In dem Gespräch analysiert Pepe Escobar aus Shanghai die Folgen des Trump-Xi-Gipfels in Peking, die Rolle Irans in der Straße von Hormus, die russisch-chinesische Koordination und den wachsenden Kontrollverlust Washingtons. Sein Kernpunkt: Die USA versuchen, Iran, China und Russland gleichzeitig unter Druck zu setzen – doch genau diese Strategie treibt die drei Mächte enger zusammen und beschleunigt den Übergang zur multipolaren Weltordnung.
Peking als Bühne einer geopolitischen Demütigung
Escobar beginnt mit einer fast spöttischen Beobachtung aus Shanghai. Für ihn ist die Stadt nicht nur eine asiatische Metropole, sondern ein Symbol der Zukunft: Hochtechnologie, urbane Dynamik, wirtschaftliche Kraft und kulturelle Selbstgewissheit. Aus dieser Perspektive wirkt Washingtons geopolitisches Theater für ihn zunehmend alt, erschöpft und provinziell.
Der Besuch Trumps in Peking erscheint in Escobars Lesart nicht als Triumph amerikanischer Diplomatie, sondern als sorgfältig inszenierte Lektion chinesischer Machtprojektion. Trump sei nach China gekommen, begleitet von Konzernchefs und geopolitischen Forderungen, doch Xi Jinping habe ihm im Grunde eine zivilisatorische Meisterklasse erteilt: höflich, ritualisiert, präzise – und strategisch eiskalt.
Besonders wichtig ist für Escobar der symbolische Rahmen: der Himmelstempel, die historische Kulisse, die sorgfältige Inszenierung und die Art, wie China Trump empfing. Nicht als Sieger. Nicht als Herrscher der Welt. Sondern als Gast eines älteren, selbstbewussten Zentrums der Macht.
Zwei Warnungen an Trump: Erst Putin, dann Xi
Escobars zentrale These lautet: Trump erhielt innerhalb weniger Tage zwei klare Stoppsignale – zuerst von Wladimir Putin, dann von Xi Jinping.
Der erste Warnschuss kam demnach nach dem Besuch des iranischen Außenministers Abbas Araghchi in St. Petersburg. Araghchi habe die iranische Position ausführlich gegenüber Lawrow und Putin dargelegt. Danach habe Putin direkt mit Trump telefoniert und ihm sinngemäß angeboten, einen Ausweg aus der Iran-Krise zu vermitteln – aber zugleich klar gemacht, dass eine neue Eskalation gegen Iran, erneute Bombardierungen oder gar Angriffe auf zivile Infrastruktur nicht folgenlos bleiben würden.
Für Escobar war dies der erste „cease and desist“-Befehl: Hör auf, die Lage weiter zu treiben.
Der zweite kam in Peking. Xi Jinping habe nicht offen mit Drohungen gearbeitet, sondern mit der Sprache chinesischer Diplomatie: indirekt, aber eindeutig. China werde sich nicht an Washingtons Versuch beteiligen, Iran unter Druck zu setzen. Und China werde nicht akzeptieren, dass die Iran-Krise als Vorstufe für eine spätere Eskalation gegen China genutzt wird.
Die Straße von Hormus: Für China offen, für Washington ein Problem
Ein zentraler Punkt im Gespräch ist die Straße von Hormus. Während Washington versucht, die Krise als globales Sicherheitsproblem darzustellen, sieht Escobar die Lage nüchterner: Für China sei die Straße von Hormus nicht blockiert. Chinesische Tanker könnten im Rahmen staatlicher Vereinbarungen mit Iran weiterhin passieren.
Damit verliert Washington einen entscheidenden Hebel. Die USA können zwar Druck auf westliche Reedereien, Versicherer und Golfstaaten ausüben, doch sie kontrollieren nicht mehr automatisch den Energiefluss nach Asien.
Das ist der Kern der neuen Realität: Die USA können eine Krise erzeugen – aber sie können nicht mehr garantieren, dass alle wichtigen Akteure nach ihren Regeln spielen.
Iran als strategischer Knotenpunkt
Iran erscheint in Escobars Analyse nicht als isoliertes Ziel amerikanischer Machtpolitik, sondern als zentraler Knotenpunkt der entstehenden multipolaren Ordnung.
Der Krieg gegen Iran sei, so die Logik des Gesprächs, nie nur ein Krieg gegen Iran. Er sei auch ein Krieg gegen China, gegen Russlands Einfluss, gegen den Nord-Süd-Korridor, gegen die Neue Seidenstraße und gegen die strategische Eigenständigkeit des Globalen Südens.
Deshalb reagieren Russland und China so entschlossen. Sie wissen: Fällt Iran, wird der Druck auf die gesamte multipolare Architektur erhöht. Hält Iran stand, verliert Washington einen entscheidenden Teil seiner Einschüchterungsmacht.
Taiwan: Die rote Linie hinter der roten Linie
Xi Jinping habe gegenüber Trump wiederholt klargemacht, dass Taiwan für China die ultimative rote Linie bleibt. Escobar verbindet Taiwan direkt mit Iran: Was Washington heute im Persischen Golf versucht, könne morgen über Malakka, das Südchinesische Meer und Taiwan weitergeführt werden.
Damit wird Taiwan zur strategischen Spiegelung der Iran-Krise. Beide Fälle drehen sich um Engpässe, Seewege, Energieflüsse, militärische Abschreckung und die Frage, ob die USA weiterhin in der Lage sind, Konflikte an den Rändern Eurasiens zu diktieren.
Xi habe Trump im Grunde gesagt: Versuch nicht, bei Taiwan dieselbe Eskalationslogik anzuwenden wie gegenüber Iran.
Putin in Peking: Kein Zufall, sondern Signal
Besonders wichtig ist für Escobar der unmittelbar folgende Besuch Putins in Peking. Dass Putin wenige Tage nach Trump bei Xi erwartet werde, sei kein Zufall, sondern Teil einer präzisen Abstimmung zwischen Moskau und Peking.
Xi werde Putin aus erster Hand berichten, was mit Trump besprochen wurde. Daraus entstehe eine eng koordinierte russisch-chinesische Linie gegenüber Washington. Zusammen mit Iran bilde sich ein strategisches Dreieck, das nicht länger nur reagiert, sondern eigene Realitäten schafft.
Für Escobar ist das entscheidend: Russland, China und Iran warten nicht mehr darauf, was Washington tut. Sie bauen ihre eigene Ordnung.
Die USA verstehen Chinas Sprache nicht
Einer der schärfsten Teile des Gesprächs betrifft die intellektuelle und kulturelle Unfähigkeit der US-Eliten, China zu verstehen. Escobar wirft der amerikanischen Delegation vor, in Peking wie Provinzpolitiker aufgetreten zu sein – unfähig, Rituale, Sprache, Geschichte und Symbolik der chinesischen Diplomatie zu lesen.
Besonders der Begriff „konstruktive strategische Stabilität“, den Xi als Leitformel für die kommenden Jahre formulierte, steht im Mittelpunkt. Für China bedeutet er: Kooperation zuerst, kontrollierte Konkurrenz danach, Frieden als Ziel.
Für Escobar ist genau das der Punkt: Das amerikanische Imperium könne mit diesem Konzept nichts anfangen. Es sei nicht konstruktiv, sondern destruktiv. Nicht strategisch, sondern taktisch. Nicht stabilisierend, sondern auf Chaos, Druck und Piraterie ausgerichtet.
Xi habe den USA damit eine Art strukturellen Neustart angeboten. Doch Escobar bezweifelt, dass Washington überhaupt begreift, was ihm angeboten wurde.
BRICS in der Krise – aber Russland und China bleiben der Motor
Ein weiterer Schwerpunkt ist BRICS. Escobar beschreibt das jüngste Außenministertreffen in Neu-Delhi als schweres Durcheinander. Besonders die Spannungen zwischen Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten hätten gezeigt, wie tief die Widersprüche innerhalb von BRICS inzwischen sind.
Für ihn liegt BRICS „im Koma“, aber nicht endgültig am Ende. Wenn jemand das Projekt wiederbeleben könne, dann Russland und China – möglicherweise zusammen mit Iran und Brasilien.
Das Problem: Innerhalb von BRICS sitzen Staaten, die strategisch völlig unterschiedliche Richtungen verfolgen. Indien, die Emirate, Saudi-Arabien, Iran, China und Russland haben nicht dieselben Interessen. Besonders die Rolle der Emirate als enger Partner Israels und der USA mache die Lage explosiv.
Escobar deutet an, dass BRICS langfristig eine innere Hierarchie brauchen könnte. Die bisherige Idee völliger Gleichrangigkeit sei unter den neuen Bedingungen schwer durchzuhalten.
Pakistan als neuer Schlüsselspieler
Interessant ist Escobars Einschätzung zu Pakistan. Pakistan habe sich durch seine Vermittlerrolle zwischen Iran und anderen Akteuren erheblich aufgewertet. Gleichzeitig öffne Pakistan für Iran Landkorridore und sogar den Hafen Gwadar. Damit werde Gwadar faktisch auch für Iran nutzbar – ein strategischer Schritt von enormer Bedeutung.
Das verändert die Landkarte. Iran wird weniger abhängig von verletzlichen Seewegen. Pakistan stärkt seine Rolle als Vermittler und Knotenpunkt. China profitiert über den China-Pakistan Economic Corridor. Russland sieht neue Verbindungen in Richtung Südasien.
Für Escobar könnte Pakistan damit ein natürlicher Kandidat für eine stärkere Rolle innerhalb von BRICS werden – zum Ärger Indiens und der prowestlichen Kräfte innerhalb des Blocks.
Die US-Strategie wirkt zunehmend planlos
Im Gespräch wird Washingtons Lage als zunehmend chaotisch beschrieben. Mal drohen neue Angriffe auf Iran, mal wird zurückgerudert. Mal wird über Diplomatie gesprochen, mal über Bombardierungen. Für Escobar zeigt das keine Stärke, sondern Panik.
Die USA suchten nach einem sichtbaren Sieg, weil ihre bisherigen Strategien nicht funktioniert hätten. Iran sei nicht zusammengebrochen. China sei nicht eingeschüchtert. Russland sei nicht isoliert. Und selbst Teile des westlichen Establishments begännen zu erkennen, dass eine weitere Eskalation gegen Iran katastrophale Folgen haben könnte.
Escobar verweist auf neokonservative Stimmen, die plötzlich vorsichtiger klingen. Doch er warnt: Diese Kräfte hätten ihre Ziele nicht aufgegeben. Sie suchten lediglich nach einer neuen Formel für den permanenten Krieg.
Der eigentliche Kampf: Souveränität gegen Imperium
Am Ende läuft Escobars Analyse auf zwei Begriffe hinaus: Souveränität und Unabhängigkeit. Genau diese Begriffe habe Putin gegenüber Araghchi betont. Für Escobar sind sie die eigentliche Definition eines funktionierenden Globalen Südens.
Iran ist für ihn ein Beispiel dafür, wie ein Staat trotz massiver Sanktionen, militärischen Drucks und permanenter Bedrohung handlungsfähig bleibt. China ist das größere Beispiel: wirtschaftlich, technologisch und diplomatisch inzwischen so stark, dass Washington es nicht mehr nach Belieben zwingen kann.
Russland wiederum verbindet militärische Stärke, Energiepolitik und Diplomatie.
Zusammen bilden diese drei Mächte laut Escobar keinen formalen Block im alten Sinne, sondern ein Netzwerk strategischer Souveränität.
Washingtons Konzernmacht gegen Chinas Staatsstrategie
Ein wichtiger Kontrast im Gespräch betrifft die Rolle großer Konzerne. Während amerikanische Giganten wie BlackRock, ExxonMobil, Chevron oder Nvidia weiterhin enorme Gewinne erzielen, sieht Escobar darin keinen Beweis strategischer Stärke. Es zeige nur, dass das amerikanische System vor allem Wall Street diene.
China dagegen denke langfristig in industriellen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungsplänen. Die chinesischen Großunternehmen seien zwar global aktiv, blieben aber stark auf den Binnenmarkt und nationale Entwicklungsziele ausgerichtet.
Das ist für Escobar der entscheidende Unterschied: Die USA maximieren Profite. China baut Kapazitäten.
Die neue Realität: Die USA können stören, aber nicht mehr bestimmen
Der rote Faden des gesamten Gesprächs ist klar: Washington ist weiterhin gefährlich, aber nicht mehr allmächtig.
Die USA können Kriege beginnen, Sanktionen verhängen, Seewege militarisieren, Ölpreise beeinflussen und Staaten unter Druck setzen. Aber sie können die Reaktionen anderer Großmächte nicht mehr vollständig kontrollieren.
Iran findet Ausweichrouten. China macht eigene Vereinbarungen. Russland vermittelt und koordiniert. Pakistan gewinnt an Bedeutung. BRICS bleibt trotz Krise ein Schauplatz der Neuordnung. Und die Golfstaaten beginnen, zwischen Washington, Peking, Moskau und Teheran zu lavieren.
Das ist die Welt, die Escobar beschreibt: nicht geordnet, nicht friedlich, nicht stabil – aber nicht mehr amerikanisch kontrolliert.
Fazit: Trumps Weltkriegsstrategie läuft ins Leere
Der Titel des Videos ist zugespitzt, aber Escobars Botschaft ist eindeutig: Trumps Versuch, Iran und China gleichzeitig unter Druck zu setzen, hat nicht zur Unterwerfung geführt, sondern zur engeren Koordination der Gegenseite.
China ließ sich nicht gegen Iran instrumentalisieren. Russland stellte sich als Vermittler und Warnmacht auf. Iran nutzte die Straße von Hormus als strategischen Hebel. Pakistan öffnete neue Räume. Und Washington steht nun vor dem Problem, dass jede weitere Eskalation nicht nur Iran, sondern das gesamte eurasische Machtgefüge berührt.
Die USA wollten ihre Weltkriegsstrategie ausweiten. Doch aus Escobars Sicht haben Iran und China sie nicht nur blockiert – sie haben gezeigt, dass die Weltordnung bereits weitergezogen ist.


