Eine neue Pandemie steht nicht fest, ein konkreter Erreger ist nicht bekannt – und dennoch bereiten sich die Gesundheitsbehörden der USA und Europas bereits auf die Entwicklung entsprechender Impfstoffe vor. Am 16. Oktober 2026 hat das US-Gesundheitsministerium die hypothetische Bedrohung „Threat X“ offiziell in eine Liste von neun prioritären Virusbedrohungen aufgenommen. Die Europäische Union verfolgt unter dem Begriff „Disease X“ schon länger eine ähnliche Strategie und hält Produktionskapazitäten für bis zu 325 Millionen Impfdosen jährlich bereit.
Die neue Ankündigung stammt von der Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA), einer Behörde des US-Gesundheitsministeriums HHS. In einer offiziellen Mitteilung vom 16. Oktober 2026 erklärte BARDA, künftig neun prioritäre Virusbedrohungen zur Überprüfung und Weiterentwicklung medizinischer Technologien heranzuziehen. Neben bekannten Erregern wie Nipah, Dengue, MERS-CoV und dem West-Nil-Virus taucht auf dieser Liste auch eine bemerkenswerte Bezeichnung auf: „Threat-X“.
Das Besondere daran: Für diese Bedrohung ist kein konkreter Krankheitserreger identifiziert. Trotzdem soll sie dazu dienen, Technologien für die schnelle Entwicklung von Impfstoffen, Medikamenten und diagnostischen Verfahren auf ihre Anpassungsfähigkeit zu überprüfen. BARDA setzt dabei auf Plattformtechnologien, die bei einer zukünftigen Gesundheitskrise möglichst rasch auf neue Krankheitserreger umgestellt werden können. Die Behörde betont allerdings, dass die Aufnahme auf die Prioritätenliste noch keine verbindliche Zusage für ein vollständiges Entwicklungsprogramm bedeutet.
Der US-Journalist Jon Fleetwood hat diese Entwicklung in einem am 4. November veröffentlichten Beitrag aufgegriffen. Er kritisiert insbesondere, dass die Regierung zunächst eine hypothetische biologische Bedrohung definiert und diese anschliessend als Grundlage für Forschungsprioritäten und mögliche staatliche Förderprogramme verwendet. Pharmaunternehmen werden von BARDA ausdrücklich aufgefordert, die entsprechenden Technologien zu berücksichtigen und zukünftige Finanzierungsmöglichkeiten zu beobachten.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wenn ein Krankheitserreger noch nicht bekannt ist, anhand welcher Kriterien wird entschieden, welche Technologien entwickelt, welche Unternehmen gefördert und welche öffentlichen Gelder dafür eingesetzt werden?
Europa arbeitet längst an derselben Strategie
Was in den Vereinigten Staaten nun unter der Bezeichnung „Threat X“ offiziell auf der Prioritätenliste erscheint, ist in Europa keineswegs neu. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verwendet bereits seit 2018 den Begriff „Disease X“. Damit bezeichnet sie eine hypothetische Krankheit, die durch einen bislang unbekannten Erreger ausgelöst werden und eine schwere internationale Epidemie verursachen könnte.
Auch die Europäische Union hat dieses Konzept in ihre Gesundheitspolitik aufgenommen. In einem offiziellen Dokument der Europäischen Kommission vom 22. Mai 2024 wird ausdrücklich erklärt, dass die europäische Gesundheitsbehörde HERA ein breites Portfolio an Massnahmen aufbaut, um auf „Disease X“ schnell reagieren zu können. Dazu gehören die Entwicklung medizinischer Gegenmassnahmen, die Förderung neuer Technologien, die Überwachung möglicher Krankheitserreger und die Bereitstellung industrieller Produktionskapazitäten.
HERA wurde nach der Corona-Pandemie geschaffen und ist für die Vorbereitung auf zukünftige Gesundheitskrisen zuständig. Die Behörde arbeitet mit den EU-Mitgliedstaaten, Forschungseinrichtungen und Pharmaunternehmen zusammen, um Impfstoffe und Medikamente möglichst frühzeitig entwickeln, beschaffen und bei Bedarf produzieren zu können.
Die Europäische Kommission hat ihre gesundheitspolitischen Vorbereitungen inzwischen weiter ausgebaut. Am 13. Mai 2026 verabschiedete sie eine neue Initiative zur globalen Gesundheitsresilienz, mit der die Zusammenarbeit und Krisenvorsorge auch international gestärkt werden sollen.
325 Millionen Impfdosen jährlich – Produktionskapazitäten stehen bereit
Besonders weit fortgeschritten sind die europäischen Vorbereitungen bei den Produktionskapazitäten. Bereits im Juni 2023 wurde das sogenannte EU-FAB-Netzwerk eingerichtet. Es umfasst Impfstoffhersteller in Belgien, Irland, den Niederlanden und Spanien.
Die EU hat sich damit Produktionskapazitäten von insgesamt bis zu 325 Millionen Impfdosen pro Jahr gesichert. Die Anlagen sollen dauerhaft einsatzbereit gehalten werden, damit sie im Falle einer Gesundheitskrise schnell aktiviert werden können. Vorgesehen sind unterschiedliche Technologien, darunter mRNA-Impfstoffe, vektorbasierte Impfstoffe und proteinbasierte Präparate.
Es handelt sich dabei nicht um 325 Millionen bereits hergestellte Impfstoffdosen, sondern um vertraglich gesicherte Produktionskapazitäten. Die Europäische Kommission kann diese im Falle eines entsprechenden Gesundheitsnotstands aktivieren.
Bemerkenswert ist dennoch die Dimension dieser Vorbereitungen. Während die Öffentlichkeit noch nicht weiss, welcher Krankheitserreger eine mögliche nächste Pandemie auslösen könnte, existieren bereits staatlich organisierte Forschungsstrukturen, Verträge mit Herstellern und reservierte industrielle Kapazitäten.
Die offizielle Begründung lautet, im Ernstfall schneller reagieren zu können als während der Corona-Pandemie. Gleichzeitig entsteht damit eine dauerhafte Verbindung zwischen staatlicher Gesundheitsvorsorge, öffentlichen Forschungsgeldern und der pharmazeutischen Industrie.
Die unbekannte Krankheit als Grundlage einer dauerhaften Pandemievorbereitung
Hinter den Begriffen „Threat X“ und „Disease X“ steckt ein grundlegender Wandel der Pandemiepolitik. Während Impfstoffe traditionell gegen identifizierte Krankheitserreger entwickelt werden, sollen heute technologische Plattformen bereitstehen, bevor feststeht, gegen welchen Erreger sie eines Tages eingesetzt werden könnten.
Das bedeutet nicht, dass bereits ein fertiger Impfstoff gegen eine völlig unbekannte Krankheit existiert. Ohne Kenntnis des Erregers lassen sich weder die konkreten Zielstrukturen eines Impfstoffs noch dessen Wirksamkeit bestimmen. Entwickelt und vorbereitet werden vielmehr Technologien, Herstellungsverfahren und Forschungsplattformen, die später entsprechend angepasst werden sollen.
Aus Sicht der Behörden ist dies eine notwendige Vorsorgemassnahme. Aus kritischer Perspektive wirft das Modell jedoch Fragen nach der demokratischen Kontrolle, den wirtschaftlichen Interessen und den Grenzen staatlicher Pandemievorbereitung auf.
Wer legt fest, welche hypothetischen Gefahren ausreichend bedeutsam sind, um umfangreiche öffentliche Investitionen zu rechtfertigen? Welche Unternehmen profitieren langfristig von staatlich finanzierten Entwicklungsprogrammen und reservierten Produktionskapazitäten? Und wie wird sichergestellt, dass der politische Wunsch nach möglichst schneller Impfstoffentwicklung nicht zulasten unabhängiger Sicherheitsprüfungen geht?
Auch die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie machen diese Fragen relevant. Damals wurden Impfstoffe innerhalb aussergewöhnlich kurzer Zeit entwickelt, staatlich beschafft und in grossen Mengen eingesetzt. Die Beschaffungsverträge, die Kosten für die öffentliche Hand und die Transparenz politischer Entscheidungen sorgten anschliessend für erhebliche Kontroversen.
Die nächste Pandemie ist unbekannt – die Vorbereitungen laufen bereits
Mit der offiziellen Aufnahme von „Threat X“ in die amerikanischen Forschungsprioritäten haben die Vereinigten Staaten nun einen weiteren Schritt in Richtung einer langfristig angelegten Pandemievorbereitung vollzogen. Europa verfolgt diese Strategie mit HERA, EU FAB und der Einbindung von „Disease X“ in die gesundheitspolitischen Planungen bereits seit mehreren Jahren.
Die offiziellen Dokumente belegen keine bevorstehende Pandemie und auch keinen Plan, eine solche auszulösen. Sie zeigen jedoch, dass Regierungen, internationale Gesundheitsorganisationen und die Pharmaindustrie ihre Strukturen zunehmend auf die schnelle Reaktion auf bislang unbekannte Krankheitserreger ausrichten.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über die medizinische Forschung hinausgeht: Wie weit darf die staatliche und industrielle Vorbereitung auf eine hypothetische Gesundheitskrise gehen, und wer kontrolliert die daraus entstehenden politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen?
Quellen
- US-Gesundheitsministerium / BARDA, 16. Oktober 2026: Offizielle Aufnahme von „Threat-X“ in die Liste prioritärer Bedrohungen zur Validierung medizinischer Technologien.
https://www.medicalcountermeasures.gov/newsroom/stories/preparing-for-the-unknown - Jon Fleetwood, 4. November 2026: HHS Invents ‘Threat X’ Pandemic Category, Then Uses Its Own Hypothetical Threat to Justify Vaccine and Drug Development.
https://jonfleetwood.substack.com/p/hhs-invents-threat-x-pandemic-category - Weltgesundheitsorganisation WHO: Offizielle Definition von „Disease X“ und Liste prioritärer Krankheitserreger.
https://www.who.int/activities/prioritizing-diseases-for-research-and-development-in-emergency-contexts - Europäische Kommission, 22. Mai 2024: Mitteilung zur europäischen Gesundheitsunion und zu den Vorbereitungen auf „Disease X“.
https://commission.europa.eu/document/download/98c6e4dc-0fc3-4ec6-8ec2-bfcdcb2f018a_en?filename=policy_com-2024-206_en.pdf - Europäische Kommission: EU-FAB-Netzwerk mit Produktionskapazitäten für bis zu 325 Millionen Impfdosen jährlich.
https://health.ec.europa.eu/health-emergency-preparedness-and-response-hera/preparedness/addressing-market-challenges_en - Europäische Kommission: Gesundheitliche Krisenvorsorge, Rolle von HERA und europäische Pandemievorbereitung.
https://commission.europa.eu/topics/public-health/european-health-union/health-crisis-preparedness_en - Europäische Kommission, 2026: Global Health Resilience Initiative, verabschiedet am 13. Mai 2026.
https://commission.europa.eu/priorities-2024-2029/global-europe/implementation-tracker_en


