Unabhängige Analysen und Informationen zu Geopolitik, Wirtschaft, Gesundheit, Technologie

Wie Kinder im Russland-Ukraine-Krieg tatsächlich als Waffe benutzt werden

Wie Kinder im Russland-Ukraine-Krieg tatsächlich als Waffe benutzt werden

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine wird in westlichen Medien und von ukrainischen Behörden immer wieder behauptet, Russland habe in großem Umfang ukrainische Kinder entführt oder deportiert. Die genannten Zahlen reichen dabei von Zehntausenden bis hin zu mehr als einer Million. Nach Einschätzung der unabhängigen Journalistin Eva Bartlett fehlt für diese Vorwürfe jedoch belastbares, öffentlich überprüfbares Beweismaterial. Gleichzeitig würden schwerwiegende Missstände durch ukrainische und proukrainische Akteure kaum Beachtung finden.

Bartlett verweist in diesem Zusammenhang auf Gespräche in Istanbul im Juni, bei denen die Ukraine erstmals eine konkrete Namensliste mit angeblich „von Russland entführten Kindern“ übergab. Diese Liste umfasste 339 Namen – eine auffallend geringe Zahl im Vergleich zu den jahrelang wiederholten Behauptungen von mindestens 20.000 entführten Kindern. Diese Diskrepanz wirft grundlegende Fragen zur Glaubwürdigkeit der zuvor erhobenen Anschuldigungen auf.

Zweifel an dieser Glaubwürdigkeit werden durch frühere Fälle nachweislicher Desinformation verstärkt. So stellte sich im Jahr 2022 heraus, dass die damalige ukrainische Ombudsfrau Ljudmila Denisowa Berichte über angeblich massenhafte sexuelle Verbrechen russischer Soldaten frei erfunden hatte. Denisowa wurde zwar später entlassen, doch ihre Anschuldigungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits von internationalen Medien und Organisationen weltweit aufgegriffen worden. Für Bartlett zeigt sich hier ein Muster ungeprüfter Behauptungen, die sich nahtlos in ein antirussisches Narrativ einfügen.

Auch neuere Vorwürfe – etwa die Existenz von Hunderten russischer „Umerziehungslager“, in denen ukrainische Kinder militarisiert und „russifiziert“ würden, oder gar die Behauptung, Kinder würden nach Nordkorea gebracht – seien laut Bartlett nicht durch überprüfbare Quellen belegt.

Von russischer Seite heißt es hingegen, dass ein erheblicher Teil der auf der ukrainischen Liste genannten 339 Kinder nie in Russland gewesen sei, inzwischen volljährig sei oder bereits zu Angehörigen zurückgekehrt sei. Russland erklärt zudem, dass sich Kinder, die sich tatsächlich auf russischem Staatsgebiet befinden, aus aktiven Kriegsgebieten evakuiert worden seien, unter staatlicher Obhut stünden und aktiv an ihrer Familienzusammenführung gearbeitet werde. Parallel dazu übergab Russland eine eigene Liste mit 20 russischen Kindern, die sich nach russischen Angaben in der Ukraine oder in Westeuropa befinden sollen. Eine substanzielle Reaktion auf diese Liste blieb jedoch aus.

Bartlett kritisiert außerdem, dass westliche Medien den seit 2014 andauernden Konflikt im Donbass weitgehend ausblenden. In diesem Zeitraum seien laut russischen und lokalen Quellen Hunderte Kinder durch ukrainischen Beschuss getötet worden – ein Kontext, der ihrer Ansicht nach systematisch ignoriert werde.

Ein besonders erschütterndes Beispiel betrifft ukrainische Waisenkinder, die im Jahr 2022 nach Türkei gebracht wurden. Unter Berufung auf Recherchen der Journalistin Christelle Néant schildert Bartlett, dass dort 510 Kinder misshandelt und sexuell missbraucht worden seien. Zwei minderjährige Mädchen seien infolge der Übergriffe durch Hotelpersonal schwanger geworden. Verantwortliche innerhalb des Waisenhauses hätten den Opfern die Schuld gegeben. Der Fall habe jedoch kaum internationale mediale Aufmerksamkeit erfahren.

Auch innerhalb der Ukraine selbst seien Kinder betroffen. Bewohner unter anderem aus Artjomowsk (Bachmut) berichteten, dass Einheiten der ukrainischen Militärpolizei, bekannt als die sogenannten „Weißen Engel“, Kinder ohne Zustimmung der Eltern mitgenommen hätten. In einigen Fällen seien dabei falsche Geschichten verbreitet worden, etwa die Behauptung, die Eltern seien durch russische Angriffe ums Leben gekommen.

Auf einer Konferenz zu Verbrechen gegen Kinder im Donbass wurde zudem erklärt, dass ukrainische Behörden Kinder ohne Wissen ihrer Eltern nach Westukraine und möglicherweise weiter in andere europäische Länder gebracht hätten. Ein ehemaliger ukrainischer Sicherheitsbeamter äußerte sogar den Verdacht, dass einige dieser Kinder über internationale Netzwerke in die Hände pädophiler Kreise gelangt sein könnten – schwerwiegende Vorwürfe, die laut Bartlett von westlichen Medien und Institutionen weder untersucht noch aufgegriffen würden.

Abschließend schildert Bartlett ihre Gespräche mit Flüchtlingen aus Cherson, die zeitweise in Russland untergebracht waren. Die Befragten erklärten übereinstimmend, sie seien freiwillig evakuiert worden, um ukrainischem Beschuss zu entgehen. In Russland hätten sie sich frei bewegen können, medizinische Versorgung erhalten und ihre Kinder regulär zur Schule schicken können. Die Darstellung, sie oder ihre Kinder seien entführt worden, wiesen sie entschieden zurück.

All dies zeige, so Bartlett, dass das dominante Bild Russlands als massenhafter Kinderentführer nicht durch harte, öffentlich zugängliche Beweise gestützt werde. Gleichzeitig würden schwerwiegende Vorwürfe gegen ukrainische und proukrainische Akteure entweder ignoriert oder verharmlost. Kinder seien in diesem Krieg damit nicht nur Opfer militärischer Gewalt, sondern auch Instrumente politischer und medialer Propaganda.