Whitney Webb über Palantir, Überwachung und das Ende klassischer Erpressung
Die klassische Erpressung über kompromittierende Geheimnisse sei überholt. In der Ära allgegenwärtiger digitaler Überwachung brauche es keine dunklen Netzwerke, keine versteckten Kameras und keine Figuren wie Jeffrey Epstein mehr. Das sagt die investigative Journalistin Whitney Webb – und ihre These ist radikal:
Palantir habe diese Rolle längst übernommen.
In einem Interview mit Briahna Joy Gray, veröffentlicht am 1. August 2025 auf dem YouTube-Kanal Bad Faith, beschreibt Webb eine neue Form von Macht, die nicht mehr auf heimliche Enthüllungen angewiesen ist, sondern auf vollständige Datenerfassung.
Direkt zum Video mit deutschen Untertiteln:
Erpressung im Zeitalter totaler Datenspur
„Sie brauchen eigentlich keine Erpressung mehr“, sagt Webb. Wer heute Druck ausüben wolle, greife nicht auf kompromittierende Fotos oder Zeugenaussagen zurück, sondern auf Daten: Suchverläufe, Kommunikation, Finanztransaktionen, alte Likes, Tweets, Kontaktprofile.
Was Palantir über Menschen sammle, sei umfassender und dauerhafter als jede klassische Erpressungsakte. Webb formuliert es drastisch: Palantir sei der neue Jeffrey Epstein – nicht als Person, sondern als System.
Besonders beunruhigend sei, dass Nutzer über Jahre dazu ermutigt wurden, sich möglichst ehrlich und vollständig digital auszudrücken. Likes galten als privat, soziale Netzwerke als persönlicher Raum. In Wahrheit, so Webb, könnten diese Daten jederzeit gegen ihre Urheber verwendet werden – politisch, wirtschaftlich oder juristisch.
Von Prognosepolizei zu Präventivkontrolle
Webb erinnert daran, dass Palantir zu den Pionieren sogenannter prädiktiver Systeme gehört. In frühen Pilotprojekten seien diese Technologien vor allem in Minderheitenvierteln eingesetzt worden – mit dem Ziel, vorherzusagen, wer ein Verbrechen begehen könnte, bevor es geschieht.
Die Konsequenz dieser Logik sei klar:
Nicht Tat, sondern Verdacht wird zur Grundlage staatlicher Maßnahmen.
Webb verweist auf mögliche Szenarien wie Administrativhaft oder andere präventive Eingriffe – und zieht Parallelen zu israelischen Sicherheitspraktiken. Entscheidend sei nicht, ob diese Maßnahmen bereits flächendeckend umgesetzt werden, sondern dass die technische und rechtliche Infrastruktur dafür existiert.
Trump, Algorithmen und digitale Gefährderprofile
Brisant ist Webbs Hinweis auf ein Programm, das Donald Trump bereits in seiner ersten Amtszeit vorgeschlagen habe: die Prävention von Massenschießereien durch algorithmische Auswertung von Social-Media-Posts.
Konkret hätte dies bedeutet, dass Beiträge auf Plattformen wie Facebook oder Twitter daraufhin untersucht werden, ob sie angebliche Frühwarnzeichen neuropsychiatrischer Erkrankungen enthalten.
Bei einem positiven Treffer wären Maßnahmen möglich gewesen wie:
- Hausarrest
- verpflichtende psychologische Begutachtung
- staatliche Intervention ohne begangene Straftat
Ein System, in dem Algorithmen über Freiheit entscheiden.
DARPA, Facebook und die Privatisierung der Totalüberwachung
Webb ordnet Palantir historisch ein:
Die Firma sei die privatisierte Wiedergeburt des berüchtigten DARPA-Programms „Total Information Awareness“, das wegen massiver Kritik vom US-Kongress gestoppt wurde.
Die Lehre daraus sei simpel gewesen:
Was der Staat offen nicht durchsetzen kann, wird an private Unternehmen ausgelagert.
Auch soziale Netzwerke spielen in diesem Ökosystem eine zentrale Rolle. Webb verweist auf enge personelle und ideologische Verbindungen zwischen Palantir-Gründer Peter Thiel und Plattformen wie Facebook. Nicht zufällig erinnere Facebook stark an das gescheiterte DARPA-Projekt „LifeLog“, das das gesamte Leben eines Menschen digital erfassen sollte.
Fazit: Kontrolle ohne Skandal
Jeffrey Epstein war ein Skandal, weil er sichtbar wurde.
Palantir ist gefährlicher, weil es unsichtbar funktioniert.
Was Webb beschreibt, ist keine Verschwörung im klassischen Sinn, sondern eine systemische Verschiebung von Macht: Weg von einzelnen Akteuren, hin zu datengetriebenen Infrastrukturen, die Verhalten vorhersagen, klassifizieren und steuern können.
Wenn Erpressung nicht mehr persönlich sein muss, sondern algorithmisch, dann wird sie alltäglich, leise und rechtlich schwer greifbar.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wer überwacht –
sondern wer noch nicht vollständig erfasst ist.

