Seyed Mohammad Marandi zeichnet in dem Gespräch ein Bild einer Region, in der sich die strategischen Regeln dramatisch verschoben haben. Seine zentrale Botschaft lautet: Iran wartet nicht mehr ab, bis Israel, die USA oder deren regionale Verbündete Fakten schaffen. Teheran sieht sich inzwischen in einer neuen Phase des Krieges – und diese neue Phase betrifft nicht mehr nur den Iran selbst, sondern auch den Libanon, die Hisbollah, den Jemen und die gesamte Achse des Widerstands.
Marandi beginnt mit den jüngsten nächtlichen Ereignissen am Persischen Golf. Nach seinen Angaben versuchten mehrere Öltanker, die Straße von Hormus ohne iranische Genehmigung zu passieren. Sie seien gewarnt worden, hätten jedoch nicht reagiert. Einer der Tanker sei daraufhin von einer iranischen Rakete getroffen worden, woraufhin die übrigen Schiffe umkehrten. Später hätten die USA einen Kommunikationsturm auf der Insel Qeshm und anschließend einen Hafen in Sirik angegriffen. Die iranische Antwort sei auf US-Ziele in Kuwait und Bahrain erfolgt, wobei Marandi davon ausgeht, dass auch die Fünfte US-Flotte in Bahrain getroffen wurde.
Für Marandi ist dabei entscheidend, dass die USA und westliche Medien die Lage systematisch verzerren. Washington behaupte seit Beginn des Krieges, iranische Raketen und Drohnen seien abgefangen worden oder hätten keinen Schaden angerichtet. Das sei, so Marandi, Propaganda. Iran treffe seine Ziele präzise, und die Vereinigten Staaten versuchten lediglich, ihre eigenen Verluste und die Verwundbarkeit ihrer Stützpunkte zu verschleiern.
Besonders scharf kritisiert Marandi westliche Medienberichte, wonach es den USA gelungen sei, Dutzende Schiffe heimlich aus dem Persischen Golf durch die Straße von Hormus zu bringen. Diese Darstellung hält er für frei erfunden. Wenn tatsächlich 40 oder 70 Schiffe durch die Meerenge gefahren wären, könnten Medien wie die New York Times oder das Wall Street Journal deren Namen nennen. Da dies nicht geschehe, sei die Behauptung Teil einer psychologischen Operation, um Ölpreise und Rohstoffmärkte zu beruhigen.
Marandis Schlussfolgerung ist klar: Die USA haben es bislang nicht geschafft, Schiffe ohne iranische Zustimmung aus dem Persischen Golf herauszubringen. Jeder Versuch werde scheitern, solange Teheran dies nicht erlaube. Und jeder amerikanische Angriff werde mit einer härteren iranischen Antwort beantwortet.
Nach Marandis Einschätzung befindet sich Iran militärisch heute in einer stärkeren Position als vor dem Krieg. Die Zahl moderner Raketen sei gestiegen, ältere Raketen würden teilweise bewusst abgefeuert, um Lager zu leeren und Platz für neuere Systeme zu schaffen. Auch die Drohnenfähigkeiten seien quantitativ und qualitativ gewachsen. Iran arbeite an größerer Präzision, besseren Durchdringungsfähigkeiten gegen Luftabwehrsysteme und an der Weiterentwicklung seiner unterirdischen Raketenbasen.
Marandi verweist außerdem auf eine wichtige taktische Komponente: Täuschkörper. Die USA und Israel hätten tausende iranische Attrappen bombardiert und dabei Milliarden verschwendet. Besonders chinesische Täuschkörper seien offenbar so gut, dass westliche Streitkräfte sie kaum von echten Zielen unterscheiden könnten. Für Marandi ist dies ein Zeichen, dass Iran den Gegner nicht nur militärisch, sondern auch psychologisch und ökonomisch ausblutet.
Die nächste Eskalationsstufe werde seiner Ansicht nach deutlich schneller erreicht als zuvor. Iran werde beim nächsten Mal nicht langsam reagieren, sondern rasch auf der Eskalationsleiter nach oben gehen. Dasselbe gelte für seine regionalen Verbündeten, insbesondere für den Jemen. Die jemenitischen Kräfte hätten die ruhigeren Phasen genutzt, um ihre Raketen- und Drohnenkapazitäten auszubauen. Beim nächsten großen Konflikt werde der Jemen nach Marandis Einschätzung eine wesentlich größere Rolle spielen.
Gleichzeitig glaubt Marandi, dass Donald Trump derzeit keine direkte militärische Eskalation will. Er verweist darauf, dass die USA nach den jüngsten iranischen Vergeltungsschlägen nicht weiter reagiert hätten. Trump sei vorsichtiger geworden – sowohl im Ton als auch im militärischen Verhalten am Boden. Doch Marandi bleibt skeptisch: Ob diese Zurückhaltung anhält, sei unklar, denn die Lage im Libanon könne jederzeit zum neuen Brandbeschleuniger werden.
Genau hier liegt der Kern des Gesprächs.
Marandi sieht den Libanon als entscheidende neue Front. Israel habe einen hochrangigen libanesischen Offizier und zwei Begleiter getötet – ausgerechnet kurz nachdem der libanesische Präsident sich gegen Iran und den Widerstand positioniert habe. Für Marandi zeigt dieser Vorgang die Schwäche und Demütigung der libanesischen Führung. Sie habe Israel politische Zugeständnisse gemacht, direkte Gespräche geführt, sich gegen Teheran gestellt – und im Gegenzug nichts erhalten außer weiteren israelischen Angriffen.
Seine Kritik an der aktuellen libanesischen Führung ist brutal. Präsident und Premierminister hätten nach Marandis Darstellung weniger Interesse am Schutz des Libanon als Iran selbst. Sie seien von ausländischen Mächten eingesetzt worden, hätten keine breite politische Basis und handelten als Stellvertreter Washingtons und regionaler Golfmonarchien.
Besonders schwer wiegt Marandis Vorwurf, die libanesische Führung verhindere, dass schiitische Flüchtlinge aus Gebieten des Widerstands in andere Landesteile ausweichen können. Westliche Botschaften, westliche NGOs, die Golfstaaten, Saudi-Arabien, Katar und deren lokale Verbündete würden gemeinsam daran arbeiten, Unterstützer des Widerstands in bestimmten Gebieten festzuhalten. Hilfe aus Iran und Irak werde blockiert – nicht militärische Hilfe, sondern humanitäre Unterstützung. Nach Marandis Darstellung soll damit die Moral der Widerstandsbasis gebrochen werden.
Das ist einer der härtesten Vorwürfe des Gesprächs: Die Gegner des Widerstands im Libanon wollten nicht nur die Hisbollah schwächen, sondern deren soziale Basis demütigen, isolieren und aushungern.
Marandi bezeichnet die libanesische Führung deshalb als Kollaborateure. Sie hätten gegen die Verfassung gehandelt, indem sie direkte Gespräche mit Israel führten, und sie hätten die israelische Seite faktisch ermutigt, den Waffenstillstand zu brechen. Der Iran hingegen habe versucht, einen Waffenstillstand und einen israelischen Rückzug zu erzwingen.
Aus Marandis Sicht zeigt sich hier die neue strategische Realität: Iran ist nicht bereit, ein Abkommen zu akzeptieren, das den Libanon ausklammert. Die USA wären seiner Darstellung nach bereit gewesen, den Krieg zu beenden, wenn Iran den Libanon fallenließe. Doch Teheran habe dies abgelehnt. Der Iran sage: Kein Abkommen ohne Libanon.
Damit widerspricht Marandi direkt der Behauptung, Iran benutze die Hisbollah als Verhandlungsmasse. Für ihn ist genau das Gegenteil der Fall: Iran könnte leichter einen Deal bekommen, wenn er den Libanon opfern würde. Dass Teheran dies nicht tut, zeige, dass die Hisbollah und der Libanon nicht bloß taktische Karten im Spiel seien, sondern Teil der strategischen Sicherheitsarchitektur Irans.
Der entscheidende Satz des Gesprächs lautet sinngemäß: Zum ersten Mal seit der iranischen Revolution sagt Teheran offen, dass ein Angriff auf den Libanon oder auf die Hisbollah eine iranische Reaktion auslösen wird.
Das ist nach Marandi eine historische Veränderung.
Bislang galt: Wenn Israel Iran angreift, antwortet Iran.
Jetzt lautet die neue Formel: Wenn Israel den Libanon angreift, kann Iran ebenfalls antworten.
Damit hat Teheran nach Marandis Einschätzung die Regeln geändert. Der Libanon ist nicht länger nur ein lokaler Schauplatz zwischen Israel und Hisbollah. Er wird Teil einer regionalen Abschreckungsdoktrin. Israel soll verstehen, dass Angriffe auf Beirut, Südlibanon oder die Widerstandsstruktur nicht mehr ohne iranische Konsequenzen bleiben.
Marandi verbindet diese Entwicklung auch mit Syrien. Dort habe Iran nicht aus Sympathie für Bashar al-Assad gehandelt, sondern weil der Sturz Syriens Teil einer von der CIA geführten Operation gewesen sei, genehmigt unter Obama und unterstützt durch westliche Geheimdienste, Katar, Saudi-Arabien und tausende ausländische Kämpfer. Das Ziel sei gewesen, Syrien zu zerstören, die Achse des Widerstands zu zerschlagen und Israel strategisch zu stärken.
Für Marandi war der Krieg gegen Syrien deshalb kein innerer Aufstand, sondern ein imperialer Krieg mit sektiererischem Deckmantel. Diejenigen, die ihn religiös oder konfessionell rechtfertigten, hätten letztlich im Interesse Israels gehandelt. Dass Netanyahu die Zerstörung Syriens als Erfolg betrachtet habe, bestätige genau diese Analyse.
Heute, so Marandi, arbeite die neue syrische Realität daran, die Grenze zum Libanon zu schließen und damit die Hisbollah zu schwächen. Gleichzeitig würden ehemalige Unterstützer des syrischen Krieges im Westen schweigen, weil sie wüssten, dass ihre damalige Rolle zur heutigen Schwächung des Widerstands beigetragen habe.
Marandi weitet seine Analyse schließlich auf die gesamte Region aus. Die USA nutzten ihre regionalen Stellvertreter gegen Iran, gegen den Libanon, gegen Syrien und gegen den Jemen. Die Golfstaaten hätten US-Stützpunkte zur Verfügung gestellt, als der Jemen bombardiert wurde. Sie hätten ebenfalls eine Rolle gespielt, als Israel mit voller amerikanischer Unterstützung Iran angegriffen habe. Ohne die USA, so Marandi, hätte Israel nicht einmal zwölf Tage durchgehalten.
Daraus folgt für ihn eine einfache Schlussfolgerung: Wer glaubt, die libanesischen Behörden oder die Golfregime handelten unabhängig, sei naiv. Sie seien Teil einer regionalen Struktur, die von den USA und der NATO im Interesse Israels genutzt werde.
Am Ende steht Marandis zentrale Warnung: Iran hat die Regeln geändert.
Israel kann den Libanon nicht mehr automatisch als isoliertes Schlachtfeld behandeln. Die USA können nicht mehr davon ausgehen, dass ihre Stützpunkte am Persischen Golf unantastbar sind. Die Golfmonarchien können nicht mehr sicher sein, dass ihre Kooperation mit Washington folgenlos bleibt. Und die libanesische Führung kann nicht mehr behaupten, sie verteidige nationale Interessen, wenn sie nach Marandis Sichtweise faktisch israelische und amerikanische Ziele unterstützt.
Ob man Marandis Position teilt oder nicht – seine Aussage ist geopolitisch bedeutsam.
Der Iran signalisiert, dass er seine regionale Abschreckung ausweitet. Der Libanon wird zum Prüfstein. Sollte Israel weiter eskalieren, könnte Teheran reagieren. Und sollte Washington eingreifen, könnte sich der Konflikt vom Persischen Golf über Bahrain, Kuwait und den Jemen bis zum östlichen Mittelmeer ausdehnen.
Marandis Botschaft an Israel ist unmissverständlich:
Die alte Ordnung, in der Israel zuschlägt und andere nur protestieren, ist vorbei.
Die neue Ordnung lautet: Wer den Libanon angreift, riskiert eine Antwort aus Iran.


