Im Gespräch mit dem Moderator Daniel stellte der iranische Politikwissenschaftler Mohammad Marandi die These auf, dass die USA und der Iran einem Abkommen näher seien als viele glauben – und dass die jüngsten israelischen Angriffe auf Beirut genau darauf abzielen könnten, diese Einigung zu verhindern.
Marandi weist darauf hin, dass Teheran den von Washington verbreiteten Optimismus über einen bereits abgeschlossenen Deal nie bestätigt habe. Zwar seien Fortschritte erzielt worden, doch zentrale Fragen – insbesondere die Umsetzung und die Glaubwürdigkeit amerikanischer Zusagen – seien weiterhin ungelöst. Der Angriff auf Beirut könne deshalb als Versuch interpretiert werden, die Verhandlungen gezielt zu torpedieren. Alternativ könne es sich um ein abgestimmtes „Good Cop, Bad Cop“-Spiel zwischen Washington und Tel Aviv handeln. Für wahrscheinlicher hält Marandi jedoch, dass Israel eigenständig versuche, ein Abkommen zu sabotieren.
Besonders bemerkenswert ist seine Einschätzung, dass die eigentliche Gefahr inzwischen nicht mehr allein militärischer Natur sei. Er argumentiert, dass die anhaltenden Spannungen rund um die Straße von Hormus die Weltwirtschaft an einen kritischen Punkt bringen könnten. Jede Verzögerung einer Einigung verschärfe die Energiekrise und erhöhe das Risiko einer globalen wirtschaftlichen Erschütterung. Die Verantwortung dafür sieht er vor allem bei der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu. Diese Interpretation ist klar politisch gefärbt, spiegelt aber die Sorge wider, dass geopolitische Eskalationen weit über die Region hinaus Folgen haben könnten.
Im Iran selbst zeigt sich laut Marandi kein geschlossenes Bild. Die Gesellschaft debattiere intensiv über den möglichen Deal. Einige betrachten ihn als notwendige Entspannung, andere warnen vor einer Wiederholung der Erfahrungen mit dem Atomabkommen von 2015. Damals, so Marandi, habe Teheran seine Verpflichtungen erfüllt, während Washington seine Zusagen nicht vollständig umgesetzt habe. Entsprechend groß sei heute das Misstrauen gegenüber amerikanischen Garantien. Die entscheidende Frage sei daher nicht der Wortlaut des Abkommens, sondern die Frage, welche Sicherheiten es tatsächlich enthalte.
Seine zentrale Schlussfolgerung lautet: Die israelischen Angriffe auf Beirut hätten die politische Dynamik verändert. Selbst wenn ein Abkommen grundsätzlich möglich gewesen sei, werde Teheran nun deutlich vorsichtiger agieren. Die Wahrscheinlichkeit iranischer Vergeltungsmaßnahmen sei gestiegen, während ein rascher Durchbruch bei den Verhandlungen in weitere Ferne rücke.
Ob Marandis Einschätzung zutrifft, bleibt offen. Klar ist jedoch: Sollte es tatsächlich ein ernsthaftes Fenster für eine Einigung zwischen Washington und Teheran gegeben haben, dann könnten die jüngsten Entwicklungen dieses Fenster erheblich verkleinert haben. Die kommenden Tage dürften daher nicht nur über Krieg oder Diplomatie im Nahen Osten entscheiden – sondern möglicherweise auch darüber, ob die Weltwirtschaft vor einer weiteren schweren Belastungsprobe steht.


