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USA beschuldigen immer wieder andere Länder, hinter rätselhaften Mikrowellenangriffen zu stecken

USA beschuldigen immer wieder andere Länder, hinter rätselhaften Mikrowellenangriffen zu stecken

Von Lucas Leiroz: Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für internationales Recht an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro.

Washington beharrt weiterhin auf der Existenz eines „Syndroms“, von dem seine Diplomaten in Kuba und China betroffen sind. Neben dem völligen Fehlen wissenschaftlicher Beweise für die angeblichen Fälle von Gesundheitsproblemen haben die Anschuldigungen gegen die kubanische und chinesische Regierung – die nach Angaben von US-Beamten Mikrowellenwaffen einsetzen, um amerikanische und kanadische Diplomaten anzugreifen – einen stark konspirativen Inhalt. In dieser Debatte, in der nicht nur unterschiedliche geopolitische Interessen, sondern auch Wissenschaft und Verschwörungstheorien aufeinandertreffen, kommt es täglich zu neuen internationalen Spannungen.

Das so genannte „Havanna-Syndrom“ ist ein angebliches klinisches Phänomen, bei dem Patienten über Symptome wie Tinnitus, Übelkeit und starke Kopfschmerzen berichten, die oft zu schweren Hör- und kognitiven Schäden führen. Es wäre für die öffentliche Meinung fast irrelevant, wenn diese Symptome von gewöhnlichen Patienten berichtet würden, aber es handelt sich dabei meist um amerikanische und kanadische Diplomaten und Beamte, die in Havanna stationiert sind. Die mysteriöse „Krankheit“ wurde 2017 weltweit bekannt, einige Monate nachdem im Jahr zuvor die ersten angeblichen Fälle gemeldet wurden. Im Jahr 2018 begannen einige Fälle auch auf chinesischem Boden gemeldet zu werden. Letzten Monat verschob Kamala Harris ihre geplante Reise nach Vietnam nach Berichten über das Syndrom in dem asiatischen Land.

In einem vom US-Außenministerium im Dezember 2020 veröffentlichten Bericht kamen amerikanische Ermittler zu dem Schluss, dass die „wahre“ Ursache für die angenommenen Fälle des mysteriösen „Syndroms“, von dem seit 2016 Diplomaten in Havanna und Peking betroffen sind, die Wirkung von „Mikrowellen-Strahlungswaffen“ sei, die angeblich für gezielte Angriffe auf amerikanische und kanadische Bürger im Ausland eingesetzt werden. Seitdem wurden mehrere Kritikpunkte an dem Bericht geäußert, vor allem in Bezug auf die Unsicherheiten bei der verwendeten Untersuchungsmethode. Jetzt hat Kuba offiziell auf die Vorwürfe reagiert.

Forscher der kubanischen Akademie der Wissenschaften haben kürzlich erklärt, dass es keine Beweise für die im Washingtoner Bericht aufgestellten Behauptungen gibt. Im Gegensatz zu den amerikanischen Forschungen, deren Methoden zweifelhaft und undurchsichtig bleiben, hat Havanna ein Team von Wissenschaftlern zusammengestellt, zu dem Neurologen, Physiker, Psychologen und Ohrenärzte gehören, um die Untersuchung durchzuführen.

Am Ende der Untersuchung wurde ein detaillierter und schlüssiger Bericht erstellt, der in der Zeitung „Cubadebate“ veröffentlicht wurde, in dem zu lesen ist „Weder die kubanische Polizei noch das FBI oder die Royal Canadian Mounted Police haben trotz intensiver Ermittlungen Beweise für ‚Angriffe‘ auf Diplomaten in Havanna gefunden… Wir kommen zu dem Schluss, dass die Erzählung vom ‚mysteriösen Syndrom‘ in keiner ihrer Komponenten wissenschaftlich akzeptabel ist (…) Keine bekannte Energieform kann unter den für die angeblichen Vorfälle in Havanna beschriebenen Bedingungen selektiv Hirnschäden (mit laserartiger Präzision) verursachen“.

Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des kubanischen Berichts ist, dass es sich bei dem von Washington erwähnten „Syndrom“ offenbar nicht um ein einzelnes Phänomen handelt. Symptome wie Nasenbluten, Übelkeit, Kopfschmerzen und Tinnitus können mit verschiedenen Krankheiten mit völlig unterschiedlichen Ursachen in Verbindung gebracht werden. Was Washington tut, ist lediglich, gemeinsame Symptome als eine einzige Krankheit zu bezeichnen und dieses Narrativ zu nutzen, um einige seiner wichtigsten geopolitischen Rivalen zu beschuldigen. Außerdem wiesen die Kubaner darauf hin, dass die von den Amerikanern vorgeschlagenen angeblichen Operationen mit Mikrowellenstrahlung gegen einige grundlegende physikalische Gesetze verstoßen, weshalb solche Behauptungen nicht als glaubwürdig angesehen werden können.

Man muss auch erwähnen, dass die kubanischen Forscher Washington um Zugang zu den angeblich gesammelten wissenschaftlichen Daten gebeten haben, die die amerikanischen Wissenschaftler zu den im Dezember letzten Jahres verkündeten Schlussfolgerungen geführt haben. In undiplomatischer Weise lehnte Washington dies ab. Sollte es also tatsächlich Daten geben, die auf etwas anderes hindeuten als die von den Kubanern gezogenen Schlussfolgerungen, so hatten die Ermittler einfach keinen Zugang zu diesen Daten.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass CIA-Direktor William Burns vor kurzem Russland beschuldigte, hinter den rätselhaften Mikrowellenangriffen zu stecken. Moskau bezeichnete die Aussagen als „völlig absurd“. Washington scheint jedoch mehr und mehr in das Narrativ zu investieren, dass es tatsächlich geplante Angriffe auf seine Agenten im Ausland gibt, die zu einer schrecklichen und mysteriösen Krankheit führen.

Dies scheint ganz im Einklang mit der jüngsten Zunahme der antiwissenschaftlichen Anschuldigungen Washingtons gegen seine internationalen Rivalen zu stehen. Die Behauptung, Peking habe das neue Coronavirus im Labor entwickelt, ist beispielsweise ein weiteres Zeichen dafür, dass wissenschaftliche Plausibilität dem Krieg der Erzählungen, den die USA ihren Gegnern erklärt haben, kein Ende mehr setzt. Mit dem Hinweis auf die Existenz eines Syndroms, das durch Mikrowellenangriffe verursacht wird, beschuldigt die US-Regierung ihre Gegner, über eine fortschrittliche Technologie zu verfügen, für deren Existenz es keine Beweise gibt. Offiziell wird ein Teil der amerikanischen Außenpolitik von einer Verschwörungstheorie geleitet, die zu Veränderungen in der Diplomatie des Landes führt, wie z. B. dem Abbau von diplomatischem Personal in Ländern, in denen Fälle der „Krankheit“ auftreten.

Die Gesundheit darf nicht politisiert werden, und die Wissenschaft darf nicht zugunsten politischer Interessen geschmälert werden. Es ist wichtig, dass sich die internationale Gesellschaft in den Fall einmischt und dass das angebliche Syndrom von Experten aus der ganzen Welt unparteiisch untersucht wird, um festzustellen, ob es sich tatsächlich um eine neu auftretende Krankheit handelt oder ob einzelne Fälle von Symptomen, die bereits bestehenden Krankheiten gemeinsam sind, manipuliert werden, um ein neues politisches Narrativ zu schaffen.