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Palantir: Es ist schlimmer, als du denkst – viel schlimmer

Was einst als geheimnisvolles Datenanalyse-Unternehmen mit Verbindungen zur CIA begann, entwickelt sich zunehmend zum digitalen Nervensystem westlicher Staaten. Die investigative Journalistin Carole Cadwalladr, die durch ihre Enthüllungen über den Cambridge-Analytica-Skandal weltbekannt wurde, schlägt Alarm: Palantir sei längst nicht mehr nur ein Technologieanbieter. Das Unternehmen sitze inzwischen an den sensibelsten Schaltstellen staatlicher Macht – von Gesundheitsdaten über Geheimdienste bis hin zu Atomwaffenprogrammen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, was Palantir heute kann, sondern wer dieses Unternehmen morgen noch kontrollieren soll.

Vom CIA-Projekt zum digitalen Machtzentrum

Palantir wurde mit Unterstützung des CIA-Investmentarms In-Q-Tel aufgebaut und ist heute tief in die Sicherheitsarchitektur der USA eingebettet. Das Unternehmen liefert Software für US-Geheimdienste, das Militär, die Einwanderungsbehörde ICE und zahlreiche Regierungsstellen.

Palantir-Chef Alex Karp macht aus der politischen Ausrichtung des Unternehmens keinen Hehl. In einem vielbeachteten Auftritt erklärte er offen, Palantir habe sich dem Dienst des Westens und insbesondere der Vereinigten Staaten verschrieben. Das Unternehmen sei stolz auf seine Rolle bei militärischen Operationen und der Unterstützung westlicher Machtprojektion. Für Kritiker ist genau das das Problem: Ein privater Konzern wird zum unverzichtbaren Bestandteil staatlicher Entscheidungs- und Überwachungsstrukturen.

Millionen Patientendaten in den Händen eines Militärauftragnehmers

Besonders umstritten ist Palantirs Rolle im britischen Gesundheitswesen.

Über Verträge im Wert von Hunderten Millionen Pfund verarbeitet Palantir Daten des britischen National Health Service (NHS). Damit erhält ein Unternehmen mit tiefen Verbindungen zum amerikanischen Sicherheitsapparat Zugang zu den sensibelsten Informationen der Bevölkerung – Gesundheitsdaten von Millionen Menschen.

Cadwalladr bezeichnet die Situation als absurd und gefährlich. Ein US-Militärauftragnehmer habe ihrer Ansicht nach nichts in der Nähe eines nationalen Gesundheitssystems verloren. Das eigentliche Problem sei dabei nicht allein die Technologie, sondern die Frage der Kontrolle: Wer besitzt die Daten? Wer analysiert sie? Und wer kann künftig darauf zugreifen?

Das Atomwaffenprogramm als nächste Stufe

Noch alarmierender erscheinen die Berichte über Palantirs Rolle im britischen Verteidigungsapparat.

Laut den Recherchen von „The Nerve“ ist Palantir an Systemen beteiligt, die das britische Nuklearwaffenprogramm unterstützen. Damit erhält ein privates US-Unternehmen Einblicke in einige der sensibelsten militärischen Informationen eines souveränen Staates.

Offiziell betonen Regierung und Unternehmen, die Daten blieben unter staatlicher Kontrolle. Kritiker halten dagegen: Wer Zugang zu den Systemen hat, kennt auch deren Inhalte. Einmal geöffnete Türen lassen sich nicht mehr vollständig schließen. Für viele Beobachter stellt sich daher die Frage, ob Großbritannien damit schrittweise Teile seiner nationalen Souveränität auslagert.

Die unsichtbare Drehtür zwischen Staat und Konzern

Wie gelingt es Palantir, sich so tief in staatliche Strukturen einzugraben?

Ein wesentlicher Faktor scheint die sogenannte „Revolving Door“ zu sein – die Drehtür zwischen Politik, Behörden und Unternehmen.

Laut den Recherchen wechselten zahlreiche hochrangige Beamte, Militärs, Kommunikationsberater und Technologieexperten direkt zu Palantir. Darunter befinden sich ehemalige KI-Verantwortliche des Gesundheitswesens, Experten des Verteidigungsministeriums sowie frühere Regierungsberater.

Dadurch entsteht ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, das weit über klassische Lobbyarbeit hinausgeht. Kritiker sprechen von einer schleichenden Vereinnahmung staatlicher Institutionen durch private Technologieinteressen.

Peter Thiel – der Mann hinter dem Imperium

Im Zentrum vieler Debatten steht Mitgründer Peter Thiel.

Der Milliardär gilt als einer der einflussreichsten Akteure des Silicon Valley. Seine Kritiker werfen ihm vor, eine technokratische Vision zu verfolgen, in der traditionelle Nationalstaaten zunehmend durch private Machtzentren ersetzt werden.

Cadwalladr beschreibt Thiel als eine der einflussreichsten und zugleich gefährlichsten Figuren der heutigen Technologiewelt. Seine politischen Netzwerke reichen tief in die amerikanische Machtelite hinein. Besonders häufig wird auf seine Rolle beim politischen Aufstieg von US-Vizepräsident J.D. Vance verwiesen, dessen Karriere ohne Thiels Unterstützung kaum denkbar gewesen wäre.

Überwachung als Geschäftsmodell

Palantirs Technologie wird nicht nur für militärische Zwecke eingesetzt.

In den USA unterstützt die Software nach Angaben von Kritikern die Arbeit der Einwanderungsbehörde ICE bei der Identifizierung und Lokalisierung von Migranten. Daten aus unterschiedlichen Behörden werden zusammengeführt, analysiert und zur Erstellung umfassender Profile verwendet.

Für Datenschutzaktivisten ist dies ein Blick in die Zukunft digitaler Überwachung: Die Zusammenführung sämtlicher staatlicher Datenquellen in einer einzigen Plattform ermöglicht eine bisher ungeahnte Form der Kontrolle über Bürger.

Die Gefahr für Europas digitale Souveränität

Die eigentliche Sorge vieler Kritiker reicht jedoch weit über einzelne Verträge hinaus.

Wer die Daten kontrolliert, kontrolliert die Macht.

Da Palantir ein amerikanisches Unternehmen ist, unterliegt es amerikanischem Recht. Damit stellt sich die Frage, inwieweit sensible europäische Daten letztlich außerhalb europäischer Kontrolle liegen könnten.

Cadwalladr spricht von einer neuen Form digitaler Abhängigkeit. Großbritannien habe sich innerhalb weniger Jahre in eine Situation manövriert, die sie mit kolonialen Verträgen vergleicht: Staaten liefern ihre Daten, ihre Infrastruktur und ihre Entscheidungsprozesse an einen technologischen Supermachtkomplex aus und verlieren damit schrittweise ihre digitale Selbstbestimmung.

Die stille Machtübernahme

Während Politiker von Digitalisierung, Effizienz und Modernisierung sprechen, entsteht nach Ansicht der Kritiker im Hintergrund eine neue Machtstruktur.

Sie besteht nicht aus gewählten Regierungen, sondern aus Technologieunternehmen, Datenplattformen und milliardenschweren Netzwerken im Silicon Valley.

Palantir steht dabei exemplarisch für einen Wandel, der weit über Großbritannien hinausreicht. Die Digitalisierung staatlicher Infrastruktur wird zunehmend von privaten Akteuren gestaltet, deren Interessen nicht notwendigerweise mit jenen der Bürger übereinstimmen.

Die Demokratie wird nicht durch Panzer erobert.

Sie wird durch Verträge erobert.

Und solange niemand diese Verträge liest, wird die Macht jener wachsen, die im Besitz der Daten sind.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Palantir mächtig ist. Die Frage lautet, ob demokratische Staaten überhaupt noch verstehen, wie mächtig dieses Unternehmen bereits geworden ist.