In riesigen schwarzen Buchstaben fordert Vatan-e Emrooz am 13. Oktober 2026: «Iran soll die Bombe bauen.» Die Zeitung argumentiert, dass die US- und israelischen Angriffe eine grundlegende Änderung der iranischen Nukleardoktrin notwendig gemacht hätten. Atomwaffen werden dabei als mögliche Voraussetzung für die nationale Sicherheit dargestellt.
Die Schlagzeile «ایران بمب بسازد» nimmt einen Grossteil der Titelseite ein. Darunter zeigt die Zeitung eine Luftaufnahme eines bombardierten Geländes. Die Unterzeile kündigt einen Bericht über Aussagen internationaler Experten zur Notwendigkeit iranischer Atomwaffen nach dem Krieg mit den USA und Israel an.
Die 2008 gegründete Vatan-e Emrooz gehört zu den bekannten konservativen Zeitungen des Landes. Sie ist kein offizielles Sprachrohr der Regierung, ihre Positionen werden jedoch im politischen Establishment wahrgenommen. Dass sie den Bau einer Atombombe zur dominierenden Schlagzeile macht, ist deshalb bemerkenswert.
«Die USA haben Iran selbst in Richtung Atomwaffen gedrängt»
Die Zeitung argumentiert, dass der jüngste Krieg grundlegende Annahmen über die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten erschüttert habe. Trotz modernster Waffen und enormer Verteidigungsausgaben habe Washington seine wesentlichen Kriegsziele nicht erreicht. Die iranischen Raketenangriffe und die Kontrolle über die Strasse von Hormus hätten zudem die Verwundbarkeit amerikanischer Stützpunkte und regionaler Handelswege offengelegt.
Die entscheidende Schlussfolgerung: Konventionelle Waffen könnten möglicherweise nicht ausreichen, um weitere Angriffe der USA und Israels zu verhindern. Vatan-e Emrooz verweist dazu auf den amerikanischen Nuklearexperten Matthew Bunn von der Harvard-Universität. Dieser wird mit der Einschätzung wiedergegeben:
«Dieser Krieg hat Iran noch entschlossener gemacht, eine nukleare Abschreckung zu erlangen.»
Angriffe auf iranische Atomanlagen hätten das vorhandene Wissen nicht beseitigt, sondern könnten den Anreiz verstärkt haben, tatsächlich Atomwaffen zu entwickeln.
Mearsheimer: Trump schafft Anreize für eine iranische Atombombe
Auch der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer wird zitiert. Er bezeichnete den Krieg gegen Iran nach Darstellung der Zeitung als einen schwerwiegenden strategischen Fehler Washingtons. Die USA hätten weder einen Regierungswechsel in Teheran erreicht noch das iranische Raketenprogramm oder die Unterstützung verbündeter Kräfte beenden können. Gleichzeitig seien diplomatische Lösungen schwieriger geworden. Mearsheimer zufolge habe Trump Iran und anderen Staaten einen starken Anreiz verschafft, künftig auf eigene nukleare Abschreckung zu setzen.
Nordkorea als Vorbild für nukleare Abschreckung?
Besonders deutlich wird die Argumentation beim Vergleich mit anderen Staaten. Vatan-e Emrooz verweist auf Analysen von Chatham House sowie auf die Erfahrungen des Irak, Libyens, der Ukraine und Nordkoreas.
Während der Irak und Libyen militärisch angegriffen wurden und die Ukraine nach der Abgabe der sowjetischen Atomwaffen später Ziel einer russischen Invasion wurde, blieb Nordkorea trotz seines Atomprogramms von einem direkten amerikanischen Militärangriff verschont.
Die Zeitung übernimmt aus einer Analyse von Chatham House die Feststellung:
«Gespräche haben Iran nicht geschützt.»
Damit verweist sie darauf, dass diplomatische Kontakte die militärischen Angriffe nicht verhindern konnten. Die Frage sei deshalb, welchen Wert Sicherheitsversprechen hätten, wenn sie im entscheidenden Moment keinen Schutz böten.
«Keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit»
Im letzten Teil entwickelt die Zeitung ihre eigene sicherheitspolitische Argumentation. Eine iranische Atombombe würde zwar keine absolute Sicherheit garantieren, könnte aber die Berechnungen möglicher Angreifer grundlegend verändern.
Hätten Washington und Israel bei ihren Angriffen mit einer nuklearen Vergeltung rechnen müssen, wären sie möglicherweise vorsichtiger vorgegangen.
Auch jüngste Äusserungen amerikanischer Politiker, darunter Aussenminister Marco Rubio, interpretiert Vatan-e Emrooz als Hinweis auf eine mögliche erneute Konfrontation.
Die Zeitung kommt zu dem Schluss, dass eine Änderung der iranischen Nukleardoktrin angesichts der bestehenden Bedrohungen nicht mehr bloss eine politische Option, sondern eine Notwendigkeit sei.
Quellen:


