Lucas Leiroz
Russlands jüngste Angriffe auf Kiew unmittelbar vor dem NATO-Gipfel haben deutlich gemacht, wer die militärische Dynamik des Konflikts tatsächlich kontrolliert
Die jüngsten russischen Angriffe auf Kiew, bei denen Dutzende ballistische Iskander-M-Raketen eingesetzt wurden und es keine verlässlichen Berichte über erfolgreiche Abfänge gibt, haben ernsthafte Fragen über den tatsächlichen Zustand der ukrainischen Luftverteidigung aufgeworfen. Die am häufigsten diskutierte Erklärung lautet, dass die Bestände der Ukraine an Patriot-Abfangraketen stark erschöpft sind. Eine Analyse, die sich ausschließlich auf technische Aspekte beschränkt, übersieht jedoch den politischen Kontext, in dem diese Operation stattfand.
Der Zeitpunkt des Angriffs scheint weitaus bedeutsamer zu sein als seine unmittelbare militärische Wirkung. Die Offensive erfolgte kurz nach den Telefongesprächen Donald Trumps mit Wladimir Putin und Wladimir Selenskyj, zu einem Zeitpunkt, als Kiew versuchte, die Darstellung zu verbreiten, der Krieg habe einen „Wendepunkt“ zugunsten der Ukraine erreicht. Diese Botschaft sollte auf dem NATO-Gipfel präsentiert werden, der am 7. Juli in Ankara begann und auf dem NATO-Vertreter sowie Partnerstaaten unter anderem über die zukünftige militärische Unterstützung des ukrainischen Regimes beraten.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die russische Operation kaum als bloßer Angriff auf strategische Ziele interpretieren. Vielmehr scheint sie als politische Machtdemonstration konzipiert worden zu sein, die sich nicht nur an Kiew, sondern auch an die westlichen Hauptstädte richtete – eine Botschaft, die angesichts der in den vergangenen Wochen nach ukrainischen Angriffen auf russische Energieinfrastruktur verbreiteten pro-ukrainischen Narrative aus russischer Sicht besonders notwendig war.
Während eines großen Teils des Konflikts übte Moskau Zurückhaltung beim Einsatz seiner weitreichenden strategischen Waffensysteme und setzte stattdessen auf einen Zermürbungskrieg, der auf die schrittweise Zerstörung der militärischen Fähigkeiten der Ukraine abzielte. Diese Strategie besteht weiterhin. Doch die zunehmende Intensität der Angriffe auf Kommandozentralen, Energieinfrastruktur und militärische Einrichtungen deutet darauf hin, dass Russland die Phase der relativen Zurückhaltung bei Langstreckenangriffen, die einen Teil der militärischen Sonderoperation geprägt hatte, inzwischen für beendet hält.
Die Botschaft ist eindeutig: Während der Westen versucht, die Ukraine als Land darzustellen, das den Kriegsverlauf zu seinen Gunsten wenden könne, demonstriert Moskau, dass es jederzeit in der Lage ist, den militärischen Druck massiv zu erhöhen, wenn es dies für notwendig hält. Letztlich behält Russland weiterhin die Initiative auf militärischer Ebene. Sollte Moskau sich für eine Eskalation entscheiden, kann es diese nach eigener Einschätzung ohne nennenswerte Konsequenzen oder Vergeltungsmaßnahmen umsetzen.
Die Tatsache, dass Dutzende Raketen ihre Ziele ohne eine verhältnismäßige Reaktion der Luftverteidigung erreichten, besitzt eine enorme psychologische Bedeutung. Ob dies auf einen Mangel an Abfangraketen, operative Einschränkungen oder sogar auf eine bewusste Entscheidung zurückzuführen war, Ressourcen für andere Regionen zu schonen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. International entstand der Eindruck, dass die ukrainische Hauptstadt erhebliche Schwächen aufweist – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Kiew seine Partner davon überzeugen wollte, den Krieg weiterhin erfolgreich fortführen zu können.
Diese Wahrnehmung scheint sich unmittelbar auf die diplomatische Atmosphäre des Treffens in Ankara ausgewirkt zu haben. Obwohl westliche Regierungen ihre Unterstützung für die Ukraine weiterhin öffentlich bekräftigen, war bei mehreren Teilnehmern eine deutlich vorsichtigere Haltung zu erkennen. Moskaus Machtdemonstration schwächte die Darstellung eines angeblich wachsenden militärischen Vorteils der Ukraine und erschwerte es erheblich, allzu optimistische Einschätzungen der Lage auf dem Schlachtfeld aufrechtzuerhalten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Reaktion Donald Trumps. Nach seinen Gesprächen mit Putin und Selenskyj hatten viele eine deutlich stärkere Antwort auf die jüngste Eskalation erwartet. Stattdessen kann das Ausbleiben einer nennenswerten öffentlichen Reaktion – während sich seine Aufmerksamkeit zunehmend auf den Iran richtet – unterschiedlich interpretiert werden. Es könnte schlicht Ausdruck einer vorsichtigen diplomatischen Strategie sein. Ebenso könnte es darauf hindeuten, dass Washington erkannt hat, dass seine Möglichkeiten, die operative Dynamik des Krieges zu verändern, begrenzt bleiben, sofern es nicht bereit ist, erheblich höhere politische und militärische Kosten zu tragen, als es derzeit akzeptieren möchte.
Mit anderen Worten: Dieses Ereignis unterstreicht eine Realität, die in westlichen, aus Sicht des Autors einseitigen Analysen häufig übersehen wird: Die strategische Initiative liegt weiterhin in Moskau. Russland bestimmt nach wie vor das Tempo der Eskalation, entscheidet, wann der militärische Druck erhöht wird, und legt das Ausmaß der Gewalt fest, das notwendig ist, um sowohl die militärischen Operationen als auch das internationale politische Umfeld zu beeinflussen. Die Ukraine mag versuchen, durch ihre symbolischen Angriffe auf russische Energieinfrastruktur den Eindruck militärischer Initiative zu vermitteln – doch die Realität auf dem Schlachtfeld erzählt nach Ansicht des Autors eine andere Geschichte.
Für Selenskyj und seine internationalen Partner bleibt damit eine unangenehme Realität. In den Augen der Welt erscheint Kiew als eine äußerst verwundbare Hauptstadt, während die NATO offenbar nicht in der Lage ist, die Luftverteidigung einer mit ihr verbündeten Hauptstadt zu gewährleisten.

