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Die Sackgasse des „Groß-Israel“-Projekts

Felix Abt

Israels Kampagne hochrangiger Attentate hat den Iran nicht geschwächt – sie hat einen härteren, nuklearbereiteren Gegner für sein expansionistisches Projekt geschaffen.

Seit Langem verfolgt Israel die Strategie, die Führung von Staaten und Bewegungen auszuschalten, die sich gegen das Projekt eines „Groß-Israel“ zur Wehr setzen. Doch trotz einer unerbittlichen Serie gezielter Tötungen im gesamten Iran, im Libanon (Hisbollah), in Gaza (Hamas) und bei irakischen Milizen hat sich die strategische Lage kaum verändert.

Diese Organisationen zeigen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit: Ihre Führungsstrukturen bleiben durch disziplinierte Nachfolgeprozesse weitgehend intakt, ihre militärischen Operationen laufen unvermindert weiter, und die regionale Architektur bleibt im Kern unverändert.

Die prominenten Tötungen des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei und von Ali Larijani, dem ehemaligen Leiter des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, legen dabei einen eklatanten Denkfehler in der gängigen „nuklearen Bedrohungserzählung“ offen. Beide waren zentrale Figuren der iranischen Diplomatie; Larijani war einer der Architekten des Atomabkommens (JCPOA), das die Urananreicherung auf ein Niveau begrenzte, das den Bau einer Atomwaffe unmöglich machte.

Durch die gezielte Ausschaltung jener Führungspersönlichkeiten, die sowohl die religiöse Fatwa gegen Atomwaffen verteidigten als auch diplomatische Auswege ermöglicht hatten, könnte Israel einen Kurswechsel nach nordkoreanischem Vorbild ausgelöst haben. Ohne Vertreter einer verhandlungsbereiten Linie könnte eine neue, deutlich kompromisslosere iranische Führung die nukleare Abschreckung nun als einzigen verlässlichen Schutz vor weiteren Aggressionen betrachten.

Während die USA und Israel taktische Erfolge verbuchen konnten, indem sie hochrangige Persönlichkeiten ausschalteten, haben sich diese „Siege“ nicht in strategische Vorteile übersetzt.

Die Ermordung des Obersten Führers, die die Islamische Republik spalten sollte, hat stattdessen als Katalysator für Einheit gewirkt. Der Staatsapparat ist enger zusammengerückt, und die gesellschaftliche Basis der Regierung – die den Konflikt als existenziellen Überlebenskampf betrachtet – ist mobilisierter denn je. Von dem vorhergesagten Zusammenbruch ist nichts zu sehen; das System wirkt heute gefestigter als vor den Angriffen.

Gleichzeitig zerstört Israel durch die Ausschaltung jener Funktionäre, die einen Waffenstillstand hätten verhandeln können, effektiv jene diplomatischen Brücken, die die Regierung von Donald Trump für einen geordneten Ausstieg aus dem Konflikt bräuchte.

Dies deutet auf ein Ziel hin, das über die offiziellen Sicherheitsargumente oder die behauptete Demokratieförderung hinausgeht. Vieles spricht dafür, dass es Israel in Wahrheit um die systematische Zerstörung der industriellen und militärischen Grundlagen des Irans geht – eine regionale Ausweitung der in Gaza und im Libanon angewandten „Rasenmäherstrategie“.

Das Endziel ist demzufolge ein fragmentierter, ausgehöhlter Iran, der nicht mehr in der Lage ist, sich gegen israelische regionale Hegemonie zu wehren. Und dieses expansionistische Projekt ist nicht auf den Iran beschränkt: Einflussreiche israelische Stimmen haben bereits angedeutet, dass die Türkei die nächste regionale Macht im Fadenkreuz sein könnte.

Der Konflikt greift zudem auf einige der wichtigsten Energiekorridore der Welt über. Die Bombardierung des South-Pars-Gasfeldes – des größten der Welt, das sich Iran und Katar teilen – war eine kalkulierte Provokation.

Durch den Angriff auf ein Grossanlage, das zur Hälfte Doha gehört, versucht Israel, die Neutralität des Golfkooperationsrats (GCC) zu erschüttern. Katar und seine Nachbarn die Falle bis jetzt vermieden: Eine Einbeziehung in den Krieg könnte sie zu unbeliebten Normalisierungsabkommen mit Israel zwingen und innenpolitische Aufstände provozieren.

Gleichzeitig haben US-Angriffe in der Nähe der Kharg-Insel – dem Ausfuhrknotenpunkt für 90 % der iranischen Ölexporte – die Welt an den Rand einer Katastrophe gebracht. Wird diese wirtschaftliche Lebensader gekappt, dürfte Teheran mit hoher Wahrscheinlichkeit die Energieinfrastruktur des GCC ins Visier nehmen – mit globalen wirtschaftlichen Schockwellen als Folge.

Washington wurde zudem von Israel das Narrativ verkauft, der Iran befinde sich auf dem „schwächsten Punkt seiner Geschichte“ – ein Papiertiger, der in einem „100-Stunden-Krieg“ kollabieren würde.

Drei Wochen intensiver Krieg ohne absehbares Ende haben gezeigt, wie gefährlich diese Illusion war. Der Westen unterschätzte entscheidende Faktoren: Erstens die Systemkohäsion, denn das politische System ist unter Druck nicht zerbrochen, sondern enger zusammengeschweißt; zweitens die technische Kompetenz, da der Iran hochentwickelte Waffen enthüllt hat, darunter Raketen mit abrupten 90-Grad-Kurswechseln und Submunitionssysteme, die moderne Luftabwehr überwinden; drittens die industrielle Belastbarkeit, denn der Iran zeigt eine beeindruckende Fähigkeit, einen lang andauernden existenziellen Krieg durchzuhalten.

Durch die Ermordung gemässigter Iraner sabotiert Israel außerdem effektiv jeden Versuch der USA, sich im Sinne eines „America First“-Kurses aus dem Nahen Osten zurückzuziehen. Statt des von Israel und verbündeten Neokonservativen versprochenen „kurzen Konflikts“ wird Washington in einen Sumpf hineingezogen, der am Ende wahrscheinlich Bodentruppen erfordern könnte.

Mit seinem riesigen Territorium, seiner großen Bevölkerung und einem technisch anspruchsvollen Militär stellt der Iran eine Herausforderung dar, die die Kriege in Korea oder Vietnam bei Weitem übertreffen könnte. In Kombination mit einem tief verankerten regionalen schiitischen Unterstützungsnetzwerk führt dieser Weg zu einem Ausmaß an Zerstörung – und einem globalen wirtschaftlichen Schock –, für das die USA und ihre Verbündeten völlig unvorbereitet sind.