Arnaud Bertrand
Das ist interessant: Die französische und die deutsche Regierung haben gemeinsam eine Gruppe führender Ökonomen aus beiden Ländern (im sogenannten „Französisch-Deutschen Rat der Wirtschaftsweisen“) beauftragt, eine Reihe von fünf Memos zu verfassen, wie die EU-Wirtschaft wiederbelebt werden könnte.
Einige ihrer Empfehlungen sind erwartbar, andere dagegen ziemlich überraschend.
Am überraschendsten sind wohl die, die sich auf China beziehen (eines der fünf Memos ist ganz China gewidmet: https://cae-eco.fr/relations-economiques-entre-la-chine-et-lue-et-desequilibres-internationaux), und zwar insbesondere folgende Punkte:
This is interesting: the French and German governments jointly appointed a group of leading economists from both countries (within the so-called "Franco-German Council of Economic Experts") to draft a series of 5 memos on how to revive the EU economy.
— Arnaud Bertrand (@RnaudBertrand) September 5, 2025
Some of their… pic.twitter.com/Gr191E0ydp
1) Empfehlung: Deutliche Öffnung des EU-Markts für chinesische Importe
Die Autoren erklären, dass es eine große Zahl von Sektoren gibt (z. B. „die meisten Konsumgüter, viele Elektronikprodukte sowie Haushaltsgeräte, aber auch Solarpaneele und einfache grüne Technologien“), in denen die europäische Industrie praktisch verschwunden ist und deren Wiederbelebung „unwahrscheinlich erscheint, da die Industrien ausgereift sind“. In solchen Fällen seien Marktzugangsbarrieren und Zölle nichts anderes als eine versteckte Steuer für EU-Verbraucher.
Ihre Empfehlung lautet deshalb: „Europäische Käufer sollen die Vorteile niedriger chinesischer Preise nutzen“, um Kaufkraft und Lebensstandard zu erhöhen – während knappe Ressourcen und politisches Kapital auf jene Sektoren konzentriert werden, in denen Europa noch Wettbewerbsvorteile hat und echte Perspektiven bestehen.
Beispiel: Es sei sinnlos, die EU-Solarindustrie zu verteidigen, wenn a) es ohnehin aussichtslos sei und b) die Folge nur teurere Solarpaneele für die Verbraucher wären, was deren Kaufkraft schmälert und die Energiewende verlangsamt und verteuert. Klingt nachvollziehbar.
2) Empfehlung: Chinesische Investitionen in Europa zulassen, bevorzugt mit Technologietransfers und Joint Ventures
Für „wichtige Sektoren, in denen Europa technologisch hinterherhinkt“, empfehlen die Autoren, chinesische Direktinvestitionen in Europa willkommen zu heißen – am besten in Verbindung mit Technologietransfers und Gemeinschaftsunternehmen.
Das ist durchaus ironisch, da dies im Prinzip eine Empfehlung ist, China mit seinen eigenen Methoden zu schlagen. Es ist gleichzeitig eine Bestätigung von Chinas langjähriger Strategie, obwohl viele EU-Staaten diese seit Jahrzehnten kritisieren. Und es ist die Anerkennung (auch wenn das längst jeder weiß), dass sich die Dynamik seit zwanzig Jahren komplett umgekehrt hat: Heute ist die EU diejenige, die Wissenstransfers aus China sucht.
Die Autoren sind sich dessen bewusst, denn sie schreiben, dass „eine solche Strategie den Zugang zum europäischen Markt in ähnlicher Weise nutzen würde, wie es China in den 2000er-Jahren tat, teure industriepolitische Experimente vermeiden und sicherstellen würde, dass EU-Unternehmen weiterhin internationalem Wettbewerb ausgesetzt bleiben.“
Sieht also plötzlich gar nicht mehr so schlecht aus, jetzt, da die EU in Chinas Position ist, oder?
Ein weiteres Memo behandelt die Verteidigung, genauer: „Ökonomische Prinzipien für eine europäische Wiederaufrüstung“
(Link: https://cae-eco.fr/principes-economiques-pour-un-rearmement-europeen). Darin sprechen die Autoren überraschend offen über die strategische Torheit der nahezu vollständigen Abhängigkeit Europas von den USA und bezeichnen die „Entkopplung von den USA“ als eine „dringende politische Priorität“, angesichts des „Vertrauensschwunds in die transatlantischen Sicherheitsgarantien“.
Sie empfehlen deshalb den Aufbau „unabhängiger europäischer Kapazitäten und Abschreckung“ parallel zu einer „integrierten NATO-Planung“.
Der letzte Punkt ist besonders bedeutsam, denn er bedeutet konkret, dass Europa sich „dringend“ auf eine Zukunft nach der NATO oder eine NATO ohne Amerika vorbereiten sollte.
Für mich ist das Musik in meinen Ohren. Ich sage seit Ewigkeiten, dass die NATO und Europas Abhängigkeit von den USA in Verteidigungsfragen die Erbsünde und die Hauptquelle von Europas Problemen sind. Es ist völlig offensichtlich: Wenn man die eigene Sicherheit auslagert, hat der „Beschützer“ einen in der Hand – Punkt. Es ist ein Schutzgeldsystem, nicht mehr und nicht weniger, und der Grund, warum die USA Europa Bedingungen diktieren können, die Europa akzeptieren muss.
Nebenbei bemerkt: Es ist auch die Hauptursache für den größten Krieg auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Soviel zum Thema „Schutz“… (um das klarzustellen: Das sagen die Autoren im Memo nicht, das ist meine Interpretation – und die so ziemlich aller, die die Ursprünge des Ukraine-Krieges mit einem Minimum an intellektueller Ehrlichkeit untersucht haben).
Wenn man darüber nachdenkt, ist es absolut verrückt, dass Europa dieser Konstruktion überhaupt jemals zugestimmt hat. Meines Wissens gibt es in der Geschichte kein anderes Beispiel, in dem ein Gemeinwesen – zumal ein so großes wie Europa – seine militärische Souveränität freiwillig in dem Ausmaß an eine fremde Macht abgetreten hat, dass der „Beschützer“ vollständige Kontrolle über die Außen- und Sicherheitspolitik des „Beschützten“ erhält.
Das ist freiwillige Kolonisierung – und schlichtweg Wahnsinn.
Wie auch immer: Gut zu sehen, dass Frankreich und Deutschland offenbar noch Spitzenökonomen haben, die diese Zusammenhänge verstehen.
Ob dies allerdings von der derzeitigen Generation von EU-Unführern aufgenommen wird, ist eine ganz andere Frage. Angesichts dessen, dass manche von ihnen Trump sogar „Daddy“ nennen, würde ich nicht darauf wetten…

