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Prof. Jeffrey Sachs warnt vor neokolonialem Plan: Trump will Gaza kolonisieren

In einer Zeit, in der der Nahostkonflikt erneut die Welt in Atem hält, hat der renommierte US-Ökonom und Globalisierungs-Kritiker Prof. Jeffrey Sachs in einem scharfsinnigen Interview mit Judge Andrew Napolitano auf „Judging Freedom“ die Pläne der Trump-Administration für Gaza als „neokoloniale Schande“ enttarnt.

Sachs, der seit Jahrzehnten als Berater der UN und Experte für nachhaltige Entwicklung gilt, sieht in dem kürzlich vorgestellten 20-Punkte-Plan von Präsident Donald Trump nicht den erhofften Weg zum Frieden, sondern eine Fortsetzung der Unterdrückung der palästinensischen Souveränität.

Der Plan, der Gaza unter eine temporäre Governance durch ein von Trump und dem ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair geführtes Gremium stellen soll, erinnere an die britische Mandatszeit von 1921 – eine „Karikatur des Kolonialismus“, wie Sachs es nennt.

Im Folgenden eine detaillierte Analyse des Interviews, eingebettet in den aktuellen Kontext des Konflikts.

Der Kontext: Ein Konflikt ohne Ende

Der Gaza-Krieg, der mit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 begann, hat sich bis Oktober 2025 zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Israelische Militäroperationen haben Zehntausende Tote gefordert, Gaza in Schutt und Asche gelegt und Hunderttausende in Hungersnot gestürzt.

Verhandlungen scheiterten mehrfach, darunter ein Waffenstillstand im Januar 2025, der nur kurz anhielt. In diesem Vakuum präsentierte Trump Ende September 2025 seinen 20-Punkte-Plan, der auf einem Treffen mit arabischen Führern und Netanyahu basiert.

Der Plan fordert den sofortigen Stopp der Kämpfe, die Freilassung aller israelischen Geiseln (im Tausch gegen 250 lebenslange und 1.700 weitere palästinensische Häftlinge), die Demilitarisierung von Hamas und eine „technokratische“ Übergangsverwaltung für Gaza.

Trump gab Hamas bis zum 5. Oktober eine Frist, das Angebot anzunehmen – andernfalls drohe „die Hölle“.
Hamas signalisierte Bereitschaft, Geiseln freizulassen und die Verwaltung an unabhängige Technokraten zu übergeben, lehnte jedoch die vollständige Entwaffnung ab.

Sachs‘ Kritik, die im Interview vom 6. Oktober – nur einen Tag nach Netanyahus Ablehnung eines palästinensischen Staates – fiel, ist besonders brisant.

Er argumentiert, dass der Plan nicht auf internationalem Recht basiert, sondern die palästinensische Selbstbestimmung ignoriert. „Wer würde Israel und den USA in Verhandlungen trauen?“, fragt Sachs rhetorisch und verweist auf gescheiterte Diplomatie: Israel habe Hamas-Verhandler in Doha und Hezbollah-Führer im Libanon liquidiert, während die USA Iran in falsche Verhandlungen gelockt hätten, bevor Bomben fielen.

Die arabische Friedensinitiative: Ein vergessenes Angebot

Sachs betont, dass Frieden seit 2002 machbar sei – dank der Arabischen Friedensinitiative, die die Araber jährlich erneuern.

Dieser Plan ist einfach: Normalisierung der Beziehungen zu Israel, Sicherheit für Israel und ein unabhängiger palästinensischer Staat auf den Grenzen vom 4. Juni 1967 (Gaza, Westjordanland, Ost-Jerusalem als Hauptstadt).

„Das ist internationales Recht“, erklärt Sachs. Der Internationale Gerichtshof (IGH) bestätigte dies 2024, und die UN-Generalversammlung stimmt jährlich mit überwältigender Mehrheit zu.

Bislang blockieren nur Israel und die USA – letztere als „Tochtergesellschaft“ der israelischen Regierung, wie Sachs scharf formuliert.

Seit dem Sechstage-Krieg 1967, so Sachs, verhindere Israel systematisch einen palästinensischen Staat. Seit Netanyahus Amtsantritt 1996 eskaliere die Unterdrückung: Besatzung, Siedlungsbau und nun Massenmorde in Gaza.

„Alles, was seit 1967 passiert ist, ist Israels Versuch, einen palästinensischen Staat zu verhindern – und deswegen gibt es endlosen Krieg.“

In den letzten Wochen erkannten Länder wie Frankreich, Großbritannien, Australien und weitere den Staat Palästina an – ein Signal, das Sachs als Wendepunkt sieht.

Trumps 20-Punkte-Plan: Gute Absichten, koloniale Falle

Der Plan enthält positive Elemente, räumt Sachs ein: Sofortiger Waffenstillstand, Freilassung von Geiseln und Häftlingen, humanitäre Hilfe ohne israelische Blockade (inklusive Wiederaufbau von Infrastruktur, Wasser und Strom).

„Das ist in Ordnung“, sagt er. Doch bei den politischen Kernfragen weicht der Plan aus. Statt eines palästinensischen Staates wird Gaza unter eine „temporäre Übergangsverwaltung“ gestellt: Ein „technokratisches, apolitisches palästinensisches Komitee“ unter Aufsicht eines „Friedensrates“ (Board of Peace), den Trump leiten und Tony Blair mitgestalten soll.

Dieser Rat soll den Wiederaufbau finanzieren, bis die Palästinensische Autonomiebehörde „reformiert“ ist – nach Trumps 2020-Plan und saudisch-französischen Vorschlägen.

Punkt 9 des Plans lautet:
„Gaza wird unter der temporären Übergangsverwaltung eines technokratischen, apolitischen palästinensischen Komitees regiert, das für den täglichen Betrieb von öffentlichen Diensten und Kommunen verantwortlich ist. Das Komitee setzt sich aus qualifizierten Palästinensern und internationalen Experten zusammen, mit Aufsicht durch einen neuen internationalen Übergangskörper, den Board of Peace, der von Präsident Donald J. Trump geleitet wird, mit anderen Mitgliedern und Staatschefs, die noch zu nennen sind, einschließlich des ehemaligen Premierministers Tony Blair.“

Punkt 10 eskaliert: Ein „Trump-Wirtschaftsentwicklungsplan“ soll Gaza zu einer „modernen Wundercity“ machen, inspiriert von Experten aus dem Nahen Osten. Es entsteht eine Sonderwirtschaftszone mit Zollpräferenzen – „die Jared-Kushner-Riviera“, spottet Napolitano, Trumps Schwiegersohn, der Milliarden in regionalen Investitionen hat und als Architekt des Plans gilt.

Sachs nennt das „absurd“ und „koloniale Karikatur“: Trump und Blair – „der Metzger des Irak“ – als Vormünder? „Sind wir in 1920? Im britischen Mandatszeitalter?“

Netanyahus Agenda: Kein Frieden, sondern „Groß-Israel“

Sachs richtet seinen Zorn gegen Netanyahu: „Er will kein Frieden, sondern Kontrolle über ganz Palästina – vom Jordan bis zum Mittelmeer, das ‚Groß-Israel‘.“

Netanyahus Koalitionspartner wie Ben-Gvir und Smotrich bieten Palästinensern nur drei Optionen: Sterben, Vertreibung oder Apartheid.

In seiner UN-Rede am 23. September 2025 erklärte Netanyahu: „Nie ein palästinensischer Staat.“

Am 5. Oktober wiederholte er: Palästinenser wollten keinen Staat „neben“ Israel, sondern „anstelle“ – eine „outright Lüge“, poltert Sachs. Die Arabische Initiative und die UN fordern seit Jahren zwei Staaten nebeneinander.

Netanyahu, so Sachs, hänge von US-Unterstützung ab: Veto im UN-Sicherheitsrat, militärische Hilfe und Tech-Firmen wie Google, Microsoft und Amazon, die KI für israelische Drohnen liefern.

„Das ist US-Unterstützung für Völkermord.“ Frieden würde Netanyahu seine Immunität und Freiheit kosten – er stehe vor Korruptionsprozessen.

Sachs‘ Gegenentwurf: Souveränität statt Vormundschaft

Sachs hat den 20-Punkte-Plan „korrigiert“: Statt Trump-Rat die Palästinensische Autonomie als Regierung, mit beratendem Gremium (Trump willkommen). Sofortiger palästinensischer Staat, kein „irgendwann“.

Kein „Trump-Entwicklungsplan“, sondern palästinensischer – „das heißt Souveränität“. Hamas demilitarisieren, aber im Gegenzug Normalisierung mit arabischen Nachbarn. „Das wäre umsetzbar, wenn nicht israelische Herrschaft fortgesetzt würde.“

Palästinenser, betont Sachs, seien hochqualifiziert – viele Ärzte, Ingenieure in Golfstaaten, USA oder Europa arbeiten.

„Sie brauchen keine Tutelage von Trump und Blair. Nach Jahrzehnten Missbrauch brauchen sie Souveränität.“

Kolonialismus bedeute Unterwerfung, fast Sklaverei – Gaza sei ein „Freiluftgefängnis“ gewesen, mit kontrolliertem Wasser, Strom und Bewegungsfreiheit.

Warum scheitert der Plan? US-Subservienz und Propaganda

Der Plan scheitere, weil Trump nach Treffen mit Arabern (die Souveränität forderten) Netanyahu und Ron Dermer traf – und den Text umschrieb: Kein palästinensischer Staat, stattdessen Kolonialismus.

„Trump repräsentiert nicht die USA, sondern Israel.“

Umfragen zeigen: Die Mehrheit der Amerikaner will Palästina anerkennen und Israels Gaza-Aktionen stoppen. Doch die „zionistische Lobby“ halte Trump am Gängelband.

Arabische Länder wollen Frieden für Entwicklung – Wasser, Infrastruktur –, nicht Krieg. „Israel fermentiert Kriege, um den palästinensischen Staat zu vermeiden.“

Netanyahu lüge, wenn er sage, Palästinenser wollten Israel zerstören: „Zwei Staaten nebeneinander – das will die Welt.“

Ausblick: Der Weg zum echten Frieden

Sachs endet hoffnungsvoll, aber warnend: Muslimische Länder dankten Trump für den Planvorschlag – sie wollen Frieden. Doch die „Betrügerei“ nach Netanyahus Einfluss zeige US-Subservienz.

„Kann Trump eine eigene Außenpolitik machen? Ich weiß es nicht.“

Frieden erfordere US-Rückzug von der israelischen Linie: Keine Unterstützung für Genozid, Veto gegen Palästina aufheben (155 Länder erkennen es an; UN-Sicherheitsrat stimmte einstimmig für Aufnahme als 194. Mitglied, außer US-Veto).

„Der Tag, an dem die USA sich wie die USA verhalten, ist der Tag des Friedens im Nahen Osten“, schließt Napolitano. Sachs nickt: „Genau.“

Schlussgedanke

Dieses Interview ist ein Weckruf. In einer Welt, die Kolonialismus überwunden hat, darf Gaza nicht zur „Trump-Riviera“ werden.

Der echte Frieden liegt in der Anerkennung palästinensischer Souveränität – und in der Rückkehr zu internationalem Recht.

Ob Trump zuhört? Die Zeit drängt.