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Warum Trumps „Deal des Jahrhunderts“ scheitern wird: Eine Analyse von Professor John Mearsheimer

In einer kürzlich ausgestrahlten Episode der „Spectator Show“ sprach Professor John Mearsheimer, ein renommierter Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen, über den von Donald Trump vorgestellten Friedensplan für Gaza. Das Gespräch, geführt von Moderator Freddy, beleuchtet die Schwierigkeiten und Widersprüche des sogenannten „Deals des Jahrhunderts“, der am Vortag zusammen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu präsentiert wurde. Mearsheimer äußert sich kritisch zu den Erfolgsaussichten des Plans und analysiert die politischen Dynamiken, die diesen Vorschlag prägen. Das Video bietet einen tiefen Einblick in die komplexen geopolitischen Herausforderungen im Nahen Osten und die Schwierigkeiten, die sich aus den Interessen der beteiligten Akteure ergeben. Im Folgenden wird der Inhalt des Gesprächs in einem ausführlichen Artikel zusammengefasst, analysiert und in deutscher Sprache präsentiert.

Der „Deal des Jahrhunderts“: Eine israelisch-amerikanische Initiative

Donald Trump präsentierte seinen 20-Punkte-Friedensplan für Gaza als potenziell „historischen Tag für die gesamte Zivilisation“. Doch Professor John Mearsheimer zeigt sich skeptisch gegenüber der Machbarkeit und Fairness dieses Vorschlags. Er beschreibt den Plan als eine „israelisch-amerikanische“ Initiative, die stark von den Interessen Israels geprägt ist. „Es ist wirklich keine amerikanische, sondern eine israelisch-amerikanische Vorlage“, betont Mearsheimer. „Israel hat alles bekommen, was es wollte“, zitiert er eine Aussage aus der Times of Israel.

Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass die palästinensische Bewegung Hamas während des gesamten Verhandlungsprozesses nicht einbezogen wurde. Stattdessen wurde ihr ein fertiges Dokument vorgelegt, das Mearsheimer als „fait accompli“ bezeichnet. Dieses Vorgehen ignoriert die legitimen Interessen der Palästinenser und macht eine Annahme des Plans durch Hamas unwahrscheinlich. „Es wäre töricht für Hamas, dieses Angebot anzunehmen“, sagt Mearsheimer, da es „auf allen wichtigen Punkten zu ihren Ungunsten ausfällt“.

Die zentralen Schwächen des Friedensplans

Mearsheimer hebt mehrere kritische Punkte des Plans hervor, die aus palästinensischer Sicht inakzeptabel sind:

  • Freilassung der Geiseln innerhalb von 72 Stunden: Der Plan fordert, dass Hamas alle Geiseln in den ersten 72 Stunden freilässt. Mearsheimer betont, dass die Geiseln die einzige Verhandlungsmasse der Hamas darstellen. Ohne diese Hebelwirkung verliert Hamas jede Möglichkeit, ihre Interessen durchzusetzen.
  • Entwaffnung von Hamas und Zerstörung der Tunnel: Der Vorschlag sieht vor, dass Hamas vollständig entwaffnet wird und alle Tunnel in Gaza zerstört werden. Dies würde die palästinensische Bevölkerung wehrlos machen.
  • Kein vollständiger Rückzug Israels aus Gaza: Der Plan sieht nur einen schrittweisen Rückzug vor, wobei israelische Truppen entlang der Grenzen Gazas stationiert bleiben würden. Dies widerspricht einer Kernforderung der Palästinenser.
  • Fehlende Selbstbestimmung: Der Plan enthält keine Garantien für die Selbstbestimmung der Palästinenser. Stattdessen wird festgelegt, wie Gaza in Zukunft regiert werden soll, ohne Mitspracherecht der Palästinenser.
  • Unklare politische Perspektive: Der Plan erwähnt lediglich, dass die USA einen Dialog fördern wollen. Ob die Palästinenser jemals einen eigenen Staat bekommen, bleibt unklar.

Netanyahus Drohung: „Der einfache oder der harte Weg“

Benjamin Netanyahu machte deutlich, dass es für die Palästinenser zwei Optionen gebe: den „einfachen Weg“, also die Annahme des Plans, oder den „harten Weg“, die Fortsetzung der militärischen Offensive in Gaza. Mearsheimer hält den „einfachen Weg“ für eine Illusion, da der Plan so einseitig zugunsten Israels ausgerichtet ist, dass Hamas ihn nicht akzeptieren kann. Der „harte Weg“ bedeute laut Mearsheimer, dass Israel seine Offensive fortsetzt, die Bevölkerung in den Süden Gazas drängt und möglicherweise eine Vertreibung nach Ägypten anstrebt.

Allerdings zweifelt Mearsheimer daran, dass Israel dieses Ziel erreichen kann. „Ich glaube nicht, dass Hamas besiegt wurde“, sagt er. Trotz intensiver Kämpfe gebe es nur wenige Berichte über größere Auseinandersetzungen zwischen Hamas und IDF. Hamas operiere weiterhin aus Tunneln, rekrutiere neue Kämpfer und bleibe widerstandsfähig.

Der Vorwurf des Völkermords

Ein zentraler Streitpunkt ist Mearsheimers Verwendung des Begriffs „Völkermord“ für Israels Aktionen in Gaza. Er stützt sich dabei auf Berichte von Amnesty International, Human Rights Watch, B’Tselem und einer UN-Kommission. „Praktisch jede große Menschenrechtsorganisation der Welt hat dies als Völkermord bezeichnet“, so Mearsheimer.

Er erkennt an, dass der Begriff politisch aufgeladen sei, hält ihn jedoch für gerechtfertigt: „Wenn Sie es nicht Völkermord nennen wollen, wie würden Sie es nennen? Massenmord?“ Israels Vorgehen sei „völlig inakzeptabel“ und beschädige dauerhaft seinen internationalen Ruf.

Trumps außenpolitische Instinkte im Vergleich zu Biden

Mearsheimer hebt hervor, dass Trump im Gegensatz zu Joe Biden kein „Kriegstreiber“ sei. „Trumps erster Instinkt ist es, nicht zur Waffe zu greifen.“ Während Biden den Ukraine-Krieg gefördert habe, indem er Verhandlungen sabotierte, habe Trump auf Frieden gesetzt – auch wenn er selbst militärische Aktionen wie gegen Iran und im Jemen führte.

Die Rolle der Abraham-Abkommen

Die während Trumps erster Amtszeit ausgehandelten Abraham-Abkommen werden von ihm als Erfolg betrachtet. Es gab Spekulationen über eine Erweiterung auf Saudi-Arabien oder gar Iran. Mearsheimer betont jedoch, dass der Gaza-Krieg solche Pläne unmöglich gemacht habe: „Der Gaza-Völkermord hat dies unmöglich gemacht.“

Fazit

Professor John Mearsheimer sieht in Trumps „Deal des Jahrhunderts“ einen einseitigen Vorschlag zugunsten Israels, der für Hamas unannehmbar ist. Die fehlende Einbindung der Palästinenser, die Forderung nach sofortiger Geiselfreilassung und die unklare Perspektive machen den Plan aus palästinensischer Sicht unattraktiv. Zudem zweifelt er an Israels Fähigkeit, Hamas militärisch zu besiegen oder die Bevölkerung zu vertreiben. Der Vorwurf des Völkermords bleibt ein Streitpunkt, wird jedoch von internationalen Organisationen unterstützt.

Trumps außenpolitische Instinkte, die auf Frieden und Deals setzen, stoßen auf die harte Realität des Nahostkonflikts. Der „Deal des Jahrhunderts“ hat daher wenig Aussicht auf Erfolg, solange die Kernforderungen der Palästinenser ignoriert werden.