Jahrelang wurde die Öffentlichkeit vor russischer Wahleinmischung gewarnt. Politiker, Medien und Geheimdienste erklärten immer wieder, wie gefährlich ausländische Desinformationskampagnen für die Demokratie seien. Doch nun sorgt ein Fall für Unruhe, der das vertraute Narrativ auf den Kopf stellt: Französische Behörden ermitteln wegen mutmaßlicher digitaler Einflussoperationen einer israelischen Firma – und die Spur führt weit über Frankreich hinaus.
Im Zentrum steht die israelische Firma BlackCore. Nach Angaben der französischen Desinformationsbeobachtungsstelle Viginum soll sie bei den französischen Kommunalwahlen im März gezielt Kandidaten der linksgerichteten Partei La France Insoumise (LFI) ins Visier genommen haben. Die Betroffenen – Sébastien Delogu, François Piquemal und David Guiraud – gelten als entschiedene Unterstützer der palästinensischen Sache.
Die Methoden erinnern an die Blaupause moderner Informationskriegsführung: gefälschte Blogs, manipulierte Inhalte, kompromittierende Nachrichten und koordinierte Social-Media-Kampagnen. Französische Ermittler sprechen von einer „böswilligen Kampagne“, die darauf abgezielt habe, die Information der Bürger zu verfälschen.
🇫🇷🇮🇱Frankreich ermittelt gegen mutmaßliche israelische Wahleinmischung: Spur führt zu Fake-Konten und Schmutzkampagnen
— Don (@Donuncutschweiz) June 14, 2026
Jahrelang wurde vor russischer Wahleinmischung gewarnt. Nun ermitteln französische Behörden wegen einer mutmaßlichen israelischen Einflussoperation: Die Firma… pic.twitter.com/XacHMvDIlK
Doch die Affäre endet nicht an den Grenzen Frankreichs.
Nach Angaben von Viginum wurde das gleiche Vorgehen offenbar auch bei der Bürgermeisterwahl in New York 2025, bei Wahlen in Schottland sowie in Angola und Togo eingesetzt. Der Leiter der Behörde erklärte öffentlich, dieses „Modus Operandi“ sei keineswegs auf Frankreich beschränkt gewesen. (Reuters)
Besonders brisant: Recherchen von Haaretz und der französischen Zeitung Libération zufolge verfügte BlackCore über Systeme zum Aufbau einer regelrechten „Armee von Avataren“. Die Firma soll Netzwerke aus Fake-Konten betrieben haben, um Narrative zu verbreiten und Debatten gezielt zu beeinflussen. (haaretz.com)
In Schottland sollen laut französischen Ermittlern hunderte inauthentische Konten mehr als tausend koordinierte Beiträge gegen den schottischen Regierungschef John Swinney und die SNP verbreitet haben. Die Angriffe richteten sich ausgerechnet gegen einen Politiker, der die humanitäre Lage in Gaza scharf kritisiert hatte. (theguardian.com)
Frankreich hat inzwischen offiziell Erklärungen von Israel verlangt und um Unterstützung gebeten, um die Hintermänner der mutmaßlichen Kampagnen zu identifizieren. Wer die Operationen tatsächlich in Auftrag gegeben hat, bleibt bislang ungeklärt. Selbst Viginum räumt ein, keine eindeutigen Beweise für einen staatlichen Auftraggeber zu besitzen. (Reuters)
Dennoch wirft der Fall unangenehme Fragen auf.
Wenn russische Einflussoperationen als Angriff auf die Demokratie gelten – wie sollte die Öffentlichkeit reagieren, wenn die Spur zu einer israelischen Firma führt? Werden für unterschiedliche Staaten unterschiedliche Maßstäbe angelegt? Und warum finden manche Vorwürfe weltweite Aufmerksamkeit, während andere kaum über Fachkreise hinaus bekannt werden?
Fest steht: Der digitale Informationskrieg ist längst zu einem globalen Geschäft geworden. Private Firmen bieten Einfluss als Dienstleistung an – mit Fake-Profilen, Desinformation und gezielten Rufmordkampagnen. Die Grenzen zwischen kommerziellem Auftrag, politischer Agenda und geopolitischer Einflussnahme verschwimmen zunehmend.
Die eigentliche Geschichte lautet daher nicht nur, dass eine israelische Firma unter Verdacht steht. Sie lautet:
Die Werkzeuge, vor denen Demokratien seit Jahren warnen, scheinen heute von einer wachsenden Industrie genutzt zu werden – und die Frage, wer sie einsetzt, wird offenbar ebenso politisch behandelt wie die Einmischung selbst.


