Eigentlich sollte die Unterzeichnung des Memorandum of Understanding zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran in Genf stattfinden. Doch wenige Stunden vor dem erwarteten Treffen änderte sich plötzlich alles. Die Unterzeichnung wurde verschoben, der Ort wechselte nach Versailles, und die Gespräche gerieten erneut in Gefahr. Nach Angaben des geopolitischen Analysten Pepe Escobar und seines Gesprächspartners Zulfiqar Ali steckt hinter dieser Entwicklung weit mehr als ein diplomatischer Zwischenfall.
In ihrer Sendung „Transition Protocol“ berichten beide von Informationen aus Verhandlungskreisen, die nach eigenen Angaben direkt von Personen stammen sollen, die an den Gesprächen beteiligt waren. Im Mittelpunkt steht dabei ein Vorwurf, der, sollte er sich bestätigen, die ohnehin angespannte Lage im Nahen Osten weiter verschärfen könnte.
Nach Angaben Escobars habe es eine „sehr glaubwürdige Bedrohung“ gegeben, wonach der israelische Geheimdienst Mossad Anschläge auf Teile oder sogar die gesamte iranische Delegation in der Schweiz geplant haben könnte. Die Informationen seien laut den Moderatoren vom pakistanischen Geheimdienst abgefangen worden.
„Es gab eine glaubwürdige, sehr glaubwürdige Bedrohung, dass der Mossad ein oder zwei oder möglicherweise die gesamte iranische Delegation in der Schweiz ermorden könnte“, sagte Escobar.
Die Informationen seien anschließend unmittelbar an die iranische Führung weitergeleitet worden. Nach Darstellung der Gesprächspartner habe dies maßgeblich dazu beigetragen, dass die iranische Delegation auf eine hochrangige Teilnahme in der Schweiz verzichtete.
Stattdessen sollen lediglich Vertreter niedrigerer Ebenen in der Schweiz geblieben sein, während die eigentliche politische Entscheidungsebene Abstand von der Reise nahm.
Für Escobar handelt es sich dabei nicht um eine gewöhnliche Krise um einen Waffenstillstand.
„Dies ist keine routinemäßige Geschichte über einen Waffenstillstand“, erklärte er. „Das geht weit über den Mechanismus des Memorandums hinaus.“
Nach Darstellung der Sendung wurde das Abkommen nicht nur vom Iran und den USA vorbereitet. Pakistan habe eine zentrale Vermittlerrolle übernommen, während China im Hintergrund, ebenso wie Katar, die Türkei, Saudi-Arabien und mehrere Golfstaaten, an der diplomatischen Architektur beteiligt gewesen sei.
Doch genau dieses fragile Gefüge drohe nun zusammenzubrechen.
Die iranische Führung habe Washington laut den Gesprächspartnern erneut über Pakistan eine klare Botschaft übermittelt: Sollte Israel seine Angriffe auf den Libanon fortsetzen, werde das gesamte Memorandum hinfällig.
„Wenn Israel nicht aufhört, sind sie bereit, Israel schwere Konsequenzen zuzufügen“, sagte Escobar.
Nach Darstellung der Gesprächspartner betrachtet Teheran das Memorandum ausdrücklich als ein bilaterales Abkommen. Breche eine Seite ihre Verpflichtungen, habe die andere Seite das Recht, ebenfalls auszusteigen.
„Wenn ihr das Memorandum brecht, werden wir es ebenfalls brechen – und zwar deutlich härter“, soll die iranische Botschaft gelautet haben.
Besonders bemerkenswert erscheinen die Schilderungen über die Haltung der iranischen Führung. Nach Angaben der Sendung habe der neue Oberste Führer Mojtaba Khamenei einer Unterzeichnung zunächst skeptisch gegenübergestanden.
Die Vereinigten Staaten seien aus iranischer Sicht grundsätzlich nicht vertrauenswürdig. Erst intensive Gespräche des iranischen Präsidenten mit pakistanischen Vermittlern sowie diplomatische Signale aus China hätten letztlich dazu beigetragen, dass Teheran einer Unterzeichnung zustimmte.
Doch selbst nach der Entscheidung sei die Lage bereits eskaliert gewesen.
„Die Schweiz war bereits kompromittiert“, sagte Escobar.
Ob das Memorandum überhaupt eine Zukunft habe, hänge inzwischen von nur einem Faktor ab.
„Wenn Israel innerhalb der nächsten 48 bis 72 Stunden seine Angriffe fortsetzt, wird das gesamte Memorandum zusammenbrechen.“
Die Moderatoren schildern Pakistan dabei nicht mehr als gewöhnlichen Vermittler, sondern als neuen Machtfaktor.
Nach ihrer Darstellung habe Islamabad den Vereinigten Staaten im Namen Teherans eine klare Botschaft übermittelt: Entweder Washington bringe Israel unter Kontrolle oder der Iran werde eigene Konsequenzen ziehen.
Dabei wird auch die Straße von Hormus zu einem zentralen Faktor.
„Die Straße von Hormus wird dauerhaft geschlossen, bis wir zufrieden sind, sie wieder zu öffnen“, erklärte Zulfiqar Ali.
Ein solcher Schritt hätte dramatische Folgen für den Welthandel und insbesondere für die globalen Energiemärkte.
Gleichzeitig sprechen die Gesprächspartner von einer weiteren möglichen Eskalation: dem sogenannten „Nordkorea-Szenario“.
Sollten die Vereinigten Staaten oder Israel den Druck weiter erhöhen, könne der Iran seine nuklearen Fähigkeiten erneut ausbauen und sich dem Modell Nordkoreas annähern.
„Der Iran ist vollkommen in der Lage, sein Atomprogramm wieder aufzunehmen“, sagte Ali.
Nach Darstellung der Sendung wurde diese Möglichkeit bereits in Gesprächen zwischen der iranischen und pakistanischen Führung thematisiert.
Besonders kritisch sehen Escobar und Ali die Position Washingtons. Die amerikanische Regierung habe die strategischen Veränderungen in der Region bislang nicht verstanden.
„Das Schachbrett ist heute ein völlig anderes“, sagte Escobar.
Die Vereinigten Staaten verfügten seiner Ansicht nach inzwischen über deutlich weniger Einfluss als früher. Sollte das Memorandum scheitern, bleibe Washington praktisch ohne Druckmittel zurück.
„Wenn sie das Memorandum verlieren, bleibt ihnen weniger als nichts.“
Auch Donald Trump erscheint in dieser Darstellung nicht als souveräner Akteur. Laut den Quellen der Gesprächspartner hätten iranische Vertreter den amerikanischen Präsidenten sogar als „eingesperrtes Tier“ bezeichnet.
Trump befinde sich zwischen den Interessen Israels, dem amerikanischen Establishment und seinen eigenen politischen Versprechen.
Der Iran habe sich dennoch entschieden, dem Abkommen eine Chance zu geben.
Doch die Zeit läuft.
Nach Angaben der Gesprächspartner endet das iranische Ultimatum Anfang der kommenden Woche. Sollte Israel seine Operationen fortsetzen und Washington nicht eingreifen, könnten sich die Ereignisse rasch überschlagen.
Für Escobar steht bereits heute fest, dass sich die geopolitische Lage grundlegend verändert hat.
„Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor dem Angriff Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran.“
Die westlichen Eliten, so seine Kritik, seien nicht in der Lage, ihre eigene strategische Niederlage zu erkennen.
„Wir haben in Washington keinen Bismarck“, sagte Escobar. „Im Gegenteil: Wir haben Betrüger, Mittelmäßige und Menschen, die keinerlei Verständnis für Geopolitik besitzen.“
Ob sich diese düsteren Prognosen bewahrheiten, wird sich möglicherweise bereits in den kommenden Tagen zeigen. Sicher scheint nur eines: Das Schicksal des amerikanisch-iranischen Memorandums hängt inzwischen weniger von den Verhandlungstischen in Europa ab als von den Entwicklungen im Libanon, in Israel und in Washington.


