Die Ölexporte aus dem Persischen Golf erholen sich, doch Diesel bleibt extrem teuer, Tanker verschwinden von öffentlichen Überwachungssystemen und die USA geraten zwischen Energiekrise, Sanktionen und militärischer Eskalation. In seinem geopolitischen Monatsbericht vom 12. Oktober 2026 beschreibt der Analyst Shanaka Anslem Perera eine Welt, in der Washington zunehmend Schwierigkeiten hat, die wirtschaftlichen und militärischen Folgen seiner eigenen Entscheidungen zu kontrollieren.
Die Frage die er stellt: Wenn wieder erhebliche Mengen Öl aus dem Persischen Golf exportiert werden, weshalb bezahlen amerikanische Verbraucher dann durchschnittlich 6,20 Dollar für eine Gallone Diesel? Perera sieht die Antwort in einem grundlegenden Unterschied zwischen dem Öl, das tatsächlich transportiert wird, und dem Öl, das dem Weltmarkt weiterhin fehlt. Hinzu kommt eine zunehmend undurchsichtige Schifffahrt, bei der Tanker ihre Ortungssysteme abschalten, Ladungen auf offener See umladen und dadurch aus öffentlich zugänglichen Statistiken verschwinden.
Die unsichtbaren Tanker und Trumps widersprüchliche Ölzahlen
Besonders auffällig sind die enormen Unterschiede zwischen den offiziellen und kommerziellen Angaben über den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus. US-Präsident Donald Trump behauptete Anfang Oktober, innerhalb einer einzigen Nacht seien 22 Millionen Barrel Öl durch die Meerenge transportiert worden. Der öffentlich zugängliche PortWatch-Dienst des Internationalen Währungsfonds registrierte dagegen im gesamten September lediglich 34 Tankerdurchfahrten. Nach seinen eigenen Ladungsschätzungen entsprach dies nur rund 123’000 Barrel täglich.
Das kommerzielle Analyseunternehmen Kpler kommt hingegen auf etwa 9,9 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, die im September durch Hormus transportiert worden seien. Die Internationale Energieagentur bezifferte den gesamten Ölverkehr für August auf 7,6 Millionen Barrel täglich. Damit liegen zwischen den verschiedenen Datensätzen nicht bloss kleinere Abweichungen, sondern völlig unterschiedliche Darstellungen der tatsächlichen Versorgungslage.
Perera erklärt diese Diskrepanz vor allem mit Tankern, die ihre automatischen Identifikationssysteme abschalten. Besonders deutlich wurde dies im saudischen Ölhafen Yanbu am Roten Meer. Während PortWatch ab dem 23. Juli praktisch keinen regulären Tankerverkehr mehr erfasste, beobachtete das maritime Analyseunternehmen Windward weiterhin Schiffe, die dort Öl luden. Ihre Ortungssysteme waren abgeschaltet, offenbar um nicht als mögliche Ziele jemenitischer Angriffe identifiziert zu werden.
Auch in der Strasse von Hormus werden nach den ausgewerteten Daten erhebliche Mengen Öl auf diese Weise transportiert. Tanker passieren die Meerenge ohne öffentlich sichtbare Positionssignale und übergeben ihre Ladungen anschliessend vor Fujairah oder Oman an andere Schiffe. Im August sollen mehr als 70 Prozent des durch Hormus transportierten Rohöls auf See umgeladen worden sein.
Die Folge ist eine erhebliche Informationslücke: Während öffentliche Überwachungssysteme den Eindruck eines nahezu stillgelegten Ölverkehrs vermitteln, zeigen kostenpflichtige Datenanbieter weiterhin umfangreiche Exporte. Perera betont allerdings, dass auch deren Zahlen auf Modellen und Schätzungen beruhen. Trumps Behauptung von 22 Millionen Barrel in einer einzigen Nacht lässt sich damit nicht bestätigen. Diese Grössenordnung passt eher zum gesamten regionalen Öl- und Produktexport über mehrere Routen an einem besonders starken Tag.
Warum Diesel trotz steigender Ölexporte teuer bleibt
Entscheidend ist nach Pereras Analyse, dass die Erholung der saudischen und emiratischen Exporte die ausgefallenen iranischen Ölmengen nicht vollständig ersetzen kann. Laut Kpler verliess seit dem 25. August kein iranischer Rohöltanker mehr einen iranischen Hafen. Im September seien erstmals seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen im Jahr 2013 überhaupt keine iranischen Rohölexporte registriert worden.
Gleichzeitig musste Saudi-Arabien seine Exportrouten mehrfach umstellen. Die Pipeline von den Ölfeldern im Osten des Landes zum Rotmeerhafen Yanbu wurde Anfang September durch Angriffe unterbrochen. Daraufhin leitete das Königreich Rohöl wieder über Häfen am Persischen Golf um. Nach einer teilweisen Reparatur Ende September konnte die Pipeline erneut genutzt werden. Ein Teil der wiederhergestellten Exporte beruhte jedoch auf zuvor eingelagertem Öl, das nicht unbegrenzt verfügbar ist.
Die Knappheit zeigt sich besonders deutlich an den Preisen für sofort lieferbares Rohöl. Am 6. Oktober kostete eine physische Brent-Ladung laut den von Perera ausgewerteten Daten 125,44 Dollar pro Barrel, während Brent-Futures bei rund 101,51 Dollar lagen. Die Differenz von fast 24 Dollar verdeutlicht, wie viel Käufer zusätzlich bezahlen müssen, um tatsächlich verfügbares Öl zu erhalten. Im September schätzte die Internationale Energieagentur zudem, dass die weltweit erfassten Lagerbestände gegenüber Kriegsbeginn um 507 Millionen Barrel zurückgegangen waren.
Für die Verbraucher schlägt sich diese Entwicklung unmittelbar nieder. Am 5. Oktober kostete Diesel in den Vereinigten Staaten durchschnittlich 6,20 Dollar pro Gallone, rund 2,49 Dollar mehr als ein Jahr zuvor. Bei einem Tankvolumen von 30 Gallonen bedeutet das Mehrkosten von ungefähr 75 Dollar pro Tankfüllung. Besonders betroffen sind Landwirtschaft, Gütertransport und Industrie, die auf Diesel angewiesen sind.
Russischer Diesel: Washington öffnet eine Tür, die seine Sanktionen verschliessen sollen
Eine weitere zentrale Entwicklung ist das angekündigte Diesel-Abkommen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin. Washington hat den Handel mit russischem Diesel vorübergehend bis April genehmigt, obwohl russische Erdölprodukte seit 2022 mit amerikanischen Einfuhrbeschränkungen belegt sind.
Gleichzeitig steht ein neues amerikanisches Sanktionsgesetz im Raum, das ab dem 18. Oktober Zölle von bis zu 500 Prozent auf russische Waren und Ölprodukte vorsieht. Auch wichtige Abnehmer russischer Energie, darunter China und Indien, könnten von zusätzlichen amerikanischen Handelsmassnahmen betroffen werden. Damit entsteht eine widersprüchliche Situation: Washington versucht einerseits, russische Energieexporte wirtschaftlich einzuschränken, während es andererseits russischen Diesel benötigt, um die angespannten internationalen Treibstoffmärkte zu entlasten.
Perera weist auf einen wichtigen Mechanismus hin: Russischer Diesel muss nicht unbedingt in amerikanischen Häfen ankommen, um die Preise in den USA zu beeinflussen. Wenn zusätzliche russische Mengen auf anderen Märkten verfügbar werden, sinkt möglicherweise die internationale Nachfrage nach amerikanischem Diesel. Dadurch könnte mehr Treibstoff im Inland verbleiben und der Preisdruck nachlassen.
Die tatsächliche Wirkung hängt allerdings davon ab, ob durch die Genehmigung zusätzliche Mengen auf den Markt gelangen oder lediglich bestehende Handelsströme umgeleitet werden. Das Abkommen allein garantiert deshalb noch keine sinkenden Preise.
Jemen, Iran und Ukraine: Die Energiekrise wird zum geopolitischen Machtkampf
Der Konflikt um die Energieversorgung ist inzwischen eng mit den militärischen Auseinandersetzungen in Westasien und der Ukraine verbunden. Im Jemen hat sich die Lage nach Pereras Darstellung weiter zugespitzt. Die Kontrolle über Bab al-Mandab ist zwischen den Kriegsparteien umstritten, während Angriffe auf den internationalen Flughafen von Riad zahlreiche Opfer forderten. Saudi-Arabien reagierte mit militärischen Gegenmassnahmen und einer engeren Zusammenarbeit mit der Türkei und Pakistan. Die Angriffe erhöhen zugleich den Druck auf Washington, sich erneut unmittelbar militärisch gegen Ansar Allah zu engagieren.
Trump hatte am 8. Oktober erklärt, Iran vor den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November nicht angreifen zu wollen. Nach den Angriffen auf Riad relativierte er diese Zusage jedoch. Perera weist darauf hin, dass ein amerikanischer Angriff auf den Jemen formal nicht gegen das Versprechen verstossen würde, Iran selbst nicht anzugreifen. Dennoch könnte dadurch eine weitere Front entstehen. Teheran wiederum fordert für eine Öffnung von Hormus unter anderem einen umfassenderen regionalen Waffenstillstand und die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte.
Auch der Ukrainekrieg beeinflusst unmittelbar die weltweite Dieselversorgung. Ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien haben die Verarbeitungskapazitäten beeinträchtigt. Trump machte diese Angriffe ausdrücklich für einen Teil der hohen Dieselpreise verantwortlich und verlangte ein Ende der Attacken. Am 11. Oktober verkündete er einen angeblich vereinbarten Energiewaffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine. Selenskyj erklärte jedoch, diese Vereinbarung sei für ihn eine Neuigkeit, während Moskau lediglich laufende Kontakte bestätigte. Ein verbindliches Abkommen war damit nicht belegt.
Für Europa entsteht daraus ein zusätzliches Problem. Während die EU die Ukraine weiter finanziell und militärisch unterstützt, leidet ihre Wirtschaft unter hohen Energiekosten. Zugleich könnte Washington durch die zeitweise Zulassung russischer Diesellieferungen genau jene Energiehandelsbeziehungen wieder ermöglichen, die durch die westlichen Sanktionen eingeschränkt werden sollten.
China, Handelskrieg und die Grenzen amerikanischer Macht
Perera beschreibt auch die widersprüchliche amerikanische Politik gegenüber China. Nach dem Gipfel zwischen Trump und Xi Jinping wurde eine Verlängerung des Handelsstillstands bis zum 10. Januar angekündigt. Mehrere rechtlich verbindliche amerikanische Ausnahmeregelungen laufen jedoch bereits am 9. November aus. Ohne neue Verordnungen könnte der Handelskonflikt deshalb erneut eskalieren.
Besonders brisant ist die Verbindung mit den neuen Russland-Sanktionen. Sollten chinesische Unternehmen weiterhin russisches Öl beziehen, könnte Washington zusätzliche Zölle auf zahlreiche chinesische Waren verhängen. Gleichzeitig ist die amerikanische Industrie bei bestimmten Rohstoffen und seltenen Erden weiterhin auf China angewiesen. Peking verfügt damit über eigene wirtschaftliche Druckmittel.
Auch ausserhalb dieser Konfliktregionen zeigt Pereras Monatsbericht eine zunehmend instabile internationale Lage: Taiwan bereitet sich stärker auf eine mögliche Blockade vor, Japan kämpft mit den Folgen steigender Energiepreise, am Horn von Afrika verschärfen sich die Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea, und die weltweiten Handelsbeziehungen werden durch Sanktionen, Zölle und militärische Risiken belastet.
Die entscheidenden Wochen stehen bevor
Für Perera konzentrieren sich die nächsten Entwicklungen auf zwei Termine: den 18. Oktober, wenn neue amerikanische Russland-Zölle greifen sollen, und den 3. November, den Tag der amerikanischen Zwischenwahlen. Dazwischen werden neue Ölmarktdaten zeigen, wie viel Rohöl tatsächlich durch Hormus transportiert wird und ob die Versorgungslage weniger angespannt ist, als die hohen Preise vermuten lassen.
Der Autor legt sich dabei nicht auf eine einzige Prognose fest. Er formuliert vier überprüfbare Thesen: dass die tatsächlichen Ölexporte deutlich höher liegen als öffentlich zugängliche Schiffsdaten zeigen, dass der Preisaufschlag für sofort lieferbares Öl eine reale Versorgungslücke widerspiegelt, dass Washington russischen Diesel gegenüber neuen Strafzöllen bevorzugen könnte und dass der angekündigte Handelsstillstand mit China ohne rechtliche Umsetzung fragil bleibt.
Die übergeordnete Erkenntnis seines Berichts ist, dass sich die weltweiten Energie- und Handelsströme zunehmend unabhängig von politischen Erklärungen aus Washington organisieren. Tanker wechseln ihre Routen, Staaten suchen neue Lieferanten, Russland wird trotz Sanktionen wieder als Diesellieferant interessant, und China verfügt über wirtschaftliche Hebel, die amerikanische Entscheidungen begrenzen.
Der entscheidende Widerspruch bleibt: Öl wird weiterhin in grossen Mengen transportiert, doch die fehlenden Lieferungen, erschöpften Lagerbestände und militärischen Risiken treiben die Preise nach oben. Washington kann Sanktionen verhängen und Waffenstillstände verkünden – aber damit noch lange nicht bestimmen, wann Öl tatsächlich verfügbar ist und was die Welt dafür bezahlen muss.
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Shanaka Anslem Perera ist ein unabhängiger Analyst, der über Makroökonomie, Währungssysteme, Geopolitik und die Ökonomie der Datenverarbeitung schreibt.


