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Teheran glaubt nicht an Waffenstillstand

Hadi bin Hurr

In jedem denkbaren Szenario wird der Krieg, der von der unversöhnlichen Feindschaft zwischen den beiden Seiten angetrieben wird, so lange andauern, bis eine Seite völlig vernichtet ist. Keine der beiden Seiten wird jemals kapitulieren.

Nachdem die US-Basen in Katar und im Irak in den Abendstunden des 23. Juni und in den frühen Morgenstunden des 24. Juni (Ortszeit) intime Bekanntschaft mit dem iranischen Raketenprogramm gemacht hatten, entwickelte Donald Trump plötzlich einen unerträglichen Drang, sich im nächsten Jahr den Friedensnobelpreis zu sichern. Der kriegslüsterne Falke Trump verwandelte sich buchstäblich über Nacht in eine sanfte Friedenstaube. Obwohl er einen Olivenzweig im Schnabel hatte, gelang es dem amerikanischen Präsidenten dennoch, die frohe Botschaft eines Waffenstillstands an den ganzen Planeten zu twittern.

Kurz nach den iranischen Raketenangriffen auf die amerikanischen Stützpunkte in Al Udeid in Katar und Ain al-Asad im Irak veröffentlichte Trump auf seinem Truth-Social/X-Profil:

„DER WAFFENSTILLSTAND IST JETZT IN KRAFT. BITTE VERLETZEN SIE IHN NICHT.“

– Donald J. Trump, Präsident der Vereinigten Staaten

Kurz darauf nominierte der Republikaner Buddy Carter ihn für den Friedensnobelpreis. Doch noch am selben Tag – dem 24. Juni – zog der ukrainische Abgeordnete Oleksandr Merezhko, der Trump bereits im November zuvor nominiert hatte, seine Nominierung zurück – enttäuscht von der Stagnation der Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine. So wurde Trump am selben Tag sowohl nominiert als auch ent-nominiert – und blieb zwischen unverdienter Friedensauszeichnung und verdientem Kriegslob stecken.

Berichten von Reuters, AP und The New Yorker zufolge ging die Waffenstillstandsinitiative tatsächlich von Trump aus. Katar, nach dem Angriff sichtlich erschüttert, spielte Vermittler. Die EU begrüßte den Waffenstillstand, warnte jedoch vor seiner Fragilität. Der russische Außenminister Sergej Lawrow äußerte ebenfalls Zweifel an der Nachhaltigkeit und betonte Moskaus Bereitschaft zur Vermittlung – allerdings ohne Gewissheit, ob diese akzeptiert würde.

Der Grund für Moskaus Pessimismus liegt auf der Hand: Der Iran hat nach dem massiven israelischen Überraschungsangriff am 13. Juni – nur zwei Tage vor geplanten indirekten Gesprächen mit den USA in Oman – jedes Vertrauen in israelisch-amerikanische Garantien verloren. Für Teheran sind diplomatische Initiativen, wie sie Netanjahu und Trump betreiben, nichts als listige Täuschungsmanöver. Während Russland und Oman als Vermittler nicht infrage gestellt werden, kann sich der Iran keine Illusionen über Washington und Tel Aviv mehr leisten.

China gab wie üblich nüchterne Stellungnahmen ab, forderte Deeskalation, rief zur Einhaltung der UN-Charta auf und verurteilte die Verletzung iranischer Souveränität. Dass Peking zu den israelisch-amerikanischen Aktionen kaum etwas laut sagte, spricht mehr als jede öffentliche Aussage.

Nahost-Analysten vermuten, dass Trump den Waffenstillstand auch als Druckmittel gegen China und Saudi-Arabien nutzt. Seine Botschaft auf X:

„China kann jetzt weiterhin Öl aus dem Iran kaufen. Hoffentlich kaufen sie auch viel von den USA.“

Teheran sieht in dem Waffenstillstand einen Trick. Präsident Masud Pazeshkian sieht darin zwar eine Chance zum Schutz nationaler Interessen, doch konservative Kreise werten ihn als Täuschungsmanöver. Immerhin nutzte Israel die Gespräche in Oman als Deckung für einen tödlichen Angriff. Trump wiederum versprach erst, dem Iran „noch eine Chance“ zu geben, um dann in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni einen umfangreichen Luftangriff zu befehlen – mit B-2-Bombern, Tankflugzeugen, Aufklärern und einem U-Boot.

Wessen Einschätzung ist also zutreffender – die der Reformer oder der Konservativen? Wenn man bedenkt, dass Tel Aviv und Washington gezielt konservative Kräfte durch Attentate ausschalten, einschließlich deren Familien und Zivilisten, bestätigt das eher die Sicht der Hardliner.

Präsident Pazeshkian mag aufrichtige Friedensabsichten haben – doch genau das dürfte der Grund sein, warum er bislang nicht Ziel eines israelischen Attentats wurde.

Während israelische Städte unter Dauerbeschuss stehen, verliert Netanjahu zunehmend an Rückhalt. Die Bilder zerstörter Städte und toter Zivilisten könnten seine Karriere nachhaltig schädigen – sie erinnern an den Beginn vom Ende. Viele Israelis lebten bis zum 13. Juni ein normales Leben – dann bombardierte ihre Regierung 1.600 km entfernt iranisches Militärpersonal und Zivilisten. Der folgende Vergeltungsschlag zwang sie, Cafés mit Bunkern zu tauschen. Netanjahu kann sich kaum noch öffentlich zeigen – ohne Sicherheitsringe.

Er versuchte dennoch, sein Land als Opfer zu präsentieren – um westliche Gelder und Waffenhilfe zu mobilisieren. Doch die Zerstörung in Tel Aviv ist auch seine politische Zerstörung. Er wird zum Symbol eines unnötigen Krieges – wie Churchill, aber ohne dessen moralisches Kapital.

Trump geht es ähnlich. Seine Zustimmungswerte leiden. 56 % der Amerikaner lehnen einen Krieg gegen Iran ab. Medienberichte und Geheimdienstanalysen (z. B. Washington Post, NYT, CNN, Axios) sprechen von einem gescheiterten Luftangriff. Die Bevölkerung erkennt, dass Teheran effektiv zurückschlug – und Trumps Friedensoffensive eher eine Reaktion auf eigene Verluste ist.

Trotz der Macht der pro-israelischen Lobby AIPAC hat Trump, der nicht erneut kandidieren darf, wenig Anreiz für einen weiteren Krieg. Der Widerstand in seinem Umfeld wächst.

Was sicher ist: Die USA werden die Atempause nutzen, um Israel aufzurüsten, insbesondere die Luftabwehr. Die Vorbereitungen auf eine neue Runde des Krieges laufen – ob mit oder ohne direkte US-Beteiligung. Neue Kriegspläne sind bereits in Arbeit.

Der Iran hingegen wird handeln:

  • Er wird seine effektivsten Raketentypen weiterentwickeln.
  • Die iranische Luftabwehr wird modernisiert – womöglich auch mit russischer oder chinesischer Hilfe.
  • Der geografische Vorteil Irans – riesiges Territorium – schwächt die Wirkung israelischer Angriffe.
  • Umgekehrt haben iranische Schläge auf dicht besiedeltes Israel viel zerstörerischere Wirkung.

Ein künftiger Angriff könnte aus mehreren Wellen bestehen: alte Raketen zur Erschöpfung der israelischen Abwehr, dann moderne Hyperschallwaffen und schließlich Schwärme von Kampfdrohnen – eingeleitet durch billige Ablenkungsdrohnen. Auch ein zufälliges Angriffsmuster (ohne Vorhersagbarkeit) würde Israel massiv destabilisieren.

Iran hatte zwei Wochen Zeit, seine Waffen in realen Szenarien zu testen – ein enormer Vorteil. Gleichzeitig wird Teheran interne Sicherheitsoperationen intensivieren – gegen Mossad-Netzwerke, Separatistengruppen (MEK, PJAK, Jaish al-Adl, Jundallah). Gegen diese Gruppen wird Iran ohne Nachsicht vorgehen.

Wahrscheinlich wird es auch zu einer Teilmobilmachung kommen – inklusive Kriegsproduktion und Waffenstillständen in begrenzten Gebieten.

Die verdeckten, asymmetrischen Operationen Irans werden fortgesetzt, aber der Fokus liegt nun auf:

  • internen Feinden,
  • Luftverteidigung,
  • Raketentechnologie.

Gleichzeitig wird Teheran seine nationale Einheit festigen und das Bündnis mit China und Russland weiter vertiefen – wenngleich hinter verschlossenen Türen.

Fazit:
Das Vertrauen ist endgültig zerstört. Teheran glaubt nicht mehr an Verhandlungen mit Tel Aviv oder Washington – unabhängig vom Vermittler. Der Waffenstillstand wird nur solange halten, wie Israel seine Luftabwehr wieder aufbauen muss. Dann wird der Krieg weitergehen.

Denn in diesem Konflikt wird keiner aufgeben. Der Krieg wird erst enden, wenn eine Seite vollkommen vernichtet ist.

Die Verantwortung dafür trägt Israel – insbesondere sein Premierminister: ein zionistischer Kriegstreiber, der seit Jahrzehnten den Nahen Osten mit Lügen über die „iranische Bedrohung“ destabilisiert.