Die USA werden die Niederlage der Ukraine nicht akzeptieren: Eine Analyse von John Mearsheimer
In einem kürzlich veröffentlichten Gespräch zwischen John Mearsheimer, einem renommierten Politikwissenschaftler, und Daniel Davis, einem ehemaligen US-Militär, wird die prekäre Lage der USA und des Westens im Ukraine-Konflikt beleuchtet. Beide äußern ihre Besorgnis über die Politik der USA und die zunehmende Diskrepanz zwischen den Aussagen der russischen Regierung und der westlichen Narrative. Mearsheimer argumentiert, dass die USA und die NATO eine demütigende Niederlage in der Ukraine erleiden werden und darauf mit einer Politik des „Doppelt-Haltens“ reagieren werden, anstatt die Niederlage zu akzeptieren.
Eine umgedrehte Welt: Die Wahrheit aus Russland?
Mearsheimer und Davis, beide ehemalige Angehörige des US-Militärs, finden sich in einer ungewohnten Position wieder: Sie stimmen den Aussagen der russischen Regierung, insbesondere denen von Präsident Wladimir Putin, weitgehend zu, während sie die Argumente ihrer eigenen Regierung als irrational und unwahr empfinden. Diese Umkehrung der Perspektiven, die beide auf ihre Erfahrungen im Kalten Krieg zurückführen, beschreibt Mearsheimer als „bizarr“ und „unangenehm“. Er betont, dass die russische Sichtweise aus ihrer Perspektive logisch und nachvollziehbar sei, während die westliche Politik oft widersprüchlich und wenig überzeugend wirke.
Der Ukraine-Konflikt: Eine unvermeidliche Niederlage
Mearsheimer ist überzeugt, dass Russland den Krieg in der Ukraine gewinnen wird, wenn auch auf „hässliche“ Weise. Die Ukraine, die NATO und der Westen stünden vor einer demütigenden Niederlage. Doch anstatt diese Realität anzuerkennen, prognostiziert er, dass die USA und ihre Verbündeten die Niederlage nicht akzeptieren werden. Stattdessen werden sie versuchen, Russland weiter zu provozieren und Wege zu finden, die russische Vorherrschaft zu untergraben. Die Ukraine werde ebenfalls nicht bereit sein, verlorene Gebiete, einschließlich der Krim, aufzugeben, und die USA würden sie dabei unterstützen.
Dieser „eingefrorene Konflikt“, wie Mearsheimer ihn nennt, birgt erhebliche Gefahren. Er identifiziert sechs potenzielle Krisenherde, die mit dem Konflikt verbunden sind: die Arktis, die Baltischen Staaten, Kaliningrad, Belarus, Moldawien und das Schwarze Meer. Jeder dieser Orte könnte zu einem neuen Konflikt führen, da weder der Westen noch Russland bereit sind, nachzugeben. Diese Dynamik erhöht die Wahrscheinlichkeit für anhaltende Spannungen und potenziell gefährliche Eskalationen in Europa.
Trumps Dilemma: Kein einfacher Ausweg
Im Gespräch wird auch die Rolle von Donald Trump diskutiert, der als Präsident die Möglichkeit hätte, den Kurs zu ändern. Mearsheimer sieht jedoch wenig Hoffnung für eine diplomatische Lösung. Selbst wenn Trump eine Kehrtwende vollziehen und mit Putin einen Deal aushandeln würde, wäre es nahezu unmöglich, die Ukraine, die europäischen Verbündeten und die US-amerikanische Außenpolitik-Elite davon zu überzeugen, diesen zu akzeptieren. Die ukrainische Regierung und Europa würden weiterhin auf Konfrontation setzen, während die US-amerikanische Außenpolitik-Elite, vertreten durch Figuren wie Keith Kellogg, eine Fortsetzung des Konflikts befürwortet.
Mearsheimer kritisiert Trump scharf für seine bisherige Unentschlossenheit und Inkompetenz in der Außenpolitik. Hätte Trump zu Beginn seiner Amtszeit entschlossen gehandelt, hätte er möglicherweise die europäischen Verbündeten und die Ukraine zu einer friedlicheren Lösung drängen können. Nun jedoch stehe er isoliert da, ohne starke Unterstützung innerhalb seiner Regierung oder des Kongresses. Selbst potenzielle Verbündete wie J.D. Vance seien in dieser Frage nicht prominent genug, um einen Unterschied zu machen.
Der Weg in den „ewigen Konflikt“
Mearsheimer warnt, dass die aktuelle Politik der USA, einschließlich neuer Sanktionen gegen Russland, die am 9. August 2025 in Kraft treten könnten, den Konflikt weiter zementieren wird. Diese Sanktionen, die auch Länder wie China oder Indien betreffen könnten, werden laut Mearsheimer kaum einen spürbaren Effekt haben, da die USA ihre Möglichkeiten, Russland wirtschaftlich oder militärisch zu schwächen, weitgehend ausgeschöpft haben. Stattdessen wird diese Politik die Beziehungen zwischen Washington und Moskau weiter vergiften und einen „ewigen Konflikt“ schaffen.
Darüber hinaus lenkt Mearsheimer den Blick auf die globalen Implikationen. Die USA seien nicht nur im Ukraine-Konflikt gefangen, sondern auch in einem „ewigen Krieg“ mit dem Iran, in den anhaltenden Konflikten im Nahen Osten (einschließlich Gaza, Südlibanon und Syrien) und in potenziellen Spannungen in Ostasien. Diese multiplen Krisenherde erhöhen die Gefahr eines größeren globalen Konflikts.
Fazit: Ein düsteres Szenario ohne einfache Lösung
Mearsheimer schließt mit einer pessimistischen Einschätzung: Es gibt derzeit keine einfache Lösung für den Ukraine-Konflikt. Selbst ein hypothetischer Deal zwischen Trump und Putin würde auf erheblichen Widerstand stoßen. Die beste Option, so Mearsheimer, wäre es, wenn die USA ihre Unterstützung für die Ukraine einstellen und die Europäer sowie die Ukraine zwingen, die Realität der russischen Überlegenheit anzuerkennen. Doch selbst dies sei unwahrscheinlich, da die politischen und gesellschaftlichen Kräfte in den USA und Europa auf Konfrontation ausgerichtet sind.
Das Gespräch endet mit einem Appell an die Öffentlichkeit, die komplexen Zusammenhänge des Konflikts zu verstehen und die Notwendigkeit mutiger, visionärer Führung zu erkennen. Mearsheimer und Davis betonen die Bedeutung von Plattformen wie Podcasts und Substack, um alternative Perspektiven zu verbreiten und die öffentliche Debatte anzuregen. Dennoch bleibt die Aussicht düster: Ohne einen radikalen Politikwechsel droht ein langwieriger, gefährlicher Konflikt mit unabsehbaren Folgen für Europa und die Welt.


