James Corbetts These: Der Weg zur europäischen Armee
Vor zehn Jahren sorgte Donald Trump mit einer Aussage für Schlagzeilen, die damals viele seiner Anhänger elektrisierte: Die NATO sei „obsolet“. Für viele klang das wie die Ankündigung einer außenpolitischen Revolution. Endlich ein Kandidat, der die endlosen Kriege beenden, die Vereinigten Staaten aus internationalen Verpflichtungen lösen und das militärische Establishment herausfordern würde.
Doch James Corbett argumentiert, dass diese Interpretation von Anfang an falsch gewesen sei.
Trump habe die NATO nie deshalb kritisiert, weil er grundsätzlich gegen Militärbündnisse gewesen sei. Seine Kritik habe sich vielmehr darauf konzentriert, dass das Bündnis nicht ausreichend auf den „Krieg gegen den Terror“ ausgerichtet sei und die europäischen Mitglieder ihrer finanziellen Verantwortung nicht nachkämen. Die Vereinigten Staaten würden die Hauptlast tragen, während andere von amerikanischem Schutz profitierten.
Als die NATO später ankündigte, ihre Aktivitäten im Bereich Terrorismusbekämpfung auszubauen, erklärte Trump plötzlich, das Bündnis sei nun nicht mehr obsolet. Für Corbett ist das der entscheidende Punkt: Die Kritik an der NATO war nie eine Absage an militärische Machtpolitik, sondern die Forderung nach ihrer Umgestaltung.
Die kontrollierte Demontage
Corbett vertritt die These, dass die gegenwärtige Schwächung der NATO kein Unfall sei.
Die schwindende Bedeutung des Bündnisses sei vielmehr Teil eines langfristigen Plans. NATO werde nicht einfach abgeschafft, sondern kontrolliert zurückgebaut – ähnlich einer geplanten Sprengung eines Gebäudes, das durch etwas Neues ersetzt werden soll.
Als Beleg verweist er auf die offiziellen NATO-Erklärungen der vergangenen Jahre.
Während die Gipfelerklärungen früher umfangreiche politische Dokumente gewesen seien, die zahlreiche Themen von Russland über Energiesicherheit bis hin zum Weltraum behandelten, seien diese Texte zunehmend zusammengeschrumpft.
Die Erklärung des NATO-Gipfels von 2025 in Den Haag habe letztlich nur noch aus fünf kurzen Absätzen bestanden. Der Inhalt habe sich fast ausschließlich auf höhere Verteidigungsausgaben konzentriert.
Für Corbett ist das ein Zeichen institutioneller Erschöpfung. Eine Organisation, die einst den Anspruch erhob, die Sicherheitsordnung des Westens zu definieren, wirke inzwischen wie eine Hülle ihrer selbst.
Europas Abhängigkeit von Amerika
Gleichzeitig werde offen eingeräumt, dass Europa militärisch nicht in der Lage sei, ohne die Vereinigten Staaten zu handeln.
Corbett verweist darauf, dass selbst transatlantische Denkfabriken inzwischen davon sprechen würden, Europa könne die amerikanische Sicherheitsgarantie nicht länger als selbstverständlich betrachten.
Die eigentliche Herausforderung bestehe demnach darin, Europas Verteidigungsstrukturen grundlegend umzubauen und zu integrieren.
Für Corbett ist dies die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf einen bestimmten Gedankengang:
Problem: Europa ist ohne die USA nicht verteidigungsfähig.
Reaktion: Die Bevölkerung fürchtet sich vor einer Sicherheitslücke.
Lösung: Europa benötigt eine eigene Armee.
Die europäische Armee wird salonfähig
Noch vor wenigen Jahren hätte die Vorstellung einer europäischen Armee in vielen europäischen Ländern als unrealistisch gegolten.
Heute werde sie von hochrangigen EU-Vertretern offen diskutiert. Europa müsse seine eigene Sicherheit gewährleisten. Unabhängigkeit in Verteidigungsfragen sei keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.
EU-Kommissare, Regierungsvertreter und Militärstrategen sprächen inzwischen selbstverständlich über europäische Kommandostrukturen, gemeinsame Hauptquartiere und eigenständige militärische Fähigkeiten.
Sogar die Idee einer permanenten europäischen Streitmacht mit 100.000 Soldaten werde offen vertreten.
Für Corbett ist dies kein spontaner Kurswechsel. Es sei die logische Konsequenz einer jahrzehntelangen Entwicklung.
Ein Projekt mit langer Vorgeschichte
Die Idee einer europäischen Armee sei keineswegs neu. Bereits nach dem Brexit hätten Frankreich und Deutschland gemeinsam mit anderen EU-Staaten Verteidigungspakte unterzeichnet, die gemeinsame Finanzierung, Entwicklung und Stationierung militärischer Fähigkeiten vorsahen. Doch Corbett geht noch weiter zurück.
Er verweist darauf, dass die Vision einer europäischen Verteidigungsunion bereits seit den Nachkriegsjahren existiere.
Dokumente hätten gezeigt, dass politische Eliten schon in den fünfziger Jahren über eine immer engere Integration Europas diskutierten – zunächst wirtschaftlich, später politisch und schließlich militärisch.
Der gemeinsame Markt sei demnach nur ein erster Schritt gewesen. Das eigentliche Ziel sei eine immer tiefere Verschmelzung der europäischen Strukturen gewesen.
Von NATO zu regionalen Machtblöcken
Die eigentliche Frage lautet für Corbett deshalb nicht, warum die NATO schwächer wird. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Warum sollte eine globale Elite auf ein Instrument verzichten, das ihr jahrzehntelang gute Dienste geleistet hat?
Seine Antwort:
Weil die nächste Entwicklungsstufe erreicht ist. Die Vereinigten Staaten würden sich zunehmend auf ihre eigene Hemisphäre konzentrieren, während Europa als eigenständiger regionaler Block organisiert werde.
An die Stelle einer zentral gesteuerten Weltordnung träten mehrere große Machtzentren, die miteinander konkurrieren und gleichzeitig Teil desselben globalen Systems seien.
- Nordamerika.
- Europa.
- Asien.
Regionale Blöcke mit eigenen Institutionen, eigenen Militärstrukturen und eigenen Verwaltungsapparaten.
Die Rolle der Technologiekonzerne
Ein weiterer Aspekt dieser Transformation sei die Veränderung der Rüstungsindustrie selbst. Die klassischen Konzerne würden zunehmend von Technologieunternehmen verdrängt.
- Drohnen
- Künstliche Intelligenz
- Automatisierte Kriegsführung
- Digitale Überwachung.
Die neue Sicherheitsarchitektur entstehe in enger Zusammenarbeit zwischen politischen Institutionen und privaten Technologieanbietern. Parallel dazu würden hunderttausende Arbeitskräfte für den Verteidigungssektor umgeschult.
Die Grenze zwischen Staat, Industrie und Technologie verschwimme zunehmend.
Für Corbett sei dies eine moderne Form des Korporatismus.
NATO verschwindet nicht vollständig
Trotz seiner Diagnose glaubt Corbett nicht, dass die NATO völlig verschwinden wird. Das Bündnis könne weiterhin als juristisches und politisches Instrument dienen. Etwa zur Aktivierung des Bündnisfalls nach Artikel 5. Die Organisation bleibe als Reserveinstrument bestehen. Ihre eigentliche Bedeutung verschiebe sich jedoch.
Die NATO werde vom Zentrum westlicher Sicherheitspolitik zu einem Nebendarsteller, während parallel neue europäische Strukturen aufgebaut würden.
Fazit
James Corbett kommt zu einem eindeutigen Schluss:
Die Diskussion über die „Obsoleszenz“ der NATO sei kein Zufall und auch keine Folge kurzfristiger politischer Entwicklungen. Die Schwächung des Bündnisses diene als Katalysator für einen grundlegenden Umbau Europas.
Die Angst vor Unsicherheit schaffe die Bereitschaft, Kompetenzen an Brüssel zu übertragen. Aus der Krise entstehe die Forderung nach einer europäischen Armee. Für Corbett deuten sämtliche Entwicklungen der vergangenen Jahre in dieselbe Richtung:
Die NATO wird nicht zerstört, weil das westliche Machtgefüge zerfällt.
Sie wird demontiert, weil eine neue Sicherheitsarchitektur aufgebaut wird – mit einer europäischen Armee als zentralem Baustein.


