Die großen KI-Konzerne stehen seit Jahren unter dem Vorwurf, ihre Systeme mit gewaltigen Mengen fremder Texte, Nachrichten, Bilder und anderer Inhalte aufgebaut zu haben, ohne deren Urheber angemessen zu bezahlen. Nun zeigen interne Dokumente, dass diese Probleme offenbar auch innerhalb der Unternehmen selbst erstaunlich deutlich erkannt wurden.
Das unabhängige US-Technikmedium 404 Media berichtet über bislang versiegelte beziehungsweise geschwärzte Unterlagen aus dem laufenden Urheberrechtsverfahren der New York Times gegen OpenAI und Microsoft. Darunter befinden sich interne Dokumente sowie Aussagen von Führungskräften und Mitarbeitern beider Unternehmen.
Das Bild, das daraus entsteht, ist brisant: Die KI-Industrie könnte genau jene wirtschaftliche Grundlage beschädigen, von der sie selbst abhängig ist – nämlich Menschen und Unternehmen, die neue Informationen, Texte, Recherchen, Kunst und andere Inhalte produzieren.
404 Media spricht deshalb von einem „Doom Loop“ – einem Teufelskreis, der am Ende das offene Internet selbst beschädigen könnte.
KI nimmt die Inhalte – und anschließend den Produzenten die Leser
Das Problem lässt sich einfach erklären.
Nachrichtenverlage, Autoren, Fotografen, Künstler und andere Produzenten erstellen Inhalte. Diese Inhalte befinden sich im Internet und können wiederum zum Training oder zur Informationsversorgung von KI-Systemen verwendet werden.
Anschließend beantworten KI-Systeme die Fragen der Nutzer direkt.
Der Nutzer bekommt also eine Zusammenfassung oder Antwort – und muss die ursprüngliche Webseite möglicherweise überhaupt nicht mehr besuchen.
Genau hier beginnt der Kreislauf.
Ein internes Microsoft-Dokument bezeichnet diese Entwicklung laut 404 Media ausdrücklich als „Doom Loop“. Das KI-Geschäft bedrohe die wirtschaftliche Grundlage seiner eigenen „Content Supply Chain“ – also jener Lieferkette von Inhalten, auf die die Modelle angewiesen sind.
Das bedeutet: Die KI benötigt menschliche Inhalte, um leistungsfähig zu sein. Gleichzeitig kann sie den Produzenten dieser Inhalte Besucher und damit Einnahmen entziehen.
Je erfolgreicher die KI wird, desto schwieriger könnte es für diejenigen werden, die das Material produzieren, von dem die KI wiederum lebt.
Microsoft warnte intern vor einem Diebstahl „beispiellosen Ausmaßes“
Noch drastischer ist eine Formulierung aus einem internen Microsoft-Dokument, das in den Gerichtsunterlagen zitiert wird.
Darin heißt es, Millionen Menschen weltweit würden das massenhafte „Aufsaugen“ ihrer Arbeit durch große Modelle bald als einen „erstaunlichen Diebstahl beispiellosen Ausmaßes“ betrachten.
Das Dokument weist außerdem darauf hin, dass praktisch niemand seine Inhalte ursprünglich mit der Absicht erstellt habe, sie auf diese Weise für KI-Systeme verwenden zu lassen – und dass die Urheber dafür nicht bezahlt würden.
Das ist bemerkenswert, weil die KI-Unternehmen in den laufenden Urheberrechtsverfahren gleichzeitig argumentieren, das Training ihrer Modelle könne unter das amerikanische Prinzip des „Fair Use“ fallen und sei transformativ.
Dabei muss allerdings sauber unterschieden werden: Dass eine interne Microsoft-Unterlage eine derart drastische Formulierung enthält, bedeutet nicht, dass Microsoft vor Gericht juristisch eingeräumt hätte, Urheberrechtsverletzungen begangen zu haben. 404 Media interpretiert die Dokumente wesentlich schärfer und spricht selbst von „Diebstahl“.
Der Traffic könnte regelrecht einbrechen
Die wirtschaftlichen Folgen könnten enorm sein.
Nach dem Bericht von 404 Media sagten Microsoft-Führungskräfte, darunter CEO Satya Nadella, unter Eid über massive Veränderungen beim Weiterleitungsverkehr zu Nachrichtenseiten aus. 404 Media berichtet, dass Klicks von Bing auf entsprechende Nachrichtenseiten in diesem Zusammenhang um mehr als 90 Prozent eingebrochen seien.
Das trifft den Kern des Problems.
Ein Verlag finanziert Journalisten, Recherchen, Server, Fotografen und Redakteure. Suchmaschinen und andere Plattformen führen Leser anschließend zu diesen Inhalten. Wenn eine KI dagegen den Inhalt verarbeitet und dem Nutzer direkt die fertige Antwort präsentiert, kann dieser Besuch wegfallen. Für den Nutzer ist das bequem.
Für den Produzenten kann es wirtschaftlich verheerend sein.
OpenAI sah sich selbst als Bedrohung für Nachrichtenverlage
Auch innerhalb von OpenAI scheint dieses Problem bekannt gewesen zu sein.
Laut den von 404 Media ausgewerteten Gerichtsunterlagen bezeichnete sich OpenAI selbst als „existenzielle Bedrohung“ für Nachrichtenverlage.
Noch deutlicher ist die Aussage eines OpenAI-Softwareentwicklers. Selbst wenn Links zu den Originalquellen prominent angezeigt würden, würden Nutzer nicht unbedingt darauf klicken.
Damit reicht es möglicherweise nicht, unter einer KI-Antwort einfach die ursprüngliche Quelle zu nennen. Der entscheidende Klick – und damit möglicherweise Werbeeinnahmen, Abonnements und Reichweite – ist bereits verloren.
Ausgerechnet die Lieferanten der KI könnten verschwinden
Microsoft-Manager Brent Hecht beschrieb laut den Gerichtsunterlagen ein grundsätzliches wirtschaftliches Problem: Wenn Inhalte genutzt werden, ohne einen Teil des dadurch entstehenden wirtschaftlichen Wertes wieder an die Produzenten zurückzugeben, bedroht dies zwangsläufig deren wirtschaftliche Stabilität.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Paradox. KI-Unternehmen brauchen hochwertige menschliche Inhalte.
Journalisten müssen recherchieren. Wissenschaftler müssen forschen. Autoren müssen schreiben. Fotografen müssen fotografieren. Programmierer müssen Software entwickeln.
Doch wenn KI-Systeme deren Arbeit anschließend so gut zusammenfassen oder reproduzieren, dass Nutzer die ursprünglichen Anbieter nicht mehr benötigen, wird genau die Produktion dieser Inhalte wirtschaftlich unattraktiver.
Microsoft formulierte das Problem intern laut den Unterlagen ausgesprochen deutlich:
LLMs seien ein Produkt, das seine eigene Lieferkette zerstört.
Nicht nur Webseiten – auch Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
Der Konflikt reicht deshalb weit über das Urheberrecht hinaus.
Ein OpenAI-Verantwortlicher schrieb laut den Dokumenten, das Unternehmen entwickle Systeme, welche die Arbeit jener Menschen ersetzen könnten, die die „Kultur“ einer Gesellschaft prägen.
Microsoft wiederum warnte intern davor, dass generative KI ausgerechnet die Beschäftigung jener Menschen erheblich beeinträchtigen könnte, deren Daten zuvor zum Training der Modelle beigetragen haben.
Das Muster ist immer dasselbe: Menschen produzieren Wissen und Inhalte. KI wird mit diesen Inhalten aufgebaut. Anschließend konkurriert die KI mit den Menschen und Unternehmen, die diese Inhalte produziert haben.
Genau darin liegt der eigentliche „Doom Loop“.
Besonders heikel: der Vorwurf einer Umgehung der New-York-Times-Paywall
404 Media berichtet zudem über einen besonders brisanten Punkt aus den Gerichtsunterlagen.
Demnach soll OpenAI einen technischen Weg entwickelt haben, um die Paywall der New York Times zu umgehen. In den Dokumenten wird dies als „hack to get around nytimes paywall“ bezeichnet. OpenAI-Mitgründer Greg Brockman soll darauf mit „ah, nice“ reagiert haben.
Auch hier ist die juristische Einordnung wichtig: Es handelt sich um Material und Argumentation aus einem laufenden Rechtsstreit. Die New York Times versucht mit den Unterlagen ihre Urheberrechtsvorwürfe gegen OpenAI und Microsoft zu untermauern. Über die rechtliche Bewertung entscheidet letztlich das Gericht.
Wenn niemand mehr die Originalquelle besucht
Der Bericht von 404 Media macht damit ein Problem sichtbar, das weit über OpenAI und Microsoft hinausgeht.
Das Internet funktionierte bislang nach einem relativ einfachen Prinzip: Jemand erstellt etwas – einen Artikel, ein Video, eine Analyse, ein Foto oder eine Datenbank – und andere Menschen besuchen die entsprechende Webseite.
Dieser Besuch besitzt einen wirtschaftlichen Wert. KI verändert dieses Verhältnis.
Zwischen Produzent und Leser tritt plötzlich eine Maschine, die Tausende Quellen verarbeiten und daraus unmittelbar eine fertige Antwort erzeugen kann.
Wenn dadurch immer weniger Menschen die ursprünglichen Seiten besuchen, verlieren diese Reichweite und Einnahmen. Werden daraufhin Redaktionen verkleinert, Autoren entlassen und Webseiten geschlossen, entstehen weniger hochwertige neue Inhalte.
Und genau diese Inhalte fehlen irgendwann wiederum den KI-Systemen.
Das ist der „Doom Loop“, vor dem Microsoft intern offenbar selbst gewarnt hat.
Die Ironie könnte kaum größer sein:
KI wurde mit den Inhalten des Internets aufgebaut – und könnte nun dazu beitragen, das Geschäftsmodell derjenigen zu zerstören, die diese Inhalte überhaupt erst produzieren.
Der entscheidende Konflikt der kommenden Jahre lautet deshalb möglicherweise nicht Mensch gegen Maschine.
Sondern viel grundlegender:
Wer bezahlt künftig noch dafür, dass Menschen neues Wissen, Journalismus und kreative Inhalte produzieren, wenn KI-Systeme das Ergebnis anschließend übernehmen und die Nutzer gar nicht mehr zur ursprünglichen Quelle gehen?
Genau diese Frage macht der Bericht von 404 Media so brisant

