Von der Reagan-Ära bis heute wird ein Name immer wieder aus der Vergangneheit geholt. Der investigative Journalist Max Blumenthal sagt: Das sogenannte „Kartell der Sonnen“ sei kein originäres Drogenkartell, sondern ein Konstrukt US-amerikanischer Geheimdienste – und diene heute als politischer Vorwand für eine Intervention gegen Venezuela.
Als das US-Justizministerium im Jahr 2020 ein Kopfgeld in zweistelliger Millionenhöhe auf den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro aussetzte, wurde ein Begriff schlagartig international bekannt: das „Kartell der Sonnen“. Washington erklärte, Maduro und führende Mitglieder seiner Regierung stünden an der Spitze einer globalen Drogenorganisation. Für viele Beobachter schien dies die juristische und moralische Grundlage für eine mögliche militärische Eskalation gegen Caracas zu liefern.
🚨 Die CIA schuf das 'Kartell der Sonnen' — Jetzt ist es ein Vorwand für Krieg
— Don (@Donuncutschweiz) December 15, 2025
Der investigative Journalist Max Blumenthal sagt, dass das berüchtigte Kartell der Sonnen ursprünglich von der CIA und der DEA während der Reagan-Ära geschaffen wurde, um Kokainrouten zu überwachen,… pic.twitter.com/UyAeYgE5x6
Der investigative Journalist Max Blumenthal widerspricht dieser Darstellung entschieden. In Interviews argumentiert er, das „Kartell der Sonnen“ sei ursprünglich kein venezolanisches Machtinstrument gewesen, sondern ein Produkt der CIA und der US-Drogenbehörde DEA aus der Reagan-Ära.
Ein Kartell aus dem Kalten Krieg
Laut Blumenthal entstand das „Kartell der Sonnen“ in den 1980er Jahren, als die USA in Lateinamerika einen verdeckten Krieg führten. Ziel sei es gewesen, internationale Kokainrouten zu überwachen und große Drogenhändler in den Vereinigten Staaten zu identifizieren. Die Methode: Man ließ den Schmuggel bewusst zu, um Netzwerke zu kartieren – ein Vorgehen, das intern mit dem Ausdruck „das Dope laufen lassen“ beschrieben worden sei.
Im Zentrum dieser Operationen stand Venezuela, damals noch unter der proamerikanischen sogenannten Punto-Fijo-Regierung, lange bevor Hugo Chávez Präsident wurde. US-Geheimdienste hätten Kontakte innerhalb der venezolanischen Nationalgarde genutzt und den Transit von Kokain durch das Land geduldet, um Informationen zu sammeln.
Enthüllungen und Konsequenzen
Diese Praxis blieb nicht dauerhaft geheim. Anfang der 1990er Jahre berichtete der Journalist Tim Weiner in der New York Times, dass CIA-Beamte im Zusammenhang mit diesen Operationen entlassen worden seien. Wenige Jahre später griff die Sendung 60 Minutes das Thema auf. In einer Sondersendung erklärte ein hochrangiger venezolanischer Offizier vor laufender Kamera, dass über 20 Tonnen Kokain im Rahmen dieser verdeckten Aktivitäten in die USA gelangt seien – deutlich mehr, als zuvor angenommen.
Die Folgen seien real gewesen, so Blumenthal: Der US-amerikanische Drogenmarkt und die Bevölkerung hätten die Konsequenzen dieser Politik getragen. Danach verschwand der Begriff „Kartell der Sonnen“ weitgehend aus der öffentlichen Debatte. Venezuela galt weder als bedeutender Produzent noch als zentrale Schmuggelroute, insbesondere im Vergleich zu Ländern wie Kolumbien. Auch beim heutigen Fentanylhandel spiele das Land laut gängiger US-Darstellung keine Rolle.
Die Wiederbelebung eines alten Namens
Erst Jahrzehnte später tauchte das „Kartell der Sonnen“ erneut auf – diesmal als Kernstück einer Anklagestrategie gegen die Regierung Maduro. Der damalige US-Justizminister William Barr, der bereits in den Iran-Contra-Affären eine Rolle gespielt hatte, stufte das angebliche Kartell als terroristische Organisation ein und verband es direkt mit der venezolanischen Staatsführung.
Für Blumenthal ist das kein Zufall, sondern Teil einer größeren politischen Agenda. Der „Krieg gegen Drogen“ diene seit Jahrzehnten als Deckmantel für US-Einflussnahme und Regimewechsel, insbesondere in der westlichen Hemisphäre. Die Wiederverwendung eines von US-Behörden selbst geschaffenen Begriffs ermögliche es, alte Narrative zu reaktivieren und neue Sanktionen, Anklagen oder sogar militärische Schritte zu legitimieren.
Ein Narrativ mit geopolitischer Funktion
Ob man Blumenthals Einschätzung teilt oder nicht – seine Recherchen werfen Fragen auf. Sie betreffen nicht nur die Geschichte verdeckter US-Operationen in Lateinamerika, sondern auch die politische Instrumentalisierung von Begriffen und Bedrohungsszenarien. Das „Kartell der Sonnen“ erscheint dabei weniger als klar definierte kriminelle Organisation, sondern als ein flexibles Narrativ, das je nach geopolitischer Lage neu aufgeladen wird.
Die zentrale These lautet: Was einst als geheime Operation begann, dient heute als öffentliches Argument. Und im Hintergrund steht eine alte, immer wiederkehrende Logik der US-Außenpolitik – Regimewechsel unter wechselnden Vorwänden.


