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«In jedem Land, das du dir vorstellen kannst» – Mossad soll globale Netze manipulierter Elektronik aufgebaut haben zur Spionage und Sabotage

Im Herbst 2024 explodierten im Libanon und Teilen Syriens plötzlich tausende Pager und Walkie-Talkies. Die Geräte, genutzt von Mitgliedern der Hisbollah und zivilen Helfern, verwandelten sich in Sprengsätze. Dutzende Menschen starben, Tausende wurden verletzt – darunter auch Kinder. Die Bilder von zerfetzten Händen, Gesichtern und Körpern gingen kurz viral, verschwanden dann aber schnell aus den großen westlichen Nachrichtensendungen.

Nun spricht der frühere Mossad-Chef Yossi Cohen öffentlich über jene Methode, die offenbar hinter diesen Attacken steht. In einem Interview für den britischen Podcast The Brink gab er zu, Anfang der 2000er-Jahre eine „manipulierte Ausrüstungs“-Technik entwickelt zu haben – Kommunikationsgeräte, die nicht nur abhören, sondern töten können. Cohen sagte wörtlich, man habe solche Geräte „in jedem Land, das du dir vorstellen kannst“. Laut seinen eigenen Aussagen wurde diese Methode in zahlreichen Einsätzen weltweit angewandt, unter anderem beim „Pager-Einsatz gegen die Hisbollah“.

Video mit deutschen Untertiteln:

Cohen prahlte mit der Effizienz dieser Technologie – und beklagte zugleich, dass sie nicht in Gaza eingesetzt worden sei. Diese Bemerkung lässt tief blicken: Ein ehemaliger Geheimdienstchef bestätigt, dass sein Dienst bewusst Geräte manipuliert hat, die dann in den Händen von Zielpersonen oder Zivilisten explodierten. Er gibt indirekt zu, dass dadurch Menschen starben und verletzt wurden – auch Kinder.

Juristisch betrachtet sind solche Praktiken ein eklatanter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Das absichtliche Töten durch getarnte Sprengsätze außerhalb aktiver Kampfhandlungen verletzt die Genfer Konventionen und kann als Kriegsverbrechen gelten. Wer in Friedenszeiten oder in Drittstaaten solche Waffen einschleust, begeht staatlich organisierten Terrorismus – unabhängig davon, ob das Ziel „militärisch“ war oder nicht.

Doch warum findet diese Enthüllung in großen internationalen Medien kaum Widerhall?
Ein Teil der Antwort liegt im System: Geheimhaltungsinteressen, diplomatischer Druck, Angst vor Vorwürfen der Parteinahme und ein Mangel an unabhängigen forensischen Beweisen erschweren die Berichterstattung. Zudem unterliegen israelische Medien strengen Militärzensurgesetzen. Internationale Redaktionen wiederum scheuen offene Konfrontation mit westlichen Verbündeten Israels.

Das Ergebnis ist ein Schweigen, das erschüttert: Während internationale Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch bislang keine vollständige Untersuchung abgeschlossen haben, scheint die Weltöffentlichkeit weiterzuziehen – als sei der Tod durch präparierte Telefone eine Randnotiz.

Doch wenn Staaten beginnen, Geräte des Alltags – Telefone, Pager, Funkgeräte – in Waffen zu verwandeln, verschwimmt die Grenze zwischen Geheimdienst und Terrorismus. Wer solche Methoden legitimiert oder duldet, öffnet die Tür für eine Ära des permanenten, unsichtbaren Krieges – mitten im zivilen Leben.

Quellen:

  • Maariv (22.10.2025): יוסי כהן שובר שתיקה… חושף את שיטת „הציוד המניפולטיבי“
    https://www.maariv.co.il/news/world/article-1243976
  • The Guardian / Financial Times / Reuters – Berichte zu den Explosionen im Libanon (Sept. 2024)
  • Washington Post: Hezbollah pagers explode in Lebanon, killing and injuring thousands (17. 09. 2024)
  • Al Jazeera: How did Hezbollah’s pagers explode in Lebanon? (18. 09. 2024)
  • RUSI Analysis: Nowhere to Hide – Israel’s Pager Attacks and the Mossad’s Reach (2024)
  • Wikipedia: 2024 Lebanon electronic device attacks