Arnaud Bertrand
Kürzlich stieß ich auf eine Analyse des Iran-Israel-Krieges, die ich für eine der aufschlussreichsten halte, die ich bisher gelesen habe. Sie stammt von Jacques Sapir – einem der führenden französischen Ökonomen und geopolitischen Denker, Direktor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Sapir argumentiert, dass Israels Streben nach kurzfristigen taktischen Erfolgen in Wahrheit zu einer strategischen Niederlage für das gesamte zionistische Projekt geführt haben könnte.
Propaganda auf allen Seiten
Laut Sapir betreiben alle drei Hauptakteure – Israel, Iran, USA – intensive Propaganda. Trump etwa behaupte, die iranischen Nuklearanlagen seien vollständig zerstört worden – eine Lüge, wie ein durchgestochener Bericht der Defense Intelligence Agency (DIA) zeige. Dort heißt es, der Angriff auf die Atomanlagen – besonders auf Fordo – habe nur „mäßige“ Wirkung erzielt.
Überraschend sei, dass auch der Iran dieses Narrativ billige, um unbehelligt an seinem Nuklearprogramm weiterarbeiten zu können.
Die nukleare Realität
Tatsächlich habe Iran laut Sapir „vermutlich einen Großteil seines spaltbaren Materials – rund 400 kg auf über 60 % angereichertes Uran – gerettet“. Zudem besitze Teheran nach wie vor die technische Fähigkeit zur weiteren Anreicherung. Iran habe nie beabsichtigt, sofort Atomwaffen zu bauen, sich aber die Mittel verschafft. Mehrere Fatwas, auch von Khamenei (2003/2004), verbieten Atomwaffen.
Sapir verweist auf Irans Erfahrungen mit Giftgasangriffen durch Saddam Hussein im Iran-Irak-Krieg und darauf, dass Israel selbst eine Atommacht ist.
Zwei strategische Optionen für den Iran
Option A: Atomwaffen zur Abschreckung
Wenn Iran sich für eine echte Bewaffnung entscheidet, könnte es laut Sapir in 2 bis 3 Jahren über 6–8 Sprengköpfe verfügen. Doch ohne Zweitschlagskapazität – wie sie Israel mit 120–150 Sprengköpfen besitzt – bleibt Iran verwundbar.
Option B: Schwellenstatus als Druckmittel
Alternativ könnte Teheran seinen jetzigen Status beibehalten: fähig zur Bombe, aber ohne Bau. Dies böte größtmögliche Verhandlungsmacht gegenüber den USA – in der Hoffnung, Washington zügle Israels Eskalationsdrang.
Diese Entscheidung werde die geopolitische Nukleardynamik der kommenden Monate prägen.
Konventionelle Schäden und Raketenerschöpfung
Militärisch erlitt Iran Schaden – insbesondere an Öl-Infrastruktur. Doch laut DIA wurde Israel schwer getroffen: 60 % seiner Energieinfrastruktur seien außer Betrieb, beide Raffinerien in Haifa lahmgelegt, der Süden leide unter Stromausfällen.
Gravierender sei jedoch die Erschöpfung der israelischen Raketenabwehr. Israel verfüge über drei Verteidigungsschichten (Iron Dome, Mittelstrecken- und IRBM-Abwehr). Doch die hohen Abschussraten – 2–3 Abfangraketen pro iranischer Rakete – hätten die Vorräte geschwächt. Vor dem Krieg lag die Produktion bei nur 3–8 Abfangraketen pro Monat – eine Wiederauffüllung könnte 2–3 Jahre dauern.
Die ökonomische Falle
Sapir beziffert frühere iranische Angriffe auf rund 1 Milliarde Dollar Verteidigungskosten – der aktuelle Konflikt dürfte das Fünf- bis Sechsfache kosten. Israel steht vor einem Dilemma: wirtschaftliche Krise oder massive US-Abhängigkeit.
Der größte Verlierer: Israel
Militärisch: Israels Abschreckungskraft wurde beschädigt. Die Armee ist auf US-Marinehilfe angewiesen – US-Fregatten mit Flugabwehrsystemen sichern inzwischen den israelischen Luftraum.
Politisch: Die Fokussierung auf Gaza bereite innenpolitisch weit größere Probleme als der Iran-Krieg. Der Konsens bröckelt. Sapir sieht in der Gaza-Offensive ein Ziel: ethnische Säuberung. Doch weder Ägypten noch Jordanien wollen Geflüchtete aufnehmen.
Diese Lage zwinge Israel zu einer Wahl: Waffenstillstand brechen und Gaza eskalieren – mit Gefahr, Trumps Rückhalt zu verlieren – oder eine grundlegende Strategieänderung riskieren.
Der Tod der zionistischen Souveränität
Sapirs schärfste These: Israel verliere zunehmend seine politische Autonomie – es werde von den USA faktisch gelenkt. Die zionistische Idee eines souveränen jüdischen Staates sei damit ausgehöhlt. Lobbyismus und Medienmacht – einst mächtige Instrumente – wirkten bei Trump kaum. Er könnte sogar anti-israelische Strömungen taktisch gegen Israel einsetzen, falls nötig.
Israel habe sich selbst in diese Abhängigkeit manövriert – ein Szenario, das vor wenigen Jahren undenkbar war.
Das zionistische Paradox
Die zionistische Grundidee war: ein jüdischer, souveräner Staat. Doch wie unabhängig ist ein Staat, der militärisch, wirtschaftlich und politisch völlig auf die USA angewiesen ist? Sapir nennt dies eine fundamentale Bedrohung für den Zionismus selbst.
Irans strategischer Sieg
Ironischerweise könnte Israels US-Abhängigkeit ein Sieg für Iran sein. Ein kontrollierbares Israel – dessen Eskalationen über Washington gesteuert werden – ist für Teheran leichter zu managen als ein autonomer Aggressor.
Proliferationsrisiko
Sapir warnt vor globalen Folgen. Die Lehre aus dem Krieg sei: die gefährlichste Position ist die an der nuklearen Schwelle. Wer atomar abschrecken will, müsse entweder ganz verzichten – oder heimlich und schnell nuklear aufrüsten.
Sollte Iran atomar werden, werde Saudi-Arabien folgen. Auch Brasilien bereite Sorgen – mit möglichen Dominoeffekten auf Argentinien und Chile.
Fazit
Was Israel als Sieg verkauft, sei in Wahrheit ein Tausch: einige zerstörte iranische Einrichtungen gegen den Verlust seiner eigenen Souveränität. Das zionistische Projekt, das auf Unabhängigkeit gründet, hat sich – durch das Festhalten an maximaler Kontrolle über Palästina – selbst in völlige Abhängigkeit von einer Supermacht begeben.
Ein Pyrrhussieg, der nicht nur Israel verändert – sondern die globale Sicherheitsordnung erschüttern könnte.


