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Nächste Pandemie schon im Blick: UN will Impfstoffe binnen 100 Tagen einsatzbereit haben

Die nächste Pandemie soll anders ablaufen als COVID-19: Nicht mehr rund 300 Tage bis zum ersten Impfstoff, sondern nur noch 100 Tage von der Identifizierung eines neuen Erregers bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Dieses Ziel, das seit Jahren von CEPI sowie den G7 und G20 verfolgt wird, erhält nun neuen Rückenwind durch eine aktuelle Veröffentlichung der United Nations University (UNU).

Am 20. Oktober 2026 veröffentlichte das UN-Institut UNU-INWEH einen neuen Policy Brief zur globalen Impfstoffversorgung. Darin wird auf Modellrechnungen verwiesen, wonach ein weltweiter COVID-19-Impfstoff-Rollout bereits 100 Tage nach Veröffentlichung der genetischen Sequenz von SARS-CoV-2 mehr als acht Millionen Todesfälle bis Ende 2021 hätte verhindern können. Die Forscher fordern deshalb, Finanzierung, Produktion, Beschaffung, Verteilung und Überwachung von Impfstoffen bereits vor der nächsten Pandemie so vorzubereiten, dass ein extrem schneller weltweiter Rollout möglich wird.

Die 100 Tage beginnen dabei nicht erst irgendwann während einer laufenden Pandemie. Bei COVID-19 rechnet die Studie ab dem Zeitpunkt, an dem die genetische Sequenz des neuen Virus veröffentlicht wurde. SARS-CoV-2 wurde am 10. Januar 2020 sequenziert; nach dem 100-Tage-Szenario hätten erste Impfungen demnach bereits im April 2020 beginnen können.

Die UN-Universität bezeichnet die COVID-Impfstoffentwicklung zwar als wissenschaftlichen Erfolg, kritisiert jedoch, sie sei noch immer zu langsam und weltweit zu ungleich verlaufen. Für die nächste Krise sollen deshalb vorab internationale Regeln für Finanzierung, Beschaffung, Produktion, Verteilung, Sicherheitsüberwachung und Datenaustausch geschaffen werden. Die Autoren fordern außerdem einen weiteren Ausbau der genomischen Überwachung von Krankheitserregern, damit neue Bedrohungen möglichst früh entdeckt und Impfstoffentwicklungen sofort gestartet werden können.

Von der Virus-Sequenz zum Impfstoff in 100 Tagen

Die Strategie stammt ursprünglich nicht von der UN-Universität. Sie baut auf der sogenannten „100 Days Mission“ der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, kurz CEPI, auf.

CEPI formuliert das Ziel unmissverständlich: Ein sicherer und wirksamer Impfstoff gegen eine neue pandemische Bedrohung soll innerhalb von 100 Tagen nach Identifizierung des Erregers für eine erste Zulassung und die Produktion in großem Maßstab bereitstehen.

Die Organisation arbeitet dafür an vorbereiteten Impfstoffplattformen, Produktionskapazitäten, Überwachungssystemen und sogenannten Impfstoffbibliotheken gegen Virusfamilien mit Pandemiepotenzial. Bei Auftreten einer bisher unbekannten „Disease X“ soll damit nicht bei null begonnen werden.

Was während COVID-19 noch als außergewöhnliches „Warp Speed“-Programm galt, soll damit für künftige Pandemien zum geplanten Standard werden.

G7 und G20 unterstützen die Strategie

Die 100-Tage-Mission ist längst kein Projekt einer einzelnen Stiftung oder Forschungsorganisation mehr.

Bereits beim G7-Gipfel in Carbis Bay 2021 verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs, einen Rahmen zu schaffen, mit dem Impfstoffe, Medikamente und Diagnostika innerhalb von 100 Tagen nach Auftreten einer neuen pandemischen Bedrohung verfügbar gemacht werden können. Die G7 erklärten ausdrücklich, was während COVID-19 außergewöhnlich gewesen sei, solle künftig zur Routine werden.

Auch die G20 unterstützten das Ziel. CEPI bezeichnet die 100 Days Mission heute als internationale Initiative, deren technische Voraussetzungen mit der kommenden Strategie CEPI 3.0 weiter ausgebaut werden sollen.

Damit entsteht bereits vor der nächsten Pandemie eine Infrastruktur, die darauf ausgelegt ist, nach Entdeckung eines neuen Virus innerhalb weniger Monate von dessen genetischem Code zur großflächigen Impfstoffproduktion zu gelangen.

Acht Millionen Menschenleben als politische Begründung

Die neue UN-Veröffentlichung liefert nun eine machtvolle Begründung für dieses Vorgehen.

Nach den darin zitierten Modellrechnungen hätten bei einem COVID-Impfstoff-Rollout nach 100 Tagen mehr als acht Millionen Todesfälle verhindert werden können. Weitere Investitionen in Produktionskapazitäten und Gesundheitssysteme hätten theoretisch noch einmal rund drei Millionen Todesfälle vermeiden können.

Dabei handelt es sich ausdrücklich um Modellierungen, nicht um beobachtete historische Daten. Die Berechnungen setzen unter anderem voraus, dass andere Maßnahmen während der Pandemie so verlaufen wären wie tatsächlich geschehen und dass die Impfstoffe zu diesem frühen Zeitpunkt entsprechend wirksam zur Verfügung gestanden hätten.

Trotzdem bildet genau diese Zahl nun einen zentralen Bestandteil der Argumentation für eine deutlich schnellere Impfstoffentwicklung.

Meryl Nass warnt vor der Beschleunigung

Die US-Ärztin und langjährige Impfstoffkritikerin Meryl Nass sieht genau darin ein erhebliches Problem. In ihrem aktuellen Beitrag zur 100 Days Mission kritisiert sie die Vorstellung, von der genetischen Sequenz eines neuen Erregers innerhalb weniger Monate zu einem breit eingesetzten Impfstoff gelangen zu können.

Ihr zentraler Einwand: Langfristige Sicherheitsdaten können innerhalb von 100 Tagen definitionsgemäß nicht vorliegen.

Nass warnt seit Jahren davor, Pandemieplanung zunehmend darauf auszurichten, Impfstoffe bereits vor einer umfassenden längerfristigen Bewertung in sehr kurzer Zeit verfügbar zu machen. Schon 2023 kritisierte sie die amerikanische Biodefense-Strategie, die Impfstoffentwicklung innerhalb von 100 Tagen und ausreichende Produktionskapazitäten für die gesamte US-Bevölkerung innerhalb von 130 Tagen vorsieht.

Auch die Vorstellung, neue Plattformtechnologien machten eine solche Beschleunigung grundsätzlich problemlos möglich, stellt Nass infrage. Sie verweist darauf, dass die Geschwindigkeit der Herstellung nicht mit dem Nachweis langfristiger Sicherheit und Wirksamkeit gleichgesetzt werden dürfe.

CEPI hält dagegen, dass die 100-Tage-Mission ausdrücklich „sichere und wirksame“ Impfstoffe zum Ziel habe und regulatorische Anforderungen nicht abgeschafft werden sollen. Der Zeitgewinn soll vor allem dadurch entstehen, dass Plattformtechnologien, Produktionsstätten, klinische Studienstrukturen und regulatorische Prozesse bereits vor dem Auftreten des nächsten Erregers vorbereitet werden.

Die nächste Pandemie wird bereits vor ihrem Auftreten vorbereitet

Der entscheidende Punkt ist damit nicht, dass die UN morgen eine weltweite Impfpflicht nach 100 Tagen beschlossen hätte. Einen solchen Beschluss gibt es nicht. Bemerkenswert ist vielmehr, wie weit die Vorbereitungen bereits fortgeschritten sind.

Die United Nations University, CEPI, G7, G20, Pharmaindustrie und nationale Regierungen arbeiten inzwischen mit demselben strategischen Ziel: Sobald ein neuer Erreger mit Pandemiepotenzial identifiziert wird, soll innerhalb von rund 100 Tagen ein Impfstoff zur Verfügung stehen und die Produktion in großem Maßstab beginnen können.

Die aktuelle UN-Veröffentlichung fordert darüber hinaus, Finanzierung, Beschaffung, Verteilung, Überwachung und internationale Regeln bereits vor dem nächsten Ausbruch festzulegen.

Damit wird das, was bei COVID-19 als historische Beschleunigung galt, zum Modell für die nächste Pandemie.

Und genau hier setzt die Kritik von Meryl Nass an: Je kürzer der Zeitraum von der Identifizierung eines neuen Erregers bis zum massenhaften Einsatz eines Impfstoffs wird, desto drängender wird die Frage, welche Sicherheitsdaten innerhalb dieses Zeitfensters überhaupt vorliegen können.

Die nächste Impfkampagne soll offenbar nicht erst geplant werden, wenn die nächste Pandemie beginnt.

Die Infrastruktur dafür wird bereits jetzt aufgebaut.

Quellen:

  • United Nations University zur Veröffentlichung vom 20. Oktober 2026 unu.edu
  • CEPI zur offiziellen „100 Days Mission“ cepi.net
  • G7-Kommuniqué zur 100-Tage-Strategie gov.uk
  • frühere Kritik von Meryl Nass an der 100-Tage-Strategie merylnass.substack.com.