Pepe Escobar
Aus Sicht Teherans beginnt damit ein völlig neues Spiel. Der Iran hat alles überstanden, was ihm nicht nur eine, sondern gleich zwei Atommächte entgegengeworfen haben. Das Vertrauen in irgendetwas, das aus „Barbaria“ kommt, liegt bei null.
Auf dem völlig bedeutungslos gewordenen G7-Gipfel in Évian verkündete der „Kaiser von Barbaria“ vor den Anwesenden – darunter drei vollwertige BRICS-Mitglieder –, dass „ich der Boss bin“. Ironie war dabei offenbar nicht beabsichtigt.
Schauen wir uns also das „Boss“-Memorandum zwischen Iran und den USA an, das er als seinen Deal verkauft („Ich habe zehn Kriege beendet“). Nun, es ist kein Deal. Es ist ein Memorandum of Understanding (MoU), bestenfalls ein elektronisch unterzeichnetes Versprechen, weiter miteinander zu reden. Und es beendet auch nicht den Krieg, den er selbst am 28. Februar begonnen hat.
Was auch immer diesen Freitag in Genf inszeniert wird: Der Herrscher von Barbaria wird das Memorandum nicht wirklich unterschreiben. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, die Öl- und Anleihemärkte zu beruhigen und verdeckt einen Waffenstillstandsrahmen als politisches Instrument einzusetzen. Natürlich wird dabei auch etwas wirtschaftliche „Erleichterung“ eingebaut sein – etwa indem die Straße von Hormus wieder mehr oder weniger normal genutzt werden kann.
Im besten Fall gehen der Krieg gegen den Iran und die umfassendere imperiale Strategie zur Destabilisierung Westasiens als zentraler Front im großen Krieg gegen die strategische Partnerschaft Russland–China in eine langsamere Phase über – mit zusätzlicher plausibler Abstreitbarkeit.
Ein kurzer Blick auf die ununterbrochene Hysterie in Washington zeigt, dass die plutokratischen Kreise, die in den USA tatsächlich die Macht ausüben, keinerlei Interesse an einem echten Frieden mit dem Iran haben. Außenminister Lawrows Maxime gilt weiterhin: Die USA sind nicht in der Lage, Vereinbarungen einzuhalten.
Momentan überwiegen pragmatische Zwänge. Trumps Team braucht eine offene Straße von Hormus – selbst wenn der Iran Gebühren für Wartung, Umwelt und Sicherheit erhebt –, um die globalen Energiemärkte zu stabilisieren.
Darüber hinaus haben die Golfmonarchien des GCC über Pakistan als Vermittler sowie direkt über Katar und Saudi-Arabien Washington unmissverständlich klargemacht, dass sie sich eine weitere Eskalation des Krieges schlicht nicht leisten können.
Aus realpolitischer Sicht ist klar, dass Trumps Team und die herrschende US-Plutokratie den Kern der 14 iranischen Forderungen niemals akzeptieren werden: vollständige Aufhebung aller Sanktionen, formelle Nichteinmischung in die iranische Souveränität, Ende aller Kriege gegen die Achse des Widerstands und – dem Geld folgend – vollständige Kriegsentschädigungen.
Was wir stattdessen bekommen werden, sind Gespräche, die sich möglicherweise bis ins 22. Jahrhundert hinziehen, während die Sanktionen durch den vom Zionismus beeinflussten US-Kongress nicht aufgehoben werden und die USA im UN-Sicherheitsrat weiter ihr Veto einlegen.
Was der „Boss“, der angeblich „zehn Kriege beendet“ hat, kurzfristig erhält, ist lediglich der Anschein eines Sieges – eine Vereinbarung, die in Wirklichkeit eine massive strategische Niederlage verschleiert.
Iran–Russland–China: Eine unzerbrechliche Partnerschaft
Vergessen wir die Vorstellung, dass die Architekten des Imperiums jemals eingestehen würden, dass der Iran es durch Abschreckung geschafft hat, die amerikanische Dominanz in Westasien zu brechen und sich als führende Regionalmacht sowie aufstrebende globale Macht zu etablieren – unterstützt von der überwältigenden Mehrheit des Globalen Südens.
Von nun an ist bestenfalls mit einer instabilen, hybriden und teilweise kontrollierten Turbulenz zu rechnen – inklusive fortlaufender Provokationen und verdeckter Operationen. Eine abgeschwächte Version des „Maximum Pressure“-Ansatzes soll Teheran dauerhaft in Alarmbereitschaft halten und idealerweise zu weiteren Zugeständnissen zwingen.
Doch wenn die Strategen von Barbaria glauben, dadurch die strategische Partnerschaft des Iran mit Russland und China schwächen zu können, wird die Realität sie eines Besseren belehren.
Vor allem China, aber auch Russland, standen hinter den pakistanischen Vermittlungsbemühungen, um eine Art Verständigung zwischen den USA und dem Iran zu erreichen. Ghalibaf übernimmt nun eine Schlüsselrolle beim Ausbau der strategischen Beziehungen zwischen China und Iran. Peking und Moskau wissen genau, dass die amerikanische Obsession mit Eindämmung und Kontrolle von Energie-Nadelöhren letztlich gegen sie und gegen die eurasische Integration gerichtet ist.
So dient das gesamte Theater um die 14 Punkte, die endlosen Verhandlungen, die angeblichen Waffenstillstände und die Unterzeichnung des Memorandums zugleich als gigantische Informationsoperation: Es soll Märkten und einer leichtgläubigen Öffentlichkeit signalisieren, dass Barbaria angeblich Frieden anstrebt.
Dann bleibt noch die Fixierung auf das Atomprogramm. Spätestens wenn die laut Memorandum vorgesehenen 60-tägigen Verhandlungen beginnen, wird sich zeigen, was Trumps Team tatsächlich will.
Das amerikanische Verbot der Urananreicherung sendet eine direkte Botschaft an Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Südkorea, Japan oder sogar Deutschland: Wer außerhalb des von den USA vorgegebenen Rahmens die nukleare Schwelle überschreitet, wird Probleme bekommen.
Folgen wir dem Geld
Ja, im Kern handelt es sich um eine Falle.
Die zwölf Milliarden Dollar – die Hälfte der insgesamt 24 Milliarden Dollar –, die in der ersten Phase freigegeben werden sollen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit über Banken in Katar, Oman und möglicherweise Saudi-Arabien fließen. Dadurch erhält das US-Finanzministerium nahezu unbegrenzte Überwachungsmöglichkeiten und Einblick in die Offshore-Bankenarchitektur des Iran.
Natürlich ist sich die iranische Führung dessen bewusst. Entsprechend werden zahlreiche alternative und verdeckte Finanzmechanismen genutzt werden.
Souveränität, Geduld – und der Finger am Abzug
Was passiert als Nächstes?
Vor allem ein eingefrorener Krieg. Kein tiefer Frost, aber ein eingefrorener Zustand.
Die Wiederöffnung der Straße von Hormus dürfte den Ölpreis auf etwa 75 Dollar pro Barrel drücken. Die Freigabe der zwölf Milliarden Dollar wird beginnen. Anschließend werden Gespräche über eine Art abgespecktes JCPOA 2.0 aufgenommen – entweder in Genf oder wahrscheinlicher in Islamabad. Diese Verhandlungen könnten sich in angespanntem Ton bis zu den amerikanischen Zwischenwahlen hinziehen. Danach ist alles offen.
Teheran konzentriert sich unmittelbar nach der Unterzeichnung des Memorandums auf die positiven Aspekte. Die Ölexporte sollen bereits an diesem Wochenende wieder anlaufen. Möglicherweise folgen einige Ausnahmen von den Sanktionen, etwa im Bankensektor, im Transportwesen und bei Versicherungen, was die Exporte erleichtern würde. Ein iranischer Supertanker hat den Hafen von Chabahar bereits verlassen und die amerikanische Blockade ohne Probleme passiert.
Der „Boss“ setzt darauf, dass mit der Rückkehr des Öls auf die Märkte die Energiepreise fallen, sich die Märkte beruhigen und die Inflation sinkt. Dadurch soll der politische Preis der strategischen Niederlage, für die er verantwortlich ist, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden.
Und selbstverständlich wird es eine ganze Reihe neuer Ablenkungen geben – von Kuba über Grönland bis hin zu den leicht manipulierbaren europäischen Vasallen.
Der Masterplan des „Bosses“ in Kurzform: Zeit kaufen, den Erfolg verkünden und hoffen, dass niemand laut „strategisches Desaster“ ruft.
Aus Sicht Teherans ist die Lage jedoch grundlegend anders.
Der Iran hat alles überstanden, was ihm zwei Atommächte entgegengeworfen haben. Das Land hat überlebt und ist sogar stärker daraus hervorgegangen. Der nationale Zusammenhalt wurde der ganzen Welt sichtbar vorgeführt. Bedeutende Zugeständnisse macht Teheran keine.
Im Gegenteil: Der Iran ist heute der Herr der Straße von Hormus. Es gibt kein Zurück mehr. Das Vertrauen in irgendetwas, das aus Barbaria kommt, ist nicht vorhanden. Dennoch wird Teheran weiterhin extreme Geduld zeigen.
Verbunden mit einem furchtlosen Finger am Abzug.


