Paulo Nogueira Batista Jr., ein renommierter brasilianischer Ökonom und ehemaliger Vizepräsident der New Development Bank (NDB) von 2015 bis 2017, gewährt in einem exklusiven Interview mit dem Kanal „Think BRICS“ tiefe Einblicke in die Herausforderungen der BRICS-Finanzinstitutionen.
Als Mitbegründer der NDB und ehemaliger Exekutivdirektor für Brasilien beim Internationalen Währungsfonds (IWF) von 2007 bis 2015 kritisiert Batista die anhaltende Dominanz westlicher Finanzsysteme und plädiert für mutige Alternativen.
Das Gespräch, moderiert von Anastasia, beleuchtet Themen wie Dedollarisierung, Sanktionen und die Notwendigkeit neuer Institutionen. Batista integriert Fragen des Journalisten Pepe Escobar und betont, dass der Globale Süden ein eigenes, nicht-westliches Finanzsystem aufbauen muss.
Die NDB als Bank des Globalen Südens – Fortschritte und Hemmnisse
Die NDB, oft als BRICS-Bank bezeichnet, wurde 2014 von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika gegründet, um Infrastruktur und nachhaltige Entwicklung im Globalen Süden zu finanzieren.
Batista, der maßgeblich am Aufbau beteiligt war, erklärt:
„Unser Ziel war es, eine Bank des Globalen Südens für den Globalen Süden zu schaffen. Wir wollten in einer großen Anzahl von Mitgliedsländern verleihen und zunehmend in anderen Währungen als dem Dollar operieren – also Anleihen in anderen Währungen emittieren und Kredite in nationalen Währungen der Borrowers vergeben.“
Trotz Fortschritten – etwa Anleihen und Kredite in Yuan – bleibt die Bank stark dollarabhängig. Batista räumt ein, dass der Fortschritt langsam ist und die NDB größtenteils in Dollar leiht und borgt.
Dies unterstreicht die Abhängigkeit von westlichen Kapitalmärkten und Rating-Agenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch, die als „Triopol“ die Regeln diktieren.
Westliche Sanktionen: Warum die NDB Russland nicht mehr bedient
Ein zentraler Kritikpunkt Batistas ist die Unterwerfung der NDB unter westliche Sanktionen. Russland, Gründungsmitglied mit fast 20 Prozent des Kapitals, erhält keine Kredite mehr.
„Die NDB ist so stark vom westlichen System eingeschränkt, dass sie die Kreditvergabe an Russland eingestellt hat. Warum? Weil die NDB bei Krediten an Russland unter Sanktionen fallen würde, ihre Kreditbewertung verlieren und die Borrow-Kosten auf westlichen Märkten steigen würden“, erklärt Batista.
Dies mache die Bank unkonkurrenzfähig. Batista hofft auf Lösungen: Kredite in anderen Währungen oder Finanzierung außerhalb des Dollar-Systems könnten Unabhängigkeit schaffen.
Dennoch akzeptiere die NDB derzeit „schüchtern“ die Regeln des Westens. Ähnlich scheitern Länder wie Iran, Kuba und Venezuela am Beitritt, da ihre Präsenz die Ratings gefährden würde.
Der Bedarf an einem neuen, nicht-westlichen Finanzsystem
Batista warnt vor der Dysfunktionalität des westlichen Systems: SWIFT, der Dollar, IWF und Weltbank werden als Waffen eingesetzt.
„Der Westen untergräbt die Institutionen, die er selbst geschaffen hat. Der Dollar verliert an Vertrauen, weil er als Waffe missbraucht wird“, sagt er.
Reformen seien unmöglich – trotz kleiner Fortschritte beim IWF 2010.
„Der Westen wird keine grundlegenden Reformen des seit dem Zweiten Weltkrieg bestehenden Systems zulassen. Wir müssen von vorne beginnen.“
Die BRICS haben dies bereits mit der NDB und dem Contingent Reserve Arrangement (CRA, dem BRICS-Währungsfonds) getan. Batista:
„Wir haben das 2011/2012 erkannt: Das bestehende System ist unreformierbar. Bleibt im 20. Jahrhundert – wir gehen ins 21. Jahrhundert mit einem ausgewogeneren, fairen und nicht-waffensierten System.“
Neue Initiativen: Die SCO-Bank als Vorbild für Unabhängigkeit
Ein vielversprechender Ansatz ist die kürzlich angekündigte Entwicklungsbank der Shanghai Cooperation Organization (SCO). Präsident Xi Jinping kündigte sie auf dem SCO-Gipfel in China an.
Batista spekuliert: Sie könnte vollständig außerhalb westlicher Märkte operieren, Anleihen in nationalen Währungen (z. B. Yuan) emittieren, Kredite in Yuan vergeben und auf chinesische Rating-Agenturen setzen. SWIFT würde umgangen, stattdessen CIPS (chinesisches System) oder russische Alternativen genutzt.
Dies würde Kredite an Russland oder Iran ermöglichen, ohne Sanktionsrisiken. Batista sieht hier eine Lücke, die die SCO füllen könnte – im Kontrast zur NDB, die weiterhin westlich integriert bleibt.
Expansion der NDB: Dilma Rousseff und neue Mitglieder
Unter Präsidentin Dilma Rousseff, die kürzlich für fünf Jahre wiedergewählt wurde (nominiert von Russland), wächst die NDB.
Neue Mitglieder wie Ägypten, Algerien, Kolumbien, Bangladesch, Vereinigte Arabische Emirate und Usbekistan erhöhen die Zahl auf zehn. Indonesien hat kürzlich Regierungszustimmung für den Kauf von Anteilen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar erhalten.
Batista sieht positive Trends, kritisiert aber die Langsamkeit:
„Wie kann man eine globale Bank mit nur zehn Mitgliedern sein? Wir brauchen Länder aus aller Welt – Lateinamerika, Afrika, Mittlerer Osten.“
Er schlägt „Partnerländer“ vor, ähnlich wie bei der BRICS-Politik, um sensible Staaten schrittweise einzubinden.
Portfolio und Transparenz: Fokus auf Nachhaltigkeit, Mangel an Offenheit
Die NDB investiert stark in grüne Energie, Wasser, Transport und Sanitär. Batista bestätigt dies als strategisch, passend zu den Statuten (Infrastruktur und nachhaltige Entwicklung).
Industrielle Projekte seien möglich, doch die Bank sei „sehr intransparent“.
„Auf der Website oder in offiziellen Dokumenten erfährt man nichts Relevantes über das Portfolio. Das könnte daran liegen, dass die Bank nicht sicher ist über die Qualität der Projekte und öffentliche Prüfung scheut“, kritisiert er.
Dedollarisierung: Langsam, aber unaufhaltsam?
Die NDB zielt auf 30 Prozent Kredite in lokalen Währungen bis 2030 (aktuell ca. 22 Prozent). Batista:
„Zu wenig, zu spät.“
Er verweist auf Vorbilder wie die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB), die in Brasilien in Real operiert. Yuan sei machbar, da es internationalisiert.
Dedollarisierung schreite voran: Über 90 Prozent der Russland-China-Transaktionen in nationalen Währungen, ähnlich Russland-Indien.
Doch nationale Währungen allein reichten nicht – Imbalancen erfordern eine neue Reservewährung. Batista schlägt eine fiduziarische Währung vor, gedeckt durch Staatsanleihen der BRICS, nicht Gold (zu volatil).
„Wir brauchen eine plurilaterale Währung für Transaktionen und Reserven, backed by the states.“
BRICS Pay: Ein Zahlungssystem für die Menschen
Batista sieht ein gemeinsames BRICS-Zahlungssystem (z. B. BRICS Pay) als machbar. Nationale Systeme wie Pix (Brasilien) oder WeChat/Alipay (China) sind modern.
„Man muss sie kompatibel machen – technisch möglich, politisch herausfordernd.“
Er erlebte selbst schnelle Überweisungen von Brasilien nach China. Hindernisse: Angst vor westlichem Missfallen.
„Es wird geschehen, ob der Westen will oder nicht.“
Fazit: Mut zu Alternativen
Paulo Nogueira Batista Jr. malt ein klares Bild: Die NDB ist ein Schritt, doch westliche Sanktionen und Abhängigkeiten bremsen sie.
BRICS und SCO müssen mutig vorgehen – mit neuen Banken, Währungen und Systemen.
„BRICS ist keine Anti-West-Formation, sondern eine Alternative.“
Ohne echte Unabhängigkeit bleibt es bei Reden. Batista plant eine detaillierte Studie zur Reservewährung und signalisiert Rückkehr zu Diskussionen.
Der Globale Süden steht vor der Wahl: Anpassen oder aufbrechen.


