Verbrechens ein ernsthaftes Problem darstellten [46]. Hoover behauptete, es handele sich um ein dezentralisiertes, lokales Problem und läge daher außerhalb der Zuständigkeit des FBI. Als Hoover 1963 endlich die Existenz nationaler Netzwerke des organisierten Verbrechens anerkannte, waren diese bereits so fest im US-Establishment verankert, dass sie unantastbar waren.

Der Berater des Kongresses in Sachen Kriminalität (Congressional crime consultant), Ralph Salerno, sagte 1993 zu Summers, dass Hoovers vorsätzliche Ignoranz gegenüber dem organisierten Verbrechen während des größten Teils seiner Karriere als FBI-Direktor „dem organisierten Verbrechen erlaubte, in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht sehr stark zu werden. So wurde es zu einer viel größeren Bedrohung für das Wohlergehen dieses Landes, als es das gewesen wäre, wenn es viel früher angegangen worden wäre.“ [47]

J. Edgar Hoover: Erpressungs-Opfer?

Die meisten Aufzeichnungen setzen den Beginn von Hoovers Beziehung zu Rosenstiel in den 1950er Jahren an, demselben Jahrzehnt, in dem Susan Kaufman berichtete, dass Hoover an Rosenstiels Erpressungs-Partys teilnahm. Rosenstiels FBI-Akte [48], die von Anthony Summers beschafft wurde, legt das erste Treffen mit Rosenstiel ins Jahr 1956, obwohl Summers anmerkt, dass es Beweise dafür gibt, dass sie sich schon viel früher getroffen haben. Nachdem er um das Treffen gebeten hatte, wurde Rosenstiel innerhalb weniger Stunden ein persönliches Treffen mit dem Direktor gewährt. Die FBI-Akte über Rosenstiel zeigt auch, dass der Schnapsbaron Hoover stark beeinflusste, um seine Geschäftsinteressen zu wahren.

Während dieser Zeit waren die anzüglichen Details von Hoovers Sexualleben bereits dem US-Geheimdienst und der Mafia bekannt. Hoover war sich bewusst, dass sie von seiner verdeckten Sexualität und seiner Vorliebe für Frauenkleidung wussten. Dennoch schien er genau die Art von sexueller Erpressung zu befürworten, die sein Privatleben kompromittiert hatte – und das auch angesichts der Tatsache, dass er in den 1950er und 1960er Jahren auf vielen von Rosenstiels „Erpresser-Partys“ gesehen wurde. Unter anderem an Orten wie Rosenstiels Privatwohnung und später im Plaza Hotel in Manhattan. Hoovers Vorliebe, sich als Drag-Queen zu kleiden, wurde auch von zwei Zeugen beschrieben, die nicht mit Susan Kaufman verbunden waren [49].

Kurz nach ihrem ersten „offiziellen“ Treffen blühte die öffentliche Beziehung zwischen den beiden Männern schnell auf, wobei Hoover Rosenstiel sogar Blumen schickte, als dieser krank wurde. Summers berichtete, dass man im Jahre 1957 Rosenstiel während eines Treffens zu Hoover sagen hörte: „Ihr Wunsch ist mir Befehl.“ [50] Ihre Beziehung blieb in den 1960er Jahren und darüber hinaus eng und intim.

Wie Rosenstiel war Hoover dafür bekannt, Erpressungs-Material über Freund und Feind gleichermaßen anzuhäufen [51]. Hoovers Büro enthielt „geheime Akten“ über zahlreiche mächtige Leute in Washington und darüber hinaus. Akten, die er benutzte, um Gefallen zu erlangen und seinen Status als FBI-Direktor so lange zu schützen, wie er es wünschte.

Hoovers eigene Neigung zur Erpressung lässt vermuten, dass er mit Rosenstiels sexueller Erpressungs-Operation noch direkter in Verbindung stand. Denn er wusste bereits, dass er kompromittiert war, und seine Beteiligung an der Operation würde somit als Mittel zur Beschaffung derjenigen Erpressungs-Materialien dienen, die er für seine eigenen Zwecke nutzen wollte. Wenn Hoover lediglich von der mit Lansky und Rosenstiel verbundenen Mafia erpresst worden wäre, wäre es in der Tat unwahrscheinlich, dass er so freundlich zu Rosenstiel, Lansky und den anderen Mafiosi bei diesen Treffen gewesen wäre und mit solcher Regelmäßigkeit daran teilgenommen hätte.

Laut dem Journalisten und Autor Burton Hersh war Hoover auch mit Sherman Kaminsky verbunden, der in New York eine sexuelle Erpressungs-Operation mit jungen männlichen Prostituierten betrieb. Diese Operation wurde 1966 in einer Erpressungs-Ermittlung unter der Leitung von Frank Hogan, Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, aufgedeckt und untersucht, obwohl das FBI schnell die Untersuchung übernahm und Fotos von Hoover und Kaminsky bald darauf aus der Fallakte verschwanden [52].

Hoovers und Rosenstiels tiefe Verbundenheit sollte sich im Laufe der Jahre weiter entwickeln. Ein Beispiel dafür ist Rosenstiels Einstellung des langjährigen Hoover-Mitarbeiters Louis Nichols als Vizepräsident seines Schenley-Likör-Imperiums sowie Rosenstiels Spende von über einer Million Dollar an die J. Edgar Hoover Foundation [53], die Nichols zu dieser Zeit ebenfalls leitete.

Es gibt auch mehr als nur eine dokumentierte Gelegenheit, bei der Hoover versuchte Erpressung einzusetzen, um Rosenstiel und seinen „Feldkommandanten“ zu schützen – niemand anderen als den berüchtigten Roy Cohn, die andere Schlüsselfigur in Rosenstiels sexueller Erpressungs-Operation mit Minderjährigen.

Die Erschaffung eines Monsters

Auch Jahrzehnte nach seinem Tod bleibt Roy Cohn eine kontroverse Figur, nicht zuletzt wegen seiner engen, persönlichen Beziehungen zum aktuellen US-Präsidenten Donald Trump [54]. Doch Berichte über Cohn, sowohl in jüngster Zeit als auch in den vergangenen Jahren, verfehlen in ihrer Charakterisierung dieses Mannes oft das Ziel. Er war eng mit dem Weißen Haus unter Reagan, der CIA, dem FBI, dem organisierten Verbrechen – und, nebenbei bemerkt, vielen der Figuren, die später Jeffrey Epstein umgeben sollten – verbunden.

Um das wahre Wesen des Mannes zu verstehen, ist es unerlässlich, seinen Aufstieg zur Macht in den frühen 1950er Jahren zu untersuchen. Er wurde im Alter von nur 23 Jahren eine Schlüsselfigur in dem vielbeachteten Prozess gegen die sowjetischen Spione Ethel und Julius Rosenberg und später die rechte Hand von Senator Joseph McCarthy (R-WI).

Cohns Engagement für antikommunistische Aktivitäten in den 1950er Jahren ist es angeblich, was ihn bei J. Edgar Hoover, den er 1952 zum ersten Mal traf, zuerst beliebt machte. Während dieses Treffens, das Hersh in „Bobby and J. Edgar: The Historic Face-Off Between the Kennedys and J. Edgar Hoover That Transformed America“ [55] beschreibt, drückte Hoover seine Bewunderung für Cohns aggressive und manipulative Taktiken aus. Er sagte Cohn, er solle „mich direkt anrufen“, wenn er Informationen habe, die es wert sind, geteilt zu werden. Von diesem Zeitpunkt an tauschten Cohn und Hoover „Gefälligkeiten, überschwängliche Komplimente, Geschenke und aufwendige private Abendessen untereinander aus. Es kam schnell zu ‚Roy‘ und ‚Edgar‘.“ Hersh beschreibt Hoover auch als Cohns zukünftigen „Consigliere“.

Das Datum und die Umstände des Kennenlernens von Cohn und Rosenstiel sind schwieriger zu ergründen. Es ist möglich, dass die Verbindung über Roy Cohns Vater, Albert Cohn, hergestellt wurde. Der war ein prominenter Richter und eine einflussreiche Figur im Apparat der Demokratischen Partei von New York City, die damals von Edward Flynn geleitet wurde. Später wurde aufgedeckt, dass die von Flynn dominierte und in der Bronx ansässige Organisation der Demokraten langjährige Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte, darunter auch zu Partnern von Meyer Lansky [56].

Unabhängig davon, wie oder wann sie begann, war die Beziehung zwischen Cohn und Rosenstiel eng und wurde oft mit der von Vater und Sohn verglichen [57]. Man sagte, sie hätten sich häufig in der Öffentlichkeit gegrüßt und seien auch eng verbunden geblieben, bis Rosenstiel dem Tode nahe war. Zu diesem Zeitpunkt versuchte Cohn, seinen damals kaum bei Bewusstsein befindlichen und senilen „Freund“ und Kunden auszutricksen, damit er ihn zum Vollstrecker und Treuhänder des Nachlasses des Spirituosen-Magnaten ernannte [58]. Dieser wurde auf 75 Millionen Dollar geschätzt (heute mehr als 334 Millionen Dollar).

Das LIFE-Magazine berichtete 1969, dass Cohn und Rosenstiel sich seit Jahren gegenseitig als „Field Commander“ (Feldkommandant) bzw. „Supreme Commander“ (oberster Kommandant) bezeichneten [59]. Medienhinweise auf diese Spitznamen erscheinen in anderen Artikeln aus dieser Zeit [60].

Obwohl LIFE und andere Medien dies als bloße Anekdote über die Spitznamen interpretiert haben, die im Scherz zwischen engen Freunden ausgetauscht wurden, legt die Tatsache, dass der berüchtigte Verbrecherfürst Meyer Lansky Rosenstiel ebenfalls „Supreme Commander“ nannte [61] und die Tatsache, dass Cohn und Rosenstiel später eng im selben pädophilen Sexring verwickelt waren, nahe, dass hinter diesen „Spitznamen“ mehr stecken könnte. Schließlich verwendete die Mafia, mit der Rosenstiel verbunden war, oft militärisch anmutende Titel wie „Soldat“ und „Leutnant“, um den Rang und die Bedeutung ihrer Mitglieder zu unterscheiden.

Sobald er seine Verbindung zu Hoover hergestellt hatte, begann Cohns Stern in Washington noch höher zu steigen. Hoovers Empfehlung für Cohn sollte den Ausschlag für seine Ernennung zum Generalberater von Senator McCarthy geben. Angetreten war er gegen Robert Kennedy, einen Rivalen und erbitterten Feind Cohns.

Obwohl Cohn als McCarthys Berater rücksichtslos und scheinbar unantastbar war und dem Senator half, viele Karrieren zu zerstören – sowohl während der roten als auch der lavendelfarbenen Angst – führten seine Eskapaden in Bezug auf seine Arbeit im Komitee schließlich zu seinem Untergang [62]. Denn er hatte versucht, die Armee zu erpressen, um im Gegenzug eine Vorzugsbehandlung für David Schine, den Berater des Komitees – der gerüchteweise auch Cohns Geliebter gewesen sein soll – zu erhalten.

Nachdem er aufgrund des Skandals gezwungen war von McCarthys Seite zu weichen, kehrte Cohn nach New York zurück, um bei seiner Mutter zu leben und als Anwalt zu arbeiten. Einige Jahre später vermittelte der New Yorker Richter David Peck, ein langjähriger Partner des ehemaligen CIA-Direktors Alan Dulles [63], Cohn eine Anstellung bei der New Yorker Anwaltskanzlei Saxe, Bacon und O’Shea [64] – die später zu Saxe, Bacon und Bolan wurde, nachdem Tom Bolan, ein Freund von Cohn, Partner der Kanzlei wurde. Nach seiner Anstellung brachte Cohn der Kanzlei eine Reihe von Mafia-verbundenen Klienten ein, darunter hochrangige Mitglieder der Gambino-Verbrecher-Familie, der Genovese-Verbrecher-Familie und natürlich Lewis Rosenstiel.

Was ist in Suite 233 passiert?

Die Verbindungen die Roy Cohn in den 1950er Jahren aufbaute, machten ihn zu einer bekannten öffentlichen Figur und führten zu großem politischen Einfluss, der während der Präsidentschaft von Ronald Reagan seinen Höhepunkt erreichte. Doch während Cohn sein öffentliches Image aufbaute, entwickelte er auch ein dunkles Privatleben, das von derselben pädophilen Schutzgelderpressung dominiert werden sollte, die anscheinend zuerst mit Lewis Rosenstiel begonnen hat.

Eine der „Erpresser-Partys“, die Susan Kaufman mit ihrem damaligen Ehemann Lewis Rosenstiel besuchte, wurde 1958 von Cohn in der Suite 233 im Plaza Hotel in Manhattan ausgerichtet. Kaufman beschrieb Cohns Suite als eine „wunderschöne Suite … ganz in Hellblau gehalten“ [65]. Sie beschrieb, dass ihr Hoover – der in einem Drag-Outfit da war – durch Cohn vorgestellt wurde, der ihr in einem Anfall von kaum verhohlenem Lachen sagte, dass Hoovers Name „Mary“ sei. Kaufman bezeugte, dass kleine Jungs anwesend waren und Kaufman behauptete, dass Cohn, Hoover und ihr Ex-Mann sexuelle Handlungen mit diesen Minderjährigen begingen [66].

Der New Yorker Anwalt John Klotz, der damit beauftragt war gegen Cohn zu ermitteln, fand auch Beweise für die „blaue Suite“ im Plaza Hotel und ihre Rolle in einem Sex-Erpressungsring – lange nach Kaufmans Aussage. Er fand die Beweise, nachdem er lokale Regierungsdokumente und von Privatdetektiven gesammelte Informationen durchforstet hatte. Klotz erzählte später dem Journalisten und Autor Burton Hersh, was er erfahren hatte [67]:

„Roy Cohn bot Schutz. Es waren ein Haufen Pädophiler beteiligt. Das ist, woher Cohn seine Macht bezog – Erpressung.“

Die vielleicht vernichtendste Bestätigung für Cohns Aktivitäten in der Suite 233 stammt aus Aussagen, die Cohn selbst gegenüber dem ehemaligen NYPD-Detective und Ex-Leiter der Abteilung „Human-Trafficking and Vice-Related Crimes Division“, James Rothstein, machte. Rothstein erzählte später John DeCamp – ehemaliger Senator des Staates Nebraska, der einen mit der Regierung verbundenen Kindersexring mit Sitz in Omaha untersuchte – neben anderen Ermittlern, dass Cohn zugegeben hatte, Teil einer sexuellen Erpressungs-Operation zu sein, die auf Politiker mit Kinderprostituierten abzielte [68]. Dies erzählte der ehemalige Detective DeCamp während eines ausführlichen Interviews.

Rothstein erzählte DeCamp Folgendes über Cohn:

„Cohns Aufgabe war es, die kleinen Jungs zu führen. Sagen wir, Sie hatten einen Admiral, einen General, einen Kongressabgeordneten, der nicht mit dem Programm mitgehen wollte. Cohns Aufgabe war es, sie in die Schranken zu weisen, dann würden sie mitmachen. Cohn hat mir das selbst gesagt.“

Rothstein erzählte später Paul David Collins, einem ehemaligen Journalisten, der Forscher wurde, dass Cohn diese sexuelle Erpressungs-Operation auch als Teil des antikommunistischen Kreuzzuges der Zeit identifiziert hatte [69].

Die Tatsache, dass Cohn – basierend auf Rothsteins Erinnerung – erklärte, dass der Kindersex-Erpressungs-Ring Teil des von der Regierung geförderten antikommunistischen Kreuzzugs war, lässt vermuten, dass Elemente der Regierung – einschließlich Hoovers FBI – möglicherweise auf einer viel breiteren Ebene damit verbunden waren als nur über Hoovers persönliche Beteiligung, da das FBI für einen Großteil der Roten Angst eng mit McCarthy und Cohn zusammenarbeitete.

Es ist auch erwähnenswert, dass unter Hoovers vielen „geheimen“ Erpressungs-Akten ein umfangreiches Dossier über Senator McCarthy war. Dessen Inhalt stark darauf hindeutete, dass der Senator selbst an minderjährigen Mädchen interessiert war. Laut dem Journalisten und Autor David Talbot war Hoovers Akte über McCarthy „gefüllt mit beunruhigenden Geschichten über McCarthys Angewohnheit, im betrunkenen Zustand Brüste und Gesäß junger Mädchen zu betatschen. Die Geschichten waren so weit verbreitet, dass sie in der Hauptstadt ‚Allgemeinwissen‘ wurden, so ein FBI-Chronist.“ [70]

Talbot zitiert in seinem Buch „The Devil’s Chessboard“ [71] auch Walter Trohan, Leiter des Washingtoner Büros der Chicago Tribune, der persönlich Zeuge von McCarthys Gewohnheit war, junge Frauen zu belästigen. „Er konnte einfach nicht die Finger von jungen Mädchen lassen“, sollte Trohan später sagen. „Ich weiß nicht, warum die kommunistische Opposition ihm nicht eine Minderjährige untergeschoben und ‚Unzucht mit Minderjährigen‘ geschrien hat.“ Vielleicht liegt die Antwort in der Tatsache, dass zu denjenigen, die ihren politischen Gegnern Minderjährige „unterschieben“, McCarthys Verbündete und enge Partner zählen, nicht seine Feinde.

Die Frage, die sich aus den Enthüllungen über Cohns Aktivitäten in der Suite 233 zwangsläufig ergibt, lautet: Wen hat Cohn noch „geschützt“ und mit minderjährigen Prostituierten bedient? Einer von ihnen könnte sehr wohl einer von Cohns engen Freunden und Kunden gewesen sein, Kardinal Francis Spellman von der Erzdiözese New York, der bei einigen dieser Partys, die Cohn im Plaza Hotel veranstaltete, anwesend gewesen sein soll [72].

Spellman – eine der mächtigsten Figuren der katholischen Kirche Nordamerikas, manchmal auch als „Amerikas Papst“ bezeichnet – wurde beschuldigt, nicht nur Pädophilie in der katholischen Kirche zu dulden [73] und bekannte Pädophile zu weihen [74], einschließlich Kardinal Theodore „Onkel Teddy“ McCarrick, sondern auch selbst daran beteiligt gewesen zu sein. Und das in einem solchen Ausmaß, dass viele New Yorker Priester ihn als „Mary“ bezeichneten [75]. Außerdem soll J. Edgar Hoover eine Akte gehabt haben, die das Sexualleben des Kardinals detailliert beschreibt [76]. Was auf Spellmans Verwicklung in den Ring sowie die Pädophilen-Schutzgelderpressung hindeutet, an denen Cohn und Hoover persönlich beteiligt waren.

Menschen, die Cohn nahestanden, bemerkten oft, dass er häufig von Gruppen kleiner Jungs umgeben war, schienen sich aber nichts dabei zu denken. Ähnlich beiläufige Kommentare über Epsteins Vorliebe für Minderjährige wurden vor seiner Verhaftung auch von Personen getätigt, die ihm nahestanden.

Der umstrittene republikanische Polit-Agent und „Dirty Trickster“ Roger Stone – der wie Donald Trump ein Protegé von Cohn war [77] – sagte 2008 in einem Interview mit The New Yorker Folgendes über Cohns Sexleben:

„Roy war nicht schwul. Er war ein Mann, der gerne Sex mit Männern hatte. Schwule sind schwach, verweichlicht. Er schien immer diese kleinen, blonden Jungs um sich zu haben. Es wurde einfach nicht diskutiert. Es ging ihm um Macht und Zugang.“ [78]

Vergleichen Sie dieses Zitat von Stone mit dem, was Donald Trump – der Cohn ebenfalls nahestand – später über Jeffrey Epstein sagen sollte, mit dem er ebenfalls eng verbunden war:

„Ich kenne Jeff seit 15 Jahren. Ein toller Kerl. Es macht viel Spaß mit ihm zusammen zu sein. Es heißt sogar, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich, und viele von ihnen sind auf der jüngeren Seite. Kein Zweifel – Jeffrey genießt sein soziales Leben.“ [79]

Obwohl nicht bekannt ist, wie lange der Sexring im Plaza Hotel bestanden und ob er nach Cohns Tod durch AIDS im Jahr 1986 fortgesetzt wurde, ist es erwähnenswert, dass Donald Trump im Jahre 1988 das Plaza Hotel kaufte [80]. Später wurde berichtet [81] – und von damaligen Teilnehmern bestätigt [82] – dass Trump „Partys in den Suiten des Plaza Hotels veranstaltete als es ihm gehörte, wo junge Frauen und Mädchen älteren, reichen Männern vorgestellt wurden“ und „illegale Drogen und junge Frauen herumgereicht und benutzt wurden.“

Andy Lucchesi, ein männliches Model, das geholfen hatte, einige dieser Plaza Hotel-Partys für Trump zu organisieren, sagte auf die Frage nach dem Alter der anwesenden Frauen Folgendes: „Viele der Mädchen, 14, sehen aus wie 24. Saftiger geht’s nicht mehr. Ich habe nie gefragt, wie alt sie waren; ich habe einfach teilgenommen. Ich habe an Aktivitäten teilgenommen, die auch umstritten sein könnten.“ [83]

Die Roy-Cohn-Maschine

Roy Cohn stand erst am Anfang seiner Karriere, als er sich in den sexuellen Erpressungsring des Untergrunds einschaltete, der offenbar von Lewis Rosenstiel geleitet wurde. Als Cohn zum ersten Mal Hoover traf, war er tatsächlich erst 23 Jahre alt. In den nächsten drei Jahrzehnten, ungefähr – vor seinem Tod an AIDS-bedingten Komplikationen im Jahr 1986 im Alter von 56 – baute Cohn eine gut geölte Maschine auf, vor allem durch seine engen Freundschaften mit einigen der einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes.

Zu Cohns Freunden gehörten Top-Medienpersönlichkeiten wie Barbara Walters [84], ehemalige CIA-Direktoren, Ronald Reagan und seine Frau Nancy [85], die Medienmogule Rupert Murdoch [86] und Mort Zuckerman, zahlreiche Prominente [87], prominente Anwälte wie Alan Dershowitz [88], Spitzenfiguren der katholischen Kirche und führende jüdische Organisationen wie B’nai B’rith [89] und der Jüdische Weltkongress. Viele der gleichen Namen, die Cohn bis zu seinem Tod in den späten 1980er Jahren umgaben, würden später auch Jeffrey Epstein umgeben, wobei ihre Namen später in Epsteins inzwischen berüchtigtem „kleinen schwarzen Buch“ auftauchten.

Während Präsident Trump eindeutig mit beiden, Epstein und Cohn, verbunden ist, erstreckte sich Cohns Netzwerk auch auf den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton, dessen Freund und langjährigen politischen Berater, Richard „Dirty Dick“ Morris [90], der Cohns Cousin und enger Partner war [91]. Morris war auch eng mit Clintons ehemaligem Kommunikationsdirektor George Stephanopoulos verbunden, der ebenfalls mit Jeffrey Epstein verbunden war [92].

Doch das waren nur Cohns Verbindungen zu respektablen Mitgliedern des Establishments. Er war auch für seine tiefen Verbindungen zur Mafia bekannt und erlangte vor allem durch seine Fähigkeit, Schlüsselfiguren der kriminellen Unterwelt mit angesehenen, einflussreichen und für die Öffentlichkeit akzeptablen Persönlichkeiten zusammenzubringen, Berühmtheit. Letztlich war, wie der New Yorker Anwalt John Klotz feststellte, Cohns mächtigstes Werkzeug: die Erpressung, welche er gegen Freund und Feind, ob Gangster oder Beamte, einsetzte. Wie viel von diesem Erpressungs-Material er durch seine sexuelle Erpressungs-Operation erwarb, wird wahrscheinlich nie bekannt werden.

Wie Teil II dieser exklusiven Untersuchung zeigen wird, hatten die sexuellen Erpressungs-Operationen, die Cohn und Epstein betrieben, viele Dinge gemeinsam. Nicht nur viele der gleichen berühmten Freunde und Gönner, sondern auch Verbindungen zu Geheimdiensten und Konsortien von Mafia-verbundenen Geschäftsleuten – die modernen Äquivalente von Samuel Bronfman und Lewis Rosenstiel, die sich seitdem in „Philanthropen“ umbenannt haben.

Teil II wird auch aufzeigen, dass Cohns Operation bekanntermaßen Nachfolger hatte, wie eine Reihe von Skandalen in den frühen 1990er Jahren enthüllte. Die seitdem unter den Teppich gekehrt wurden. Die erheblichen Überschneidungen zwischen Epsteins und Cohns verdeckten Aktivitäten im Bereich der sexuellen Erpressung und ihre Verbindungen zu vielen der gleichen mächtigen Personen und zu den gleichen einflussreichen Kreisen, legen nahe, dass Epstein einer von Cohns Nachfolgern war.

Wie im letzten Teil dieses Berichts gezeigt werden wird, ist Epstein nur die jüngste Inkarnation einer viel älteren, umfangreicheren und ausgeklügelteren Operation, die einen erschreckenden Blick darauf gewährt, wie tief die US-Regierung mit den modernen Äquivalenten des organisierten Verbrechens verbunden ist, was sie zu einer Verbrecherbande macht, die wirklich „Too Big to Fail“ ist.