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Das neue Gesicht der Überwachung braucht Ihres nicht: Herzschlag, Atem, Gang – alles wird zur unsichtbaren Datenspur, die Sie unbemerkt hinterlassen

Von Christina MaasSilhouette eines Mannes mit Rucksack, der auf ein beleuchtetes, stilisiertes Lungenpaar vor violett-rosa Digitalhintergrund mit netzartigen Linien und leuchtenden Partikeln zugeht.

Eine neue Art von Überwachungsstaat streckt ihre Glieder aus und saugt leise die biologischen Daten aller Menschen in Reichweite auf. Natürlich nicht mit Ihrer Erlaubnis. Und schon gar nicht mit etwas so Kuriosem wie Transparenz.

Der moderne biometrische Goldrausch braucht Ihr Gesicht nicht mehr. Ihr Herzschlag reicht aus. Ihr Atem, wenn Sie so kooperativ sind. Und wenn nicht, dann erledigt die elektromagnetische Strahlung der Umgebung das Problem.

Diese neueste „Innovationsfarce“ wird Ihnen von einem kanadischen Unternehmen namens P2P Group und dem stets wachsamen US-Heimatschutzministerium (DHS) präsentiert.

Beide führen Systeme ein, die Lebenszeichen, Herzfrequenz, Atmung und möglicherweise Stresslevel erfassen können, ohne Sie dabei auch nur eines Blickes zu würdigen.

Die Zeiten, in denen man nach Einverständnis fragen oder gar Blickkontakt mit den zu Überwachenden aufnehmen musste, sind vorbei. Das ist altmodisches Denken.

Eine zentrale Rolle spielt die P2P Group, ein in Vancouver ansässiges Unternehmen, das offenbar meint, bürgerliche Freiheiten seien ein veraltetes Betriebssystem.

Kürzlich hat P2P sein biometrisches Erkennungssystem verbessert, indem es seine Inturai-KI-Algorithmen optimierte. Was früher nur in drei Metern Umkreis funktionierte, überwacht Ihre Vitalwerte jetzt aus acht Metern Entfernung.

Laut P2P interpretiert das System Störungen in lokalen WLAN-Mustern und extrahiert daraus Daten zu Atmung und Herzschlag.

Vermarktet wird das Ganze als Wohltat fürs Gesundheitswesen: Endlich könne ein älterer Patient „nicht-invasiv“ überwacht werden, während er allein in einer Ecke stirbt – bis irgendwo ein Alarm auf einer Smartwatch aufploppt.

P2P nennt das „Ambient Safety“.

Der Trick: Es ist kein direkter Kontakt zum Überwachten nötig.

Das macht die Technik ideal für Bereiche, in denen es weniger um Privatsphäre als um Macht geht – Verteidigung, Strafverfolgung, all jene Branchen, die versprechen „Wir achten Ihre Rechte“, während sie emsig neue Wege suchen, sie zu ignorieren.

Auch das US-Heimatschutzministerium will sich von einem kanadischen Start-up nicht übertreffen lassen und bastelt an eigenem passiv-biometrischen Spielzeug. Am 10. Juni meldete das DHS einen erfolgreichen Feldtest von DePLife. Was wie ein dystopischer Energydrink klingt, ist ein radarbasiertes Lebenszeichenerkennungs-System, gemeinsam mit dem MIT Lincoln Laboratory entwickelt.

DePLife „sieht“ hervorragend durch Hindernisse – und das sogar in Bewegung. Bewegungs­kompensations­algorithmen erlauben es, hand- oder drohnen­montierte Sensoren zu nutzen, die Ihren Herzschlag auslesen, selbst wenn der Bediener in einem Humvee oder Quadrocopter herumrüttelt.

Die Mitteilung der S&T-Direktion leuchtete förmlich vor Stolz: „Erfolgreiche Feldtests.“ Heißt: Man hat das Ganze bereits in realen Szenarien ausprobiert.

Die Marketing­sprache von Staat und Wirtschaft ist wie üblich in antiseptische Buzzwords getaucht: „nicht-invasiv“, „Echtzeit-Monitoring“, „Ambient Awareness“. Als wäre die Technik nur ein wohlwollender Statist in Ihrer Lebensgeschichte. Die Realität sieht so aus: Überwachung findet inzwischen dort statt, wo die Betroffenen nicht einmal wissen, dass sie beobachtet werden – und es gibt kaum Möglichkeiten, das nachzuweisen oder sich zu wehren.

Das ist nur eine der neuesten Methoden, Menschen zu identifizieren. Die meisten wissen, dass Fingerabdrücke oder Gesichtsscans die Identität verraten, aber wer ahnt schon, dass auch Ihre Atemweise Sie profiliert?

Am Weizmann-Institut in Israel legte ein Team von Neurowissenschaftlern seine Studien zur menschlichen Bewusstseinsforschung kurz beiseite, um uns heimlich einen Schritt näher an die biometrische Utopie zu bringen.

Ihre neueste Studie behauptet: Ihr Atem ist im Grunde ein Fingerabdruck, den Sie durch die Nase pusten. Vergessen Sie Retina-Scans oder Voiceprints – die Art, wie Sie atmen, sei so spezifisch, dass Ihre Ausatmung künftig Ihr E-Mail-Konto entsperrt oder verrät, wie depressiv oder ängstlich Sie sind.

Kombiniert man solche „Fingerabdrücke“ mit WLAN-Technik, die durch Wände hindurch Atmung und Herzschlag liest, sind die Möglichkeiten grenzenlos.

Das Forscherduo Noam Sobel und Timna Soroka schnallte 100 Probanden Nasenkanülen an und ließ sie 24 Stunden lang gehen, schlafen, laufen, sitzen und zappeln – wiederholt über zwei Jahre, um Zufälle auszuschließen.

„Ich dachte, es wäre schwer, jemanden zu identifizieren, weil jeder etwas anderes tut – laufen, lernen, ausruhen“, staunt Soroka darüber, dass Atmung nicht chaotisch wird, nur weil jemand schwitzt. „Aber die Atemmuster waren bemerkenswert ausgeprägt.“

Und tatsächlich: Das Analyse-Tool BreathMetrics extrahierte 24 einzigartige Merkmale aus Ihrer täglichen Nasensinfonie – Schnüffel­frequenz, Pausen­variabilität, Einatmdauer. Die Trefferquote lag bei 96,8 % und übertraf damit sogar Spracherkennung unter Laborbedingungen.

Die Idee geht über das Entsperren des Handys per Nieser hinaus. Die Forscher sehen ein Dual-Use-Wunder: teils biometrischer Scanner, teils Diagnoseinstrument. Sie fanden Korrelationen zwischen Atmung, psychischer Verfassung, BMI und sogar dem zirkadianen Rhythmus.

Wenn Sie sich also gerade etwas neben der Spur fühlen, weiß Ihr Atemprofil das womöglich schon. Sobel sinniert: „Wir nehmen intuitiv an, dass Depression oder Angst die Atmung verändern.“

Doch jede Biometrie wirft die Frage auf: Was passiert mit den Daten? Ein Daumenabdruck ist das eine; hier geht es um Ihren inneren physiologischen Zustand, Ihr Angstniveau, Ihre Schlafqualität – vielleicht Ihr Unterbewusstes.

Die Forscher beteuern, Datenschutz und Einwilligung seien wichtig. Aber wir kennen das Ende solcher Filme: Fragen Sie irgendwen, der glaubte, sein Smart-Speaker sei ausgeschaltet.

Und dann ist da noch Ihr Gang.

Gangerkennung, ein KI-Verfahren, das Menschen an ihrer Gangart identifiziert, ist bereits weiter als Herz- oder Atemerkennung. Egal, ob Sie sich umdrehen: Sie wird aus der Ferne erfasst, in Bewegung, mit gesenktem Kopf und hochgezogener Kapuze.

Das chinesische Unternehmen Watrix – fröhlicher Name, wenig Zurückhaltung – behauptet, seine Plattform erreiche 94 % Genauigkeit anhand von CCTV-Aufnahmen.

Sie verfolgt Gliedmaßenbewegungen, Körperhaltung und Rhythmus mit maschinell gelernter Präzision. Ihre Schritte werden zu Identifikatoren in Videoarchiven, die in Echtzeit oder nachträglich quer­verlinkt werden.

Auch das Vereinigte Königreich forscht: Das Centre for Vision, Speech and Signal Processing entwickelte Systeme, die Gangmuster aus verschiedenen Blickwinkeln und Umgebungen erkennen – kein direkter Kamerablick nötig. Solche Geräte landen in Verkehrsknotenpunkten und Großstädten.

Überwachungsbehörden setzen Gangerkennung bereits in Flughäfen und Bahnhöfen ein – offiziell zur Passagierabfertigung und Verdächtigenidentifikation. Entkommt jemand dem Gesichtsscan? Kein Problem. Das Material wird ohnehin nach Bewegungsmustern gefiltert, Personen können über Zonen hinweg verfolgt und mit Archivvideos abgeglichen werden.

Flughäfen in Asien testen das System zur Passagierkontrolle. Strafverfolger nutzen es, um Verdächtige aus Archivmaterial herauszufiltern. Selbst wenn Gesichter abgewandt sind, bleibt der Abgleich bestehen.

Die Menschen werden nicht informiert, dass sie abgeglichen werden. Die meisten wissen nicht einmal von der Existenz dieser Technik. Gangdaten sind in den meisten Ländern ungeschützt – und Regulierungs­instrumente schwach oder nicht vorhanden.