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Die Baustelle des Biosicherheitslabors der höchsten Stufe Orion liegt neben einer kreisförmigen Synchrotronanlage am brasilianischen Zentrum für Energie- und Materialforschung in Campinas. Bildnachweis: Disclosure/CNPEM

Eröffnung des ersten Biolabors in Südamerika zur Erforschung tödlicher Viren

Brasilien baut derzeit sein erstes Hochsicherheitslabor für Biowissenschaften, das 2028 in Betrieb genommen werden soll. Dieses Labor, genannt Orion, wird das erste seiner Art in Lateinamerika sein und ermöglicht es Forschern, gefährliche Krankheitserreger zu untersuchen, die in der Region vorkommen. Diese Einrichtung wird als notwendig erachtet, da der fortschreitende Klimawandel und die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes das Risiko neuer, potenziell tödlicher Viren erhöhen, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden könnten.

Orion wird als BSL-4-Labor (Biosicherheitsstufe 4) klassifiziert, was die höchste Sicherheitsstufe für Labore bedeutet. In solchen Einrichtungen arbeiten Forscher mit hochgefährlichen, über die Luft übertragbaren Erregern, gegen die es keine Impfstoffe oder Behandlungsmöglichkeiten gibt. Das Labor wird in Campinas, etwa 100 Kilometer nordwestlich von São Paulo, am brasilianischen Zentrum für Energie- und Materialforschung (CNPEM) errichtet.

Eine Besonderheit von Orion ist die Integration eines Synchrotrons, eines Teilchenbeschleunigers, der für hochpräzise bildgebende Verfahren genutzt wird. Dies wird Forschern ermöglichen, die Struktur von Krankheitserregern sowie die Dynamik ihrer Infektion von Zellen und Geweben detailliert zu untersuchen.

Trotz der Vorteile gibt es Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der hohen Kosten und der komplexen Sicherheitsanforderungen. Die brasilianische Regierung investiert rund 1 Milliarde Reais (etwa 180 Millionen US-Dollar) in den Bau von Orion, doch die laufenden Kosten für Wartung und Betrieb werden erheblich sein. Zum Vergleich: Ein ähnliches Labor in den USA benötigt jährlich fast 12 Millionen Dollar für Betrieb und Sicherheit.

Zusätzlich zur finanziellen Belastung muss auch das Personal für den Umgang mit den gefährlichen Erregern umfassend geschult werden. Brasilien hat noch keine etablierten Überwachungsmechanismen für Experimente auf BSL-4-Niveau, doch das CNPEM arbeitet eng mit nationalen und internationalen Experten zusammen, um strenge Sicherheitsstandards zu entwickeln.

Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie ist die globale Aufmerksamkeit für die biologische Sicherheit solcher Labore gestiegen. Daher wird das Projekt unter besonderer Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten vorangetrieben, um mögliche Risiken zu minimieren. Orion könnte Brasilien jedoch langfristig eine größere Forschungsautonomie verschaffen, indem es die Untersuchung lokaler Krankheitserreger und die Entwicklung von Impfstoffen im eigenen Land ermöglicht.