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Antikriegs-Oper: Roger Waters rockt den Garten mit ‚This Is Not a Drill‘

Antikriegs-Oper: Roger Waters rockt den Garten mit ‚This Is Not a Drill‘

Wer die Musik von Roger Waters kennt, der weiß, dass die kreative Kraft hinter Pink Floyd ein ausgesprochener Aktivist ist. Um sicherzugehen, dass jeder weiß, worum es geht, begann die Aufführung mit einer einfachen Ankündigung, die über die Lautsprecher übertragen wurde und auf riesigen Videoleinwänden in riesigen Buchstaben zu lesen war:

„Wenn du zu den Leuten gehörst, die Pink Floyd lieben, aber Rogers Politik nicht ausstehen können, solltest du dich am besten gleich an die Bar verpissen“.

Er hat nicht gescherzt. Von Anfang bis Ende nutzte Waters seine Plattform, um eine Botschaft in den vollbesetzten Boston Garden zu schreien. Es war eine Botschaft, die sich explizit gegen den Krieg, gegen die Autorität, für die Menschen und für die Gerechtigkeit richtete; ein Kommentar, der nicht nur ergreifend war, sondern auch bewusst ein Mainstream-Publikum herausforderte.

Aktivisten sollten wissen, dass Roger Waters ein echter Mann ist. Freiwillige und Mitarbeiter von Massachusetts Peace Action waren dank der freundlichen Einladung unserer langjährigen Verbündeten, der Smedley D. Butler Brigade der Veterans for Peace, anwesend. Sie erhielten die Eintrittskarten von Roger Waters persönlich. Der langjährige Frontmann einer der größten Rockbands der Geschichte erkannte die Bedeutung der Arbeit von VFP und lud die Friedensaktivisten zu seinem Auftritt ein und bat sie, ihre Botschaft zu verbreiten. Während die Vets for Peace an einem Infotisch im Garten Exemplare von Peace and Planet, ihrer Antikriegs- und Pro-Klima-Zeitung, verteilten MAPA-Aktivisten draußen Flugblätter gegen die Überflutung der Ukraine mit Waffen, die der Bereicherung von Kriegsprofiteuren dienen.

Wir wussten, dass das Publikum aufnahmebereit sein würde und dass unsere Botschaft von der Bühne aus verstärkt werden würde. Keiner von uns hatte erwartet, dass sie so laut und deutlich widerhallen würde. Im Laufe von zweieinhalb Stunden sprach Waters fast alle Themen an, mit denen sich die Kriegsgegner jeden Tag beschäftigen. Er sprach über den Krieg im Nahen Osten, die Rechte der Palästinenser, Lateinamerika, Atomwaffen, Rassengerechtigkeit, militarisierte Polizeiarbeit, die Rechte indigener Völker und so weiter und so fort. Waters‘ Bereitschaft, extrem schwierige Themen direkt und tiefgründig anzusprechen, und die Resonanz, die dies beim Mainstream-Publikum fand, waren eine Inspiration, die eine genauere Betrachtung verdient.

Die Show begann mit einer zurückhaltenden Version von „Comfortably Numb“. Gepaart mit Bildern einer zerstörten und verwüsteten Stadt auf 100 Fuß (ca. 30 m) großen Videoleinwänden war die Botschaft klar. Dies sind die Folgen der Apathie. Als sich die gigantischen Leinwände hoben und eine runde Bühne in der Mitte freigaben, begann die Band mit „Another Brick in the Wall“, der vielleicht berühmtesten Hymne von Pink Floyd. Waters nutzte die Melodie, um auf die Erziehung hinzuweisen, die wir alle durch Propaganda erhalten, mit Botschaften wie „US GOOD THEM EVIL“ („WIR GUT, SIE BÖSE“), die immer wieder über die Leinwand laufen.

Als Nächstes, während „The Bravery of Being out of Range“, wurden Bilder aller Präsidenten seit Ronald Reagan gezeigt. Neben der großen Aufschrift „WAR CRIMINAL“ (Kriegsverbrecher) waren ihre Strafregister zu sehen. Waters nannte 500.000 irakische Kinder, die durch Bill Clintons Sanktionen getötet wurden, 1 Million Tote in den Kriegen von George W. Bush, die Drohnenprogramme von Barack Obama und Donald Trump und das Bild von Joe Biden mit dem kryptischen Zitat „just getting started…“. Sagen Sie, was Sie wollen, für Roger Waters geht es nicht um Parteinahme. Danach feierte er den Widerstand in Standing Rock mit einem neuen Song, „the Bar“, der mit einer einfachen Frage endete: „Würdet ihr bitte von unserem Land verschwinden?“

Nach einigen Liedern zu Ehren seines Mitbegründers und besten Freundes Syd Barrett, der Ende der 60er Jahre tragischerweise einer Geisteskrankheit erlag, spielte Waters „Sheep“ von seiner 1977 erschienenen Hommage an George Orwell, Animals. Er beklagte, dass „die Schweine und Hunde heute noch mächtiger sind, und wir unsere Kinder immer noch nicht gut erziehen. Wir bringen ihnen Blödsinn bei wie die Entrückung, Ultranationalismus und den Hass auf andere. Und leider bringen wir ihnen auch bei, wie man ein gutes Schaf ist.

Das Spektakel in der Pause war vielleicht die deutlichste Botschaft gegen Militarismus und Kriegsprofiteure während der gesamten Aufführung, die keinen Moment vergeuden wollte. Ein riesiges aufblasbares Schwein, das von Pink Floyd-Konzerten bekannt ist, schwebte hoch über dem Publikum und flog durch das Stadion. Auf der einen Seite stand die Botschaft „Fuck the Poor“ („Fick die Armen“). Auf der anderen: „Steal from the Poor, Give to the Rich“ („Stiel von den Armen, gib den Reichen“). Neben diesen Botschaften prangten die Logos der weltgrößten „Verteidigungsunternehmen“, der Kriegsprofiteure Raytheon Technologies, Lockheed Martin, BAE Systems, Elbit Systems und anderer.

Als das zweite Set begann, fielen rote Banner von der Decke und die Menge wurde mit „In the Flesh“ und „Run like Hell“ plötzlich in eine faschistische Kundgebung versetzt. Gekleidet als autoritäre Figur mit schwarzem Ledertrenchcoat, dunkler Sonnenbrille und roter Armbinde, veranschaulichte Waters die Gefahren von militarisierter Polizeiarbeit, Rassismus und Personenkulten. Auf den Bildschirmen waren Bilder von Polizisten zu sehen, die von faschistischen Sturmtruppen nicht zu unterscheiden waren – ein Anblick, der in den letzten Jahren nur allzu vertraut geworden ist.

Waters fuhr mit der gesamten zweiten Seite von Pink Floyds Album Dark Side of the Moon fort. In „Money“ stellte er erneut eine Verbindung zwischen Kapitalismus und Militarismus her und zeigte Bilder vom Stapeln von Geld mit Kampfflugzeugen, Kampfhubschraubern und Sturmgewehren. Anschließend spielte er „Us and Them“, „Any Color you Like“ und „Eclipse“, die dazu dienten, die Vielfalt zu feiern und ein Gefühl der Einheit mit der gesamten Menschheit zu fördern. Schnappschüsse von Menschen aus allen Kulturen der Welt fügten sich zu einem Wandteppich zusammen und bildeten schließlich das Spektrum des Lichts, das durch das Prisma im ikonischen Albumcover von Dark Side fällt.

Zu diesem Zeitpunkt der Show war die Verbindung zwischen Künstler und Publikum bereits spürbar. Der Applaus nahm kein Ende, und Waters war sichtlich gerührt von der Resonanz und den Tränen der Freude und Wertschätzung nahe. Seine Zugabe war kurz, aber kraftvoll. „Two Suns in the Sunset“, ein Lied über den nuklearen Holocaust, zeigte eine grüne Landschaft, die von dem massiven Feuersturm einer Atomwaffe überrollt wurde. Unschuldige Menschen wurden zu Silhouetten und dann verwandelten sich diese Silhouetten in viele brennende Papierschnipsel, als sie von der konkusiven Schockwelle verdampft wurden.

Das sind nicht die Doobie Brothers. Es ist eine schwierige Show. Roger Waters, der ebenso sehr Künstler und Aktivist wie Musiker ist, erinnert sein Publikum daran, sich mit dem, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, unwohl zu fühlen. Er bringt uns absichtlich in Verlegenheit. Es soll ein Schlag ins Gesicht sein, der mehr schmerzt als dass er erfreut. Aber es steckt auch Hoffnung darin. Zu wissen, dass diese komplexen und herausfordernden Themen ein Mainstream-Publikum ansprechen können, oder zumindest ein Publikum, das einen der größten Veranstaltungsorte der Stadt füllt, macht Mut. Es sollte den Klimaaktivisten Mut machen, die gegen 200 Jahre Öl, Kohle, Gas und Geld kämpfen. Es sollte den BLM-Aktivisten Kraft geben, die mit Tränengas, Schlagstöcken und Schutzschilden angegriffen werden, egal ob sie von Nazi-Schlägern oder von Polizisten festgehalten werden, die sich wie solche verhalten. Es sollte den Friedensaktivisten im Land des ewigen Krieges Hoffnung geben.

Roger Waters hat keine Angst zu sagen: „Scheiß auf die Kriegstreiber“. Er hat keine Angst zu sagen: „Fuck your Guns“. Er hat keine Angst zu sagen: „Scheiß auf Imperien“. Keine Angst zu sagen „Free Assange“. Keine Angst, „Free Palestine“ zu sagen. Die bereit sind, eine Show den Menschenrechten zu widmen. Den Rechten der Fortpflanzung. Den Trans-Rechten. Dem Recht auf Widerstand gegen die Besatzung.

Das ist nicht für jeden was. Manche Leute verpissen sich in die Bar. Wer braucht die schon? Am Dienstagabend war der Boston Garden voll von Menschen, die bereit waren, diese Botschaft zu hören. Unsere Botschaft. In unseren dunklen Nächten der Seele haben sich alle Aktivisten gefragt: „Ist da draußen jemand?“

Die Antwort lautet: Ja. Sie sind da draußen und sie haben die Nase voll, genau wie wir. Ideen wie Frieden und Gerechtigkeit und Antiautoritarismus sind keine Randerscheinungen. Sie sind Mainstream. Es ist hilfreich, das zu wissen. Denn Waters hat Recht. Dies ist keine Übung. Es ist real und es steht viel auf dem Spiel. Aber unsere Leute sind da draußen. Und wenn wir uns zusammentun, können wir gewinnen.