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Saudi-Arabien unter Beschuss, Iran kontrolliert Hormus: Pepe Escobar warnt vor einer Eskalation des Krieges

Angriffe auf saudische Flughäfen, Attacken auf Öltanker in der Strasse von Hormus und Berichte über eine mögliche amerikanische Militärintervention im Jemen: Die Lage in Westasien verschärft sich weiter. Der geopolitische Analyst Pepe Escobar sieht Saudi-Arabien zunehmend unter Druck. Im Gespräch mit dem Journalisten Danny Haiphong erklärt er, weshalb die jemenitischen Streitkräfte militärisch im Vorteil seien, welche Rolle Israel und die USA spielen und warum sogar die Herrschaft des saudischen Königshauses ins Wanken geraten könnte.

Nach Angriffen der jemenitischen Ansar-Allah-Bewegung auf saudische Flughäfen, darunter den internationalen Flughafen von Riad, erwägt US-Präsident Donald Trump eine direkte amerikanische Beteiligung am Krieg. Auf entsprechende Fragen erklärte er, Washington werde die Situation prüfen und rasch entscheiden. Escobar spricht von mehreren parallelen Eskalationsprozessen. Besonders beunruhigend seien Hinweise aus amerikanischen Militärkreisen, wonach Reservisten der Navy SEALs angewiesen worden seien, sich für einen sofortigen Einsatz in Riad bereitzuhalten. Die Information stamme aus San Diego, sei jedoch bislang nicht unabhängig bestätigt. Eine amerikanische Intervention könnte seiner Einschätzung nach noch vor den Zwischenwahlen im November erfolgen.

Warum der Jemen militärisch im Vorteil sein könnte

Escobar bezweifelt, dass eine amerikanisch-saudische Offensive Ansar Allah dauerhaft besiegen könnte. Dafür wäre eine massive Bodeninvasion erforderlich, deren Erfolg angesichts der schwer zugänglichen Bergregionen und der Kampferfahrung der jemenitischen Streitkräfte fraglich sei. Bereits die jahrelangen saudischen Bombardierungen seit 2015 hätten die Bewegung nicht ausschalten können.

Gleichzeitig verfolgt Ansar Allah nach seiner Darstellung eine umfassende Strategie zur territorialen Vereinigung des Jemen. In der Provinz Taiz hätten die jemenitischen Streitkräfte bereits wichtige Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Weitere Ziele seien die Stadt Taiz, Marib und möglicherweise Aden, der Sitz der international anerkannten Regierung. Dabei werde nicht ausschliesslich militärisch vorgegangen. Verhandlungen mit lokalen Stämmen sollen ermöglichen, grössere Gebiete ohne langwierige Kämpfe zu integrieren. Escobar hält es für möglich, dass Ansar Allah dadurch künftig Regionen mit rund 90 Prozent der jemenitischen Bevölkerung kontrollieren könnte. Diese Einschätzung ist allerdings nicht unabhängig bestätigt.

Die Offensive sei lange vorbereitet worden. Nach Informationen, die Escobar der jemenitischen Führung zuschreibt, habe Ansar Allah bereits vor Monaten Hinweise auf eine geplante amerikanische Grossoffensive gegen die sogenannte Achse des Widerstands erhalten und deshalb beschlossen, selbst präventiv zu handeln. Die schnelle Einnahme strategischer Gebiete entlang der Küste des Roten Meeres sei das Ergebnis guter Aufklärung und langfristiger militärischer Planung.

Escobar betont ausserdem, dass Ansar Allah grundsätzlich zu Verhandlungen bereit sei. Voraussetzung wären ein Ende der saudischen Angriffe, die Einstellung ausländischer Einmischung und Entschädigungen für die seit 2015 verursachten Kriegsschäden. Sollte Riad den Krieg fortsetzen, könnten die jemenitischen Streitkräfte ihre Operationen dagegen auf saudisches Territorium ausweiten.

Mohammed bin Salman sucht Unterstützung – auch in China

Nach Escobars Informationen hat der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman inzwischen China um Vermittlung gebeten. Peking habe dies bislang nicht öffentlich bestätigt. Auch Pakistan könnte eine zentrale Rolle spielen: Ansar Allah habe dem pakistanischen Premierminister seine Bereitschaft zu Gesprächen signalisiert.

Islamabad und Ankara versuchten nach Escobars Darstellung, eine direkte Beteiligung am Krieg zu vermeiden. In beiden Ländern gebe es erheblichen Widerstand gegen eine militärische Unterstützung Saudi-Arabiens. China könnte deshalb gemeinsam mit Iran und Pakistan eine diplomatische Lösung ermöglichen, die Riad einen Rückzug aus dem Konflikt erlaubt, ohne diesen innenpolitisch als Niederlage darstellen zu müssen.

Gleichzeitig berichtet Escobar über eine wachsende Zusammenarbeit zwischen Saudi-Arabien, Israel und dem amerikanischen Militär. Ihm lägen Informationen vor, wonach mindestens ein israelischer General an militärischen Beratungen beteiligt sei. Zusammen mit CENTCOM-Beratern entstehe damit eine faktische militärische Kooperation. Eine unabhängige Bestätigung dieser Angaben liegt nicht vor.

Eine besondere Rolle spiele der israelische Hafen Eilat, dessen Schiffsverkehr durch die jemenitischen Operationen im Roten Meer erheblich beeinträchtigt sei. Escobar verweist auf Äusserungen eines saudischen Vertreters, wonach die Lage des Hafens zu den Gründen für die militärische Konfrontation gehöre. Er sieht darin einen Hinweis auf die engen strategischen Interessen zwischen Riad und Tel Aviv.

Eine erneute amerikanische Bombenkampagne gegen den Jemen würde nach Escobars Einschätzung wenig an der militärischen Lage ändern. Stattdessen könnte Ansar Allah weitere Angriffe auf saudische Energieanlagen durchführen, insbesondere auf die Ost-West-Pipeline, den Ölkomplex Abqaiq und den Exporthafen Yanbu. Dadurch könnten wichtige saudische Ölexporte für Wochen oder Monate unterbrochen werden.

Saudi-Arabiens Königshaus unter Druck

Neben der militärischen Bedrohung sieht Escobar eine wachsende innenpolitische Instabilität. Berichte, wonach sich Mohammed bin Salman nur noch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen bewege, deutet er als Zeichen zunehmender Unsicherheit. Hinzu kämen mögliche Machtkämpfe innerhalb des Königshauses, Spannungen mit Verteidigungsminister Khalid bin Salman und Unzufriedenheit unter einflussreichen Stämmen und marginalisierten Prinzen.

Sollte sich die Krise verschärfen, hält Escobar sogar einen inneren Machtkampf oder einen Wechsel an der Spitze des Königreichs für denkbar. Auch eine Rückkehr des früheren Kronprinzen Mohammed bin Nayef in eine Führungsposition sei theoretisch möglich, würde nach seiner Einschätzung jedoch erhebliche amerikanische Unterstützung voraussetzen. Konkrete Belege für entsprechende Umsturzvorbereitungen nennt er nicht.

Die wirtschaftlichen Folgen könnten Saudi-Arabien zusätzlich destabilisieren. Gefährdet seien grosse Investitionsprogramme wie NEOM und Vision 2030 sowie Tourismus, internationaler Flugverkehr und religiöse Pilgerreisen. Sollte der Ölexport dauerhaft beeinträchtigt werden, könnten dem Königreich wichtige Einnahmen fehlen.

Iran demonstriert seine Macht in der Strasse von Hormus

Während Saudi-Arabien militärisch unter Druck steht, verschärft Iran seine Kontrolle über die Strasse von Hormus. Im Interview ist von mehreren angegriffenen Tankern innerhalb weniger Tage die Rede. Nach Escobars Darstellung besteht Teheran darauf, dass Schiffe ausschliesslich einen genehmigten Korridor nahe der Insel Qeschm nutzen und dafür Transitgebühren entrichten.

Tanker, die andere Routen wählen oder auf amerikanischen Geleitschutz vertrauen, riskieren demnach Angriffe. Gleichzeitig bleibe der Ölhandel teilweise bestehen. Escobar beschreibt ein umfangreiches Netzwerk aus Tankern mit abgeschalteten Ortungssystemen, Umladungen auf offener See und informellen Handelswegen. Dadurch würden weiterhin Ölmengen transportiert, die in öffentlich zugänglichen Schifffahrtsdaten kaum sichtbar seien.

Besonders bemerkenswert ist seine Darstellung des iranischen Dieselhandels. Demnach liefert Iran über das Kaspische Meer Diesel nach Russland, der anschliessend weiterverkauft werden könnte. Escobar hält sogar für möglich, dass iranischer Diesel über russische und amerikanische Handelskanäle letztlich Europa erreicht. Für diesen konkreten Lieferweg legt er allerdings keine überprüfbaren Handelsdokumente vor.

Die iranische Wirtschaft leide zwar unter hoher Inflation und erheblichen Kriegsfolgen, sei aber nicht vollständig isoliert. Handelsverbindungen mit Russland, China, Irak, Pakistan und Zentralasien bestünden weiter. Zahlungen könnten über Rubel, Tauschgeschäfte und alternative Finanzsysteme erfolgen. Deshalb bezweifelt Escobar, dass Washington Iran allein durch Sanktionen wirtschaftlich in die Knie zwingen könne.

Iran droht mit Präventivschlägen gegen die USA

Nach Escobars Einschätzung hat Teheran seine Militärdoktrin nach dem jüngsten Krieg grundlegend verändert. Iran wolle künftig nicht mehr abwarten, bis amerikanische oder israelische Streitkräfte einen Angriff beginnen. Bereits bei erkennbaren Vorbereitungen könnte das Land präventiv zuschlagen.

Besonders gefährlich wäre eine direkte Konfrontation mit amerikanischen Kriegsschiffen im Indischen Ozean. Escobar verweist auf iranische Raketenfähigkeiten und warnt, dass ein Angriff auf US-Marineeinheiten eine kaum kontrollierbare Eskalation auslösen könnte.

Zugleich seien die diplomatischen Kontakte weitgehend festgefahren. Vermittlungsversuche über Pakistan und Katar sowie frühere Gespräche zwischen Washington und Teheran hätten bislang keinen Durchbruch gebracht. Die USA lehnten nach seiner Darstellung wesentliche iranische Forderungen ab, während Iran die amerikanischen Angebote für unzureichend halte.

Ein erneuter Krieg würde sich nach Escobars Einschätzung nicht auf Iran beschränken. Auch die Hisbollah, irakische Widerstandsgruppen und Ansar Allah könnten eine grössere Rolle übernehmen. Die sogenannte Achse des Widerstands sei seit den letzten militärischen Auseinandersetzungen nicht zerfallen, sondern habe ihre Strukturen neu organisiert.

Steht die bisherige Ordnung Westasiens vor dem Ende?

Escobar betrachtet die Kriege gegen Iran und Jemen als Teil einer umfassenderen geopolitischen Umwälzung. Seiner Ansicht nach gerät eine regionale Ordnung unter Druck, die nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches durch europäische Kolonialmächte geschaffen und später unter amerikanischer Führung weitergeführt wurde.

Saudi-Arabien und Israel seien zentrale Bestandteile dieser Ordnung. Beide stünden nun vor erheblichen militärischen und politischen Herausforderungen. Auch das auf saudischem Öl und amerikanischen Sicherheitsgarantien beruhende Machtgefüge am Persischen Golf könnte dadurch langfristig geschwächt werden.

Für Escobar liegt das grundlegende Problem Washingtons darin, dass die USA auf militärischen Druck setzen, ohne über eine tragfähige politische Lösung zu verfügen. Die Folgen dieser Strategie könnten sich zunehmend ihrer Kontrolle entziehen.

Seine zentrale Warnung: Der Krieg zwischen Saudi-Arabien und Jemen, die iranische Kontrolle über Hormus und eine mögliche amerikanische Intervention sind keine voneinander getrennten Krisen. Sie könnten sich zu einem regionalen Grosskonflikt verbinden, dessen Auswirkungen weit über Westasien hinausreichen – von der weltweiten Energieversorgung bis zur politischen Zukunft des saudischen Königshauses.