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Ist die MoU-Katze tot, lebendig oder im Koma?

Pepe Escobar

Die MoU-Katze sollte besser schnell aus ihrem Koma herauskommen. Andernfalls wird sich ein totales, verheerendes Chaos durchsetzen.

Diese so überaus sorgfältigen Perser.

Wie soll man Barbaria klarmachen, daß es die Paragraphen 1, 4, 5, 10 und 11 des Memorandum of Understanding (MoU) umsetzen muß, das der eigene Präsident in Versailles unterzeichnet hat?

Insbesondere Paragraph 1: die Einrichtung eines Mechanismus zur Konfliktkontrolle im Libanon; Paragraph 10: über den Export von Irans Öl und Petrochemikalien; und Paragraph 11: über die Freigabe der eingefrorenen iranischen Vermögenswerte.

Alles hochgesteckte Ziele. Verbunden mit der Tatsache, daß es keinerlei Garantie dafür gibt, daß das zu keinerlei Abkommen fähige (Copyright: Sergej Lawrow) Exceptionalistan überhaupt versteht, daß Verpflichtungen nun bilateral sind: brichst du es, bricht es auch der Gegenpart.

Nun zu Irans oberstem Verhandlungsführer, Parlamentspräsident Ghalibaf. Anfang dieser Woche, vor den aufwendigen Trauerzeremonien in Teheran, Ghom und Mashhad im Zusammenhang mit der Beisetzung des ermordeten Führers Ayatollah Khamenei, erklärte Ghalibaf, die Verhandlungen mit den USA seien beendet (Kursivsetzung von mir).

Übersetzung: Iran wird sich keinen Zentimeter bewegen, um über ein mögliches endgültiges Abkommen zu diskutieren, bis Washington die oben genannten fünf MoU-Klauseln vollständig umgesetzt hat.

Dies folgt logisch aus der Tatsache, daß Iran eine hochrangige Delegation in die Schweiz entsandt hat, um über die Umsetzung des 14-Punkte-MoU zu sprechen, und nicht (Kursivsetzung von mir), um ein neues Abkommen auszuhandeln.

Weiterer Beweis: Klausel 13 des MoU legt fest, daß Gespräche über ein endgültiges Abkommen erst beginnen, nachdem die Paragraphen 1, 4, 5, 10 und 11 erfüllt sind.

Theoretisch könnte ein gemeinsamer iranisch-amerikanisch-libanesischer Ausschuß eingerichtet worden sein, um die Umsetzung zu überwachen – doch es gibt keine offizielle Bestätigung aus Washington, da die USA de facto nicht willens und/oder nicht in der Lage sind, den Todeskult in Westasien zu kontrollieren.

Die Seeblockade Trumps ist unterdessen aufgehoben worden. Iran hat in den vergangenen Tagen fast 50 Millionen Barrel Öl exportiert – zu Preisen, die rund 20 Prozent höher liegen als in jüngster Vergangenheit.

Doch die freie Durchfahrt in der Straße von Hormus gilt nur für 60 Tage. Danach werden Teheran – und Maskat – Gebühren erheben: schließlich sind Iran und Oman souverän, wenn es um die Schiffahrt in ihren Hoheitsgewässern geht.

Ein zentraler Punkt: Irans Raketenprogramm, die gesamte Organisation der Achse des Widerstands sowie Irans nukleare Rechte sind allesamt nicht verhandelbare Punkte, wie Ghalibaf wiederholt betonte.

Er erklärte unverblümt, Iran sei „bereit für Krieg“, sollte Trump 2.0 die Bestimmungen des MoU nicht einhalten. Zugleich merkte er an, daß Irans Vorteil in Hormus darin bestehe, die Meerenge effizient funktionieren zu lassen, nicht sie zu schließen.

Trump und Vance spielen Spielchen

Man vergleiche nun all das oben Gesagte, das sich logisch aus dem zwischen Washington und Teheran Unterzeichneten ergibt, mit dem Interview von Vizepräsident J.D. Vance von Anfang dieser Woche, in dem er einräumt, daß das Präsidenten-Duo das MoU nur unterzeichnet habe, um „unsere Bestände aufzustocken“ und „mehr Karten in der Hand zu haben“, wenn die vereinbarten 60 Tage abgelaufen sind.

Das paßt zu Außenminister Rubio, der am 25. Juni bei einem Ministertreffen des Golf-Kooperationsrates (GCC) den Vorsitz führte, das faktisch zentrale Bestimmungen des MoU zurückwies.

Eine Erklärung behauptete, „dauerhafter regionaler Frieden und Sicherheit“ erfordere die Behandlung „des gesamten Spektrums der Bedrohungen durch Iran“, einschließlich ballistischer Raketen, Drohnen und „Unterstützung für Stellvertreter“.

Der Schluß ist unausweichlich: Aus Sicht von Trump 2.0 ist das MoU nur ein Spiel auf Zeit. Selbst wenn man einen Riß zwischen Vance und Rubio berücksichtigt.

Die Bedrohungen werden nicht verschwinden. Das Gespenst einer Wiederaufnahme des Krieges bleibt bestehen – komplett mit der derzeitigen Hochfahrung der Nachschuboperationen aus der Luft. Und all das, obwohl es politischer Selbstmord wäre, etwas Törichtes vor den Zwischenwahlen zu versuchen. Man sollte den Grad der Demenz im gegenwärtigen Weißen Haus niemals unterschätzen.

Im scharfen Gegensatz dazu wenden wir uns nun einer Gruppe rationaler Akteure zu, die versuchen, dem Weißen Haus dringend benötigte Vernunft einzuflößen. Dies kommt direkt von denjenigen, die zuvor am Verhandlungstisch saßen.

Die Schlagzeile hier lautet, daß die iranisch-pakistanischen Gespräche auf höchster Ebene am vergangenen Dienstag abgeschlossen wurden. Teheran und Islamabad erzielten eine gemeinsame Verständigung über den überaus schwierigen Weg nach vorn.

Der pakistanische Sondergesandte Mohsin Naqvi, der Innenminister, reiste nach Riad ab, mit einer ernsten Mission: MbS persönlich zu bestätigen, daß Iran, Saudi-Arabien, Oman und Katar auf derselben Linie liegen, koordiniert durch die Diplomatie Islamabads.

Diese Gruppe ist durch eine feste Entschlossenheit verbunden: Trump sollte, bei aller seiner Unberechenbarkeit, nicht gestattet werden, den Krieg wieder anzufachen.

Die pakistanischen Vermittler, die bis zu diesem Dienstag am Tisch saßen, bestätigten erneut, daß Iran und Oman – mit entscheidendem chinesischem Segen – bereits eine „unwiderrufliche souveräne Entscheidung“ getroffen haben, was die Ausübung ihrer Souveränität zur Kontrolle und Verwaltung der Straße von Hormus betrifft.

Das schließt Einnahmenerhebung, Minenräumung, sichere Durchfahrt, den gesamten Apparat ein. Teheran und Maskat haben jede ausländische Rolle zurückgewiesen – insbesondere jene der USA, aber auch der EU; Maskat hat dies den Europäern bereits direkt mitgeteilt.

Was „im Gange“ bleibt, ist die Mechanik, nicht die Entscheidung.

Was wir hier also vorliegen haben, ist eine Vier-Wege-Verständigung: Iran, Oman, Pakistan, China – die voraussichtlich unmittelbar nach den Trauerzeremonien für den verstorbenen Obersten Führer Ayatollah Khamenei zutage treten wird.

Die Achse Iran–Oman ist unmittelbar mit der größeren, strategischen Achse Iran–China–Rußland verbunden.

Ein Kabuki, das zu einer neuen Sicherheitsarchitektur führt?

Was das MoU betrifft, so mag es sich in einem tiefen Koma befinden, doch es lebt noch. Unter der Oberfläche laufen ununterbrochen Gespräche. Die pakistanischen Vermittler – so jene, die bis zu diesem Dienstag am Tisch saßen – geben ihr Bestes, um das MoU zu 100 Prozent am Leben zu erhalten, nicht zu 99 Prozent. Die derzeitige Pause ist gewollt – von Iran gewollt – und nicht das Resultat eines Zusammenbruchs.

Natürlich entwickelt sich gerade jetzt ein überlebensgroßes Kabuki: jede Menge Theatralik rund um ein Rahmenwerk, das sich als die Struktur herausstellen könnte, die Westasien geopolitisch und in Bezug darauf, wer was kontrolliert, auf absehbare Zeit definiert.

Verfolgen wir also, wie es derzeit steht, das Geld während der andauernden komatösen Phase.

Teheran setzt auf totalen Pragmatismus: erst das Geld, dann reden wir. Details zu konkreten Transfers oder Zeitpunkten bleiben unscharf, doch es wird erwartet, daß Iran innerhalb einer Woche rund 9 Milliarden Dollar zur Verfügung stehen: die VAE haben bereits 3 Milliarden Dollar überwiesen; Katar/Oman sollen den Rest von 6 Milliarden Dollar beibringen. Wenn Iran in den nächsten etwa 10 Tagen mindestens 6 Milliarden (bis zu 9 Milliarden) Dollar erhält, wird die MoU-Katze zwar nicht im Sack sein, aber sehr lebendig.

Der Kern der Sache: Teheran bewegt sich stets in seinem eigenen Tempo. Das Tempo wird von den Riten rund um Khameneis Begräbnis bestimmt, bei denen vier Mitglieder seiner Familie in Mashhad umgebettet werden sollen, darunter seine Ehefrau, womit ein Kriegsversprechen erfüllt wird.

Worauf wir also alle achten sollten: Der letzte Tag der Zeremonien ist der 9. Juli in Mashhad. Der nächste Schritt wird darin bestehen, den Ort oder die Orte zu bestimmen, an denen sich Amerikaner, Pakistaner und Iraner treffen werden.

Selbst wenn wir es Islamabad 2.0 oder 3.0 nennen, wird es nicht in Islamabad stattfinden. Sobald die Riten abgeschlossen sind und der chinesische Segen erneut erteilt ist, sollte das MoU theoretisch zurück sein. Trump – in die Enge getrieben durch Zwänge wie die Erschöpfung der strategischen Erdölreserve (SPR) – wird an den Tisch zurückkehren und seinen Teil umsetzen müssen. Oder alles wieder in die Luft sprengen.

Es gibt eine zusätzliche Komplexität in Bezug auf Pakistan – das gleichzeitig mit Iran/Oman/China in Sachen Sicherheit der Straße von Hormus verbündet ist und tief in eine NATO-artige gegenseitige Verteidigungsbeziehung mit Saudi-Arabien eingebunden ist.

Im Rahmen des Strategischen Gegenseitigen Verteidigungsabkommens (SMDA) vom September 2025 hat Pakistan mindestens 8.000 Soldaten auf der King-Abdulaziz-Luftwaffenbasis stationiert – die Zahl soll bald auf 13.000 steigen –, dazu JF-17-Staffeln, Drohnen und ein chinesisches HQ-9-System. All diese Bewegung wird von Saudi-Arabien finanziert und untersteht pakistanischer operativer Kontrolle. Diese Truppen schützen im Wesentlichen das saudische Öl.

Die pakistanische Einsatzbefugnis erstreckt sich nun auf Luftwaffe, Bodentruppen und – das ist neu – Marineelemente in verschiedenen Teilen Saudi-Arabiens. Was wir hier also vorliegen haben, ist eine demonstrative Zurschaustellung der Bewachung des saudischen Ölkorridors, während gleichzeitig Abschreckung gegenüber Teheran signalisiert wird. Natürlich mußte Islamabad Teheran – während des Besuchs Peseschkians – im Detail erklären, worum es sich hierbei handelt.

Wie also würde eine neue, tragfähige entstehende Sicherheitsarchitektur für Westasien funktionieren – organisiert von Pakistan über das gesamte Spektrum des GCC hinweg, mit Iran besprochen und von diesem gebilligt, und von China gesegnet?

Das würde mit einem komplexen Normalisierungsprozeß beginnen: Die Beziehungen zwischen Iran, Saudi-Arabien und Katar sollten sich laut Islamabad-Riad „sehr bald“ normalisieren. Leichter gesagt als getan. Katar könnte sich dann der saudischen Verteidigungsbeziehung anschließen.

Der Schlüsselfrage-Punkt ist Ansarollah im Jemen. Die offizielle Haltung Sanaas lautet, daß es jeden Staat (einschließlich Saudi-Arabien) angreifen würde, der in seine Blockade der mit Israel verbundenen Schiffahrt im Roten Meer eingreift.

Die „nächste Welle“ könnte dann Bahrain und Kuwait umfassen. Und möglicherweise eine Überraschung: Ägypten. Kairo ist an einer sicherheitspolitischen Rolle nach dem Abzug der USA interessiert und befindet sich bereits in Gesprächen mit Pakistan und Saudi-Arabien.

Sollte dieses überaus ehrgeizige Vorhaben voranschreiten, könnten die VAE bis Dezember möglicherweise einen Sitz erhalten. Und dann gibt es noch den äußeren Ring: die Türkei und Aserbaidschan. All das, weil China unablässig geschickt seine Figuren im stillen bewegt und auch Erdogan einprägt, daß der eindeutige strategische Gewinner des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran Peking ist. Erdogan spielte laut Vermittlern während der indirekten iranisch-amerikanischen Verhandlungen eine „überaus unterstützende Rolle“.

Nochmals: Dies ist gegenwärtig nur ein mögliches, angeblich vielversprechendes Szenario. Doch wenn man es als eine – wenn auch noch werdende – Koalition betrachtet, die Iran, Pakistan, China, zentrale GCC-Mitglieder, die Türkei und Ägypten vereint, so ist dies bereits eine sich aus eigener Kraft bewegende Kraft, der gegenwärtig nicht viel entgegensteht; diese Koalition könnte, geschickt konstruiert, die USA bis zum Frühjahr 2027 aus Westasien verdrängen.

Was könnte da schon schiefgehen?

Nun zu den Störfaktoren. Und diese sind gewaltig. Nach dem kinetischen Scheitern des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Persien ist die nächste Phase – nennen wir sie Reihe der kartenlosen Verzweiflung – bereits in hybride Kriegführung übergegangen: die Instrumentalisierung des MoU, um Bürgerkriege – sektiererische, religiöse, stammesbezogene – überall entlang der Achse des Widerstands zu provozieren: Libanon, Irak und Jemen.

Nennen wir es Die Achse in Brand setzen.

Folgt man diesem Szenario, verschwindet jede Möglichkeit, daß Saudis und Katarer, vermittelt durch Pakistan, zu einer sicherheitspolitischen Verständigung mit Iran gelangen. Die jüngere Geschichte war unverblümt: man betrachte nur, wie erfolgreich Saudis und Katarer Somalia, Libyen, Sudan und Syrien zerstört haben.

Bagdad etwa steht nun unter einer Quisling-Regierung. Der neue Premierminister ist ein junger, kampfeslustiger Tabula-rasa-Charakter, relativ ähnlich dem Damaszener Kopfabschneider Al-Golani, komplett mit Untertönen eines gesteuerten Opposition-Nützlichen-Idioten.

Es ist alles andere als klar, ob diese hybriden Teile-und-herrsche-Taktiken gegen den persischen Zivilisationsstaat funktionieren werden – etwa im gegenwärtigen Bestreben, wohlhabende Liberale gegen stoische Traditionalisten in ein umfassendes Konfliktszenario zu hetzen. Die Traditionalisten genießen überwältigende Unterstützung in der gesamten Bevölkerung des tief verwurzelten Iran.

Zurück zu unserem vielversprechenden Szenario. Es ist nicht abwegig. Das würde in der Praxis einen allmählichen Übergang zu einer Art „geregelter Unordnung“ bedeuten, mit den USA „reduziert, aber weiterhin präsent“, jedoch mit ernsthaften Hintergrundkanälen, die die Möglichkeiten eines Ersatzes für den amerikanischen „Schutz“-Schirm (im mafiösen Sinne) durchspielen.

Wie wir also sehen können, sollte die MoU-Katze besser schnell aus ihrem Koma herauskommen. Andernfalls wird sich ein totales, verheerendes Chaos durchsetzen.