Unabhängige Analysen und Informationen zu Geopolitik, Wirtschaft, Gesundheit, Technologie

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Schweiz der EU in die Vasallenschaft gegenüber den USA folgt?

Andrew Korybko

Die USA haben bereits in den Fällen Malaysia und Kambodscha bewiesen, dass sie Zölle erfolgreich als Waffe einsetzen können, um gezielt Staaten dazu zu zwingen, ihre Sanktionen gegen Drittstaaten zu übernehmen.

TASS machte Anfang November auf einen bemerkenswerten Artikel der Schweizer Deutschsprachigen Tageszeitung Tages-Anzeiger aufmerksam. Darin heißt es, die USA wollten, dass die Schweiz im Gegenzug für niedrigere Zölle alle US-Sanktionen umsetzt. Als Vorbild nennen sie die jüngsten US-Abkommen mit Malaysia und Kambodscha (Artikel 5.2.2 jeweils). Ziel sei laut Bericht vor allem, chinesische Investitionen in der Schweiz zu kontrollieren sowie Schweizer Exporte nach China einzuschränken – das Ganze könne jedoch ebenso gegen Russland eingesetzt werden.

Der Tages-Anzeiger verweist darauf, dass jüngster US-Druck dazu führte, dass der Genfer Rohstoffhändler Guvnor sein Gebot zum Kauf der Auslandsgeschäfte von Lukoil aufgab. Dieses Angebot sollte Marktverwerfungen verhindern, nachdem die USA ihre Sanktionen gegen den russischen Energieriesen ausgeweitet hatten. Gleichzeitig erinnert die Zeitung daran, dass Schweizer Recht die Regierung verpflichtet, ausschließlich UN-Sanktionen umzusetzen – allerdings könne die Schweiz fremde Sanktionen im Einzelfall freiwillig übernehmen, und ein neues Investitionskontrollgesetz könnte die US-Forderungen gegenüber China erfüllen.

Damit sieht es de facto so aus, als würde die Schweiz der EU folgen und sich ebenfalls in ein solches einseitig vorteilhaftes Abkommen mit den USA begeben – ähnlich jenem, das die EU im vergangenen Sommer unterzeichnet hat. Wer darüber erstaunt ist, sollte bedenken, dass die Schweiz ihre historische Neutralität im Verlauf des laufenden Ukraine-Konflikts faktisch aufgegeben hat. Sie könnte noch weiter gehen, aber ihre bisherigen Schritte reichen bereits aus, um diese Schlussfolgerung zu ziehen.

Der Leiter der russischen UN-Mission in Genf schrieb Ende 2023 einen vernichtenden Artikel darüber, dem Russlands Außenminister Sergej Lawrow später zustimmte, als er nach einem Treffen mit seinem Schweizer Amtskollegen in New York erklärte, die Schweiz habe ihren Ruf als „vertrauenswürdiger neutraler Vermittler“ verspielt. Zu dieser Einschätzung kam man, nachdem die Schweiz bei UN-Abstimmungen zu Ukraine nicht enthielt, sondern gegen Russland stimmte und zudem die EU-Sanktionen gegen Russland übernahm (wenn auch nur unvollständig umgesetzt).

Die hypothetische Übernahme der US-Sanktionen würde die Lage gegenüber Russland also kaum noch verändern – aber sie wäre dennoch eine demütigende Preisgabe der verbleibenden schweizerischen Souveränität. Zudem könnte sie die Beziehungen zu China und anderen Staaten wie den reichen Golfmonarchien schädigen. Diese könnten alarmiert schnell beginnen, ihre Vermögenswerte aus der Schweiz abzuziehen – aus Angst, dass politisierte US-Sanktionen gegen sie in Zukunft dazu führen könnten, dass Bern ihre Gelder einfriert, so wie es bereits die russischen eingefroren hat.

Die multipolaren und regionalen Trends führen zur Bildung zivilisatorischer Machtblöcke, nachdem die USA in den letzten 3,5 Jahren des Ukrainekrieges ihre schwindende unipolare Dominanz im Westen wiederherstellen konnten. Es ist schwer vorstellbar, dass das Binnenland Schweiz, das ohnehin nicht mehr wirklich neutral ist, diesem Druck noch lange widerstehen kann, nachdem die EU bereits eingeknickt ist. Malaysia war der jüngste Staat, der trotz seines Images als multipolarer Aufsteiger kapitulierte – daher ist die Preisgabe der Schweizer Unabhängigkeit nahezu sicher.

Der übergeordnete Trend zeigt: Die USA haben in den Fällen Malaysia und Kambodscha bereits bewiesen, dass sie Zölle als Erpressungsinstrument nutzen können, um Staaten dazu zu bringen, ihre Sanktionen gegen Dritte zu übernehmen. Dieses Muster dürfte sich bei der Schweiz wiederholen – wird jedoch voraussichtlich auf Indien stoßen, das mit den USA über ein Handelsabkommen verhandelt, aber jahrzehntelange enge Beziehungen zu Russland pflegt und deshalb mehr Widerstand leisten dürfte. Dennoch bleibt diese Strategie momentan sehr wirksam und kleinere Staaten werden Mühe haben, sich ihr zu entziehen.