Selbst im Standby-Modus melden sich Fernseher weiter zum Dienst. Das können Sie dagegen tun.
Von Christina Maas
Als europäische Regulierungsbehörden begannen, hinter den eleganten schwarzen Rahmen moderner Fernseher zu blicken, rechneten sie nicht damit, eine kleine Überwachungsoperation zu entdecken, die im Hintergrund still vor sich hin summt.
Doch genau das fanden sie: Fernseher, die sich weniger wie passive Bildschirme und mehr wie digitale Petzer verhielten – mit einer direkten Leitung zu einem internationalen Netzwerk aus Datenhändlern, Softwareanbietern, Streamingdiensten und allen anderen, die bereit sind, für ein Stück Ihres Wohnzimmers zu zahlen.
Es stellte sich heraus: Das Einzige, was an Ihrem Smart-TV wirklich „ausgeschaltet“ ist, ist die Annahme, dass das Ausschalten etwas bewirkt.
Die Untersuchung
Die Untersuchung wurde im Rahmen des GDPR-Gemeinschaftsprojekts von Datenschutzbehörden aus den Niederlanden, Ungarn, Italien und Liechtenstein gestartet.
Sie wählten die drei meistverkauften Smart-TVs auf dem europäischen Markt. Weniger ein Produkttest, mehr eine verdeckte Operation.
Sie zeichneten den Roh-Netzwerkverkehr unter normalen Bedingungen auf: während der Einrichtung, im Leerlauf, nach 24 Stunden im ausgeschalteten Zustand und während der regulären Nutzung.
Das Ergebnis: Ihr Fernseher ist erstaunlich beschäftigt für ein Gerät, das eigentlich nur „Bake Off“-Wiederholungen anzeigen sollte.
Während der Installation gingen bei einem Modell über 96 % der ausgehenden Daten direkt an den Betriebssystemanbieter.
Ein anderes Gerät schickte ein Drittel seines anfänglichen Traffics an Streamingdienste. Die Hersteller – deren Namen auf der Box stehen – tauchten im Datenstrom kaum auf.
Drittanbieter-Domains hörten schon zu, bevor die Fernbedienung überhaupt aus der Plastikfolie kam.
Und es hört dort nicht auf. Selbst nicht, wenn man den Fernseher ausschaltet.
„Wir fanden es interessant, dass selbst wenn das Gerät ausgeschaltet ist, weiterhin Verbindungen zu Streamingdiensten, dem Hersteller und anderen Dritten bestehen“, heißt es im Bericht – in einem Ton, der nahelegt, dass die Autoren am liebsten schreien würden.
Ein Gerät leitete über 98 % seines Standby-Datenverkehrs an den OS-Anbieter weiter.
Was übertragen wird
Die Daten, die aus diesen Geräten strömen, lesen sich wie das Menü eines „All-you-can-track“-Buffets:
- Private IP-Adressen
- Geräte-IDs
- Konto-IDs
- Werbe-Identifikatoren
- Firmware-Versionen
- Einstellungen
- Nutzungsprotokolle
- Zeitstempel
Genau das, was Sie nicht stillschweigend an ein Netzwerk Dritter funken wollen, während Sie Serien schauen.
All das unterstützt ein Geschäftsmodell, das weniger mit dem Bau von Fernsehern zu tun hat, als vielmehr mit dem Verkauf derer, die sie anschauen.
Hersteller ducken sich weg
Im Bericht heißt es: „Der Verbraucher (Datenbetroffene) sieht sich mit vielen Unternehmen oder Entitäten konfrontiert, wenn er seinen Smart-TV benutzt. Alle untersuchten Hersteller arbeiten mit Partnern zusammen.“
Diese freundliche Sprache verschleiert eine zynische Geldmaschine, bei der Hersteller Deals machen, Apps vorinstallieren, Inhalte aufzwingen und jede Sekunde Ihres Sehverhaltens monetarisieren.
In einigen Fällen konnten diese Apps nicht gelöscht werden. In anderen wurden Apps automatisch ohne Information des Nutzers installiert. Persönliche Daten wurden sogar weitergegeben, wenn man gar kein Konto beim Anbieter hatte.
Unter der DSGVO ist eigentlich der „Data Controller“ verantwortlich. Die Hersteller aber tun so, als seien sie nur entfernte Cousins Ihrer Daten – nicht die, die die Spionagesoftware eingebaut haben.
Viele schieben die Verantwortung auf OS-Anbieter oder App-Entwickler ab. Einige schließen widerwillig Datenverarbeitungsverträge ab, die aber kaum Transparenz bringen.
Am Ende entsteht ein undurchsichtiges System, in dem der Nutzer gezwungen ist, komplexe Nutzungsbedingungen mehrerer Parteien zu akzeptieren – nur um überhaupt fernsehen zu können.
„Über alle Marken hinweg stoßen Betroffene auf Situationen, in denen sie keine andere realistische Option haben, als umfassende Datenschutzrichtlinien zu akzeptieren, um das Gerät nutzen zu können“, so der Bericht.
Fernsehen? Nur gegen Preisgabe Ihrer Privatsphäre.
Fragmentierte Aufsicht
Alle untersuchten Hersteller haben ihren Hauptsitz außerhalb des EWR. Das bedeutet: keine einheitliche Aufsicht im Rahmen der DSGVO.
Jede nationale Behörde muss einzeln vorgehen – mit „lokalen Zähnen“ gegen eine multinationale Hydra.
Was Sie dagegen tun können
Hier sind Schritte, um den eingebauten Überwachungsapparat im Wohnzimmer einzudämmen. Ganz verhindern lässt er sich nicht – Smart-TVs sind darauf ausgelegt, weiterzuhören, auch wenn Sie „Stopp“ sagen. Aber Sie können die Datenflut eindämmen:
1. Tracking und Telemetrie deaktivieren
Suchen Sie in den Einstellungen → Datenschutz / Werbung / Allgemein / Support.
Deaktivieren Sie Optionen wie:
- „Viewing Information“
- „Interest-Based Advertising“
- „Live Plus“
- „Home Promotion“
- „Smart TV Experience“
- „Limit Ad Tracking“
Beispiele:
- Samsung: „Viewing Information Services“ und „Interest-Based Ads“ abschalten.
- LG: „Live Plus“ aus, „Home Promotion“ deaktivieren, „Limit Ad Tracking“ einschalten.
Schalten Sie auch Diagnose- und Nutzungsberichte ab.
2. Kamera und Mikrofon ausschalten
- Zugriffsrechte entziehen („Voice Services“, „Microphone Access“).
- Physische Schalter nutzen, falls vorhanden.
- Kamera abdecken oder zurückschieben.
- „Always Listening“ und Sprachsteuerung deaktivieren.
3. Kein Hersteller-Konto anlegen
Überspringen Sie die Registrierung für Marken-Konten (Samsung, LG).
Vermeiden Sie zusätzliche Berechtigungen in Apps (z. B. Standort).
4. Vom Internet trennen
Kein Internet = keine Datenübertragung.
- WLAN aus oder LAN-Kabel ziehen, wenn nicht nötig.
- Offline-Modus verwenden, Updates manuell via USB.
Nachteil: Streaming und smarte Features funktionieren dann nicht.
5. Netzwerk-Sperren einrichten
Blockieren Sie Tracking auf Router-Ebene:
- Pi-hole für DNS-Blocking
- Firewall-Regeln für bestimmte IPs
- Gastnetz für TV mit minimalen Rechten
- Router mit Domain-Filter
Das gibt Ihnen zentrale Kontrolle.
6. VPN auf Router-Ebene
Leiten Sie den TV-Verkehr über ein VPN.
Das verschleiert IP und Standort.
Aber: Manche Streamingdienste blockieren VPNs, Einrichtung kann technisch sein.
7. Datenverkehr überwachen
- Router-Logs prüfen, neue Domains blockieren.
- Vorsicht bei Systemdiensten (z. B. Updates).
- Denken Sie an „digitale Schädlingsbekämpfung“ – laufend und mühsam, aber nötig.
8. Smart-Funktionen ganz aufgeben
Die radikalste Lösung: Kaufen Sie einen „dummen“ TV ohne Internet.
Nutzen Sie Streaming-Sticks oder externe Boxen, die sich leichter kontrollieren lassen.
So wird der Fernseher wieder zum reinen Display, nicht zum Informanten.
Fazit
Das Abschalten von Tracking bringt Komforteinbußen – Sprachsteuerung, Personalisierung und Empfehlungen fallen weg.
Einige Datenerhebungen lassen sich nur verhindern, wenn das Gerät komplett offline ist.
Und Hersteller ändern regelmäßig ihre Tracking-Methoden – Nutzer müssen ständig nachziehen.
Das bedeutet: Wer heute einen Smart-TV kauft, holt sich nicht nur ein Display ins Wohnzimmer – sondern auch eine dauerhafte Datenpipeline zu Fremdfirmen.


