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Wann genau haben die Nazis aufgehört, „die Bösen“ zu sein?

Wann genau haben die Nazis aufgehört, „die Bösen“ zu sein?

strategic-culture.org: Die westliche Hemisphäre stellt sich, so unglaublich es auch erscheinen mag, auf die Seite neonazistischer Elemente gegen Russland, schreibt Robert Bridge.

Die diesjährige Parade zum Tag des Sieges in Moskau, die an die Niederlage Nazideutschlands 1945 erinnert, verspricht ein bittersüßes Ereignis zu werden. Denn das russische Volk befindet sich, sehr zu seinem Erstaunen, erneut in einem existenziellen Kampf gegen den Faschismus. Doch dieses Mal ignorieren die westlichen Regierungen das Problem direkt an Russlands Grenze nicht nur, sondern unterstützen es aktiv.

Eine wahre Geschichte: In den späten 1970er Jahren wurde ich in der Grundschule Nativity of Our Lord in Pittsburgh, Pennsylvania, mit mehreren Schülern an die Tafel gerufen, um eine Rechenaufgabe zu lösen. Nachdem ich meine Aufgabe ordnungsgemäß erledigt hatte, nahm ich mir noch einen Moment Zeit, um etwas neben meine Antwort zu kritzeln, bevor ich an mein Pult zurückkehrte.

Plötzlich fragte unsere Lehrerin, eine nüchterne Nonne namens Schwester Dolorosa, mit vor Empörung bebender Stimme: „Wer… hat… DAS getan?“ Mein einziger Gedanke war, dass jemand in großen Schwierigkeiten steckte. Wie sich herausstellte, hatte ich Recht, und dieser „jemand“ war ich. Die wütende Nonne saß nicht mehr an ihrem Schreibtisch, sondern stand neben meiner Matheaufgabe und schlug mit einem Holzlineal gegen die Tafel, auf die ich ein Bild gekritzelt hatte, das zufällig ein Hakenkreuz darstellte. Nichts, was normalerweise ein katholisches Klassenzimmer schmücken würde. Langsam hob ich die Hand und wartete darauf, dass mich der wohlbekannte Zorn Gottes oder das furchterregende Lineal der Nonne auf der Stelle niederstrecken würde.

Bevor der Leser mein törichtes Handeln verurteilt, sollte er wissen, dass ich dieses alte Symbol – das heute mit Nazideutschland und seinen abscheulichen Verbrechen identifiziert wird – erst am selben Morgen kennengelernt hatte. Es geschah bei einem Besuch in der Schulbibliothek, wo ich über ein Buch über den Zweiten Weltkrieg stolperte und zum ersten Mal ein Bild des gefürchteten Hakenkreuzes sah. Natürlich hatte ich keine Ahnung von den schrecklichen Dingen, für die es stand, und war erstaunt, dass ein einfaches, verbogenes Kreuz so viele Emotionen wecken konnte.

Lol. In dem Artikel „Die Lüge des Neonazi-Bataillons“ der deutschen Zeitung „Die Welt“ geht es darum, die Rolle der Nazis im Asow-Bataillon herunterzuspielen. Aber auf dem Bild, das sie selbst zur Illustration des Artikels gewählt hat, sind 3 verschiedene eindeutige, objektive Nazi-Symbole zu sehen.

Heute, mehrere Jahrzehnte nachdem meine Lehrerin wegen eines von einem ahnungslosen Kind gekritzelten politischen Symbols in Rage geraten war, hat sich die Welt radikal verändert, und zwar nicht zum Besseren. Ob es daran liegt, dass wir die grausamen Lektionen der Geschichte vergessen haben, oder daran, dass sich die Russophobie in den Herzen der Menschen so tief verankert hat, ist schwer zu sagen. Wie dem auch sei, die westliche Hemisphäre stellt sich jetzt, so unglaublich es auch erscheinen mag, auf die Seite neonazistischer Elemente gegen Russland. Das Hakenkreuz, so scheint es, flößt den Herzen der Menschen keine Angst mehr ein.

Viele werden versucht sein, über solche Behauptungen zu spotten und sie als die Machenschaften von „Kreml-Desinformation“ oder Ähnlichem abzutun. Diese Menschen haben wahrscheinlich noch nie etwas von der historischen Figur Stepan Bandera gehört, dem Nazi-Kollaborateur aus dem Zweiten Weltkrieg, dem zu Ehren Dutzende von Statuen auf Plätzen in der ganzen Ukraine errichtet wurden. Dank der wohlbekannten russlandfeindlichen Voreingenommenheit der westlichen Medien hatten sie auch keine Gelegenheit, die neonazistischen Utensilien, zu denen auch zahlreiche Tätowierungen gehören, zu sehen, die von den russischen Truppen bei ihrem zermürbenden Marsch durch die Ukraine in hoffnungsvoller Vorbereitung auf ein künftiges Militärtribunal dokumentiert wurden.

In der Zwischenzeit hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij auf seine jüdische Abstammung verwiesen, um die Behauptung Russlands zu entkräften, es sei auf die „Entnazifizierung“ seines Landes aus. Wie könnte sich ein Präsident mit jüdischer Abstammung mit denselben ideologischen Kräften verbünden, die für den Holocaust verantwortlich waren? Es wäre jedoch ein Fehler, solchen Behauptungen Glauben zu schenken. Tatsache ist, dass Zelensky sich gegenüber den rechtsextremen Kräften in der Ukraine als absolut hilflos erwiesen hat. Man denke nur an das Jahr 2019, als die neonazistischen Paramilitärs mit ihrer Kampagne „Keine Kapitulation“ dazu aufriefen, jedes Friedensabkommen mit den prorussischen Bewohnern des Donbass abzulehnen, wie es im Minsker Protokoll formuliert ist. Die Tatsache, dass Zelensky letztlich gezwungen war, ihren Forderungen nachzugeben, erklärt alles, was wir über den aktuellen Konflikt wissen müssen.

Die Journalisten Alexander Rubinstein und Max Blumenthal haben kürzlich beschrieben, wie weit die neonazistische Ideologie in die ukrainische Gesellschaft eingedrungen ist, und zwar unabhängig von Zelenskys ethnischem Hintergrund.

„Asow war formell in das ukrainische Militär eingegliedert worden, und sein als Nationales Korps bezeichneter Flügel der Straßenwacht wurde unter der Aufsicht des ukrainischen Innenministeriums und an der Seite der Nationalpolizei im ganzen Land eingesetzt“, schreiben die Autoren in The Grayzone. „Im Dezember 2021 wurde Zelensky bei einer Zeremonie im ukrainischen Parlament gesehen, wie er einem Führer des faschistischen Rechten Sektors eine Auszeichnung als ‚Held der Ukraine‘ überreichte.

Lange bevor Moskau sich gezwungen sah, in der Ukraine wegen dieser rechten Bedrohungen einzugreifen, die übrigens die alleinige Rückendeckung der NATO-Staaten und ihrer Waffen genießen, diskutierten westliche Journalisten öffentlich über das Aufkommen faschistischer Tendenzen in diesem Land.

Bereits im März 2018 berichtete der Reuters-Journalist Josh Cohen, dass „viele Ukrainer die [rechtsextremen] Milizen zwar weiterhin mit Dankbarkeit und Bewunderung betrachten, die extremeren unter diesen Gruppen jedoch eine intolerante und illiberale Ideologie vertreten, die die Ukraine langfristig gefährden wird.“

Cohen zitiert weiter Matthew Schaaf, den Projektleiter für die Ukraine bei Freedom House, der aufzeigt, dass „zahlreiche organisierte rechtsradikale Gruppen in der Ukraine existieren, und während die Freiwilligenbataillone zwar offiziell in staatliche Strukturen integriert wurden, haben einige von ihnen inzwischen politische und gemeinnützige Strukturen ausgegliedert, um ihre Vision umzusetzen.“

Was diese „Vision“ darstellt, erklärt den Aufruhr, der die Ukraine heute beherrscht, bei weitem.

Wie viele Progressive in der westlichen Hemisphäre wissen zum Beispiel, dass Kiew der extremistischen Basisgruppe C14 (der Name bezieht sich auf einen unter weißen Rassisten beliebten Schwur mit 14 Wörtern) die Erlaubnis erteilt hat, in der Hauptstadt Straßenpatrouillen zu bilden? Im Jahr 2018 wurden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew drei solcher von Milizen geführten Kräfte registriert, in anderen Städten gab es fast zwei Dutzend. Doch heute tun die westlichen Medien so, als gäbe es das alles nicht und als sei jedes Gerede über eine neonazistische Strömung in der Ukraine eine „Desinformation“.

Eilmeldung! Ein Bus mit Anhängern und Mitgliedern der ukrainischen Oppositionspartei „Patrioten für das Leben“ wurde im Osten des Landes (Charkow) von den ukrainischen Nationalen Korps und dem Asow-Bataillon angegriffen, unbestätigten Berichten zufolge wurden einige der Passagiere ermordet.

Das auffällige Bemühen des Westens, die Macht und den Einfluss der Rechtsextremen in der Ukraine plötzlich zu beschönigen, verrät mehr als alles andere seine tiefsitzende Russophobie. Doch wenn sie mit einer ebenso gefährlichen neonazistischen Bedrohung an ihren Grenzen konfrontiert würden, ist es zweifelhaft, dass die NATO-Mitgliedstaaten – nicht zuletzt Deutschland, wo allein das Zeigen eines Nazi-Symbols zu einer langjährigen Gefängnisstrafe führt – eine neutrale Haltung einnehmen würden.

Ähnlich wie die heftige Reaktion jener katholischen Lehrerin vor vielen Jahren, als sie mit dem Anblick eines Hakenkreuzes in ihrem Klassenzimmer konfrontiert wurde, müssen sich die Menschen wieder der Gefahr bewusst werden, die von einer solchen Ideologie ausgeht – selbst wenn dies bedeutet, zu einer friedlichen Verständigung und Koexistenz mit Russland zu gelangen. Doch zunächst muss die westliche Welt aufhören, von Moskau zu erwarten, dass es neben einer existenziellen Bedrohung lebt – einer abscheulichen Ideologie, die bereits zuvor ihre Brisanz unter Beweis gestellt hat -, die kein anderes Land der Welt lange tolerieren würde. Es ist an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass die Nazis – um es mit den Worten des berühmten britischen Komikerduos Mitchell und Webb zu sagen – wirklich „die Bösen“ sind.