Thomas Kolbe
Amerikas Intervention in Venezuela ist erst wenige Tage alt, und doch scheint die Welt nicht zur Ruhe zu kommen. Die hitzige Debatte über die Zukunft Grönlands überlagert den eigentlichen roten Faden einer neuen Weltordnung, die sich herausbildet – einer Ordnung, die zwischen den USA und China entschieden wird. Europa ist vorerst auf die Rolle eines zunehmend nervösen Zuschauers reduziert.
In den vergangenen Wochen wurde viel über die Hintergründe und Folgen der US-Intervention in Venezuela am 3. Januar spekuliert. An der Oberfläche konzentrieren sich politische Kommentatoren und Mainstream-Medien vor allem auf die Rolle und Zukunft des venezolanischen Schweröls. Und sie haben recht: Sollte es den USA gelingen, die weitgehend brachliegenden Kapazitäten über ihre heimische Förderindustrie wiederzubeleben – insbesondere durch Unternehmen wie Chevron, ConocoPhillips und Exxon –, entsteht ein erheblicher geopolitischer Hebel.
Dieser Hebel verändert vor allem die Verhandlungsarchitektur und Dynamik zwischen Washington und Peking. China benötigt dieses Öl für seine maritime Expansion, die USA hingegen für ihre Raffineriekapazitäten in den Südstaaten, insbesondere in Texas. Die Kontrolle der Exporte nach China könnte die amerikanische Verhandlungsposition bei Seltenen Erden stärken – einem Druckmittel, das China wiederholt eingesetzt hat, selbst gegenüber europäischen Unternehmen. Möglicherweise könnten die USA damit auch Druck auf Peking ausüben und die subventionierte chinesische Exportmaschine bremsen. Das sind gewichtige Argumente auf dem Weg zu einer Reindustrialisierung der USA.
Parallel dazu deuten Diskussionen darauf hin, dass das Kernziel der US-Regierung darin besteht, den chinesischen Einfluss in zentralen südamerikanischen Rohstoffmärkten zurückzudrängen – ganz im Sinne der Monroe-Doktrin. Chinas Reaktion auf die Festnahme von Nicolás Maduro fiel überraschend zurückhaltend aus. Über den erwartbaren diplomatischen Protest hinaus sorgte der Besuch des kanadischen Premierministers Mark Carney in Peking für Aufmerksamkeit. Kanada, als Rohstoffgigant, übernimmt zunehmend die Rolle eines Gegengewichts zur Regierung von Donald Trump.
Alberta, Grönland und die subtilen Verschiebungen
Carney sprach am Wochenende von Gesprächen mit Chinas Führung über eine neue Weltordnung – eine multipolare globale Ordnung, die nicht länger auf die Vereinigten Staaten zentriert ist. Für China ist der Punkt klar: Kanada wird faktisch aus dem US-Raffineriegeschäft gedrängt, sobald die venezolanischen Ölfelder wieder geöffnet werden. Kanadisches Schweröl ist für China von großem Interesse, das nun alternative Absatzmärkte finden muss, um dem wachsenden Druck der USA zu begegnen.
Eine scheinbare Randnotiz verdient besondere Aufmerksamkeit: Neben der medialen Aufregung um Grönland – eine Debatte, die in Europa wegen der Rohstoffe und strategischen Seewege der Insel zu einer NATO-Überlebensfrage hochstilisiert wird – zeichnet sich in den USA und Kanada eine weitere Diskussion ab: die Zukunft Albertas. Präsident Trump hat dieses Thema wiederholt angesprochen und damit Spekulationen über eine mögliche Abspaltung befeuert. Könnte ein Referendum – bislang rein spekulativ – dazu führen, dass Kanada den Zugang zu einem erheblichen Teil seiner Ressourcen verliert, falls sich die Albertaner für die Unabhängigkeit entscheiden? Diese Debatte sollte aufmerksam verfolgt werden, da sie tiefe Einblicke in künftige Rohstoffmärkte und geopolitische Kontrollmechanismen liefern könnte.
Strategisches Metall: Silber
Die Festnahme Maduros eröffnet den USA potenziell Einblicke in südamerikanische Handelsbeziehungen mit China, insbesondere im Rohstoffbereich. Zentrale Fragen bleiben: Welche Mengen wurden außerhalb offizieller Handelsbilanzen transferiert, um welche Ressourcen handelte es sich konkret, und in welchem Umfang wurden US-Sanktionen umgangen? Diese Faktoren dürften in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle spielen, während sich die Weltwirtschaft entkoppelt.
Sollte sich herausstellen, dass Venezuela strategisch wichtige Rohstoffe wie Silber in erheblichem Umfang nach China exportiert hat, könnten die USA die Dynamik der globalen Rohstoffordnung grundlegend verändern. Die Kernfrage drängt sich auf: Ging es bei der amerikanischen Intervention wirklich nur um venezolanisches Schweröl?
Im vergangenen Sommer erklärten die USA Silber offiziell zu einem strategischen Metall. Seitdem sind die Silberpreise stark gestiegen, was den Verdacht bestätigt, dass sowohl China als auch die USA massiv Vorräte aufbauen. Silber ist unverzichtbar für den Aufbau von KI-Rechenzentrumsinfrastruktur und Elektromotoren.
Hinzu kommt eine monetäre Dimension: Die wachsende Konzentration strategischer Metalle in den USA und China erhöht den Druck auf Europas Währungssystem. Die Welt bewegt sich zunehmend in Richtung metallgedeckter Währungssysteme, während Zentralbanken zur Stabilisierung ihrer Bilanzen horten. Metalle gewinnen weltweit an Bedeutung als stabilisierende wirtschaftliche und finanzielle Grundlage.
China verfolgt inzwischen ein vergleichsweise strenges Silberexportregime. Die industrielle Nachfrage dürfte in den kommenden Jahren stark ansteigen, wodurch Fragen nach Venezuelas tatsächlichen Rohstoffflüssen weit über das Öl hinaus von zentraler Bedeutung werden.
Die Kontrolle zentraler Seewege, die systematische Verdrängung chinesischer Präsenz aus dem Panamakanal und den Häfen der US-Westküste sowie die Sicherung des Zugangs zu strategischen Ressourcen – einschließlich Grönlands –, unabhängig von der europäischen Haltung, sind Elemente einer umfassenderen Strategie. Die USA erzwingen eine Bifurkation: eine geopolitische Teilung in zwei Einflusszonen – eine amerikanische und eine chinesische.
Diese Spaltung ist über Jahrzehnte gewachsen und wurde durch Chinas Aufstieg beschleunigt. Historisch betrachtet ist sie kaum aufzuhalten, ohne das Risiko großer militärischer Konflikte einzugehen. Eine Koordination zwischen den USA und China bei dieser wirtschaftlichen Entkopplung ist entscheidend, um Konflikte zu minimieren.
Bifurkation der Weltordnung
Die USA sind entschlossen, ihre Rolle in der westlichen Hemisphäre zu konsolidieren und sich – vermutlich in Abstimmung mit Peking und Moskau – schrittweise in ihre selbst definierte Machtzone zurückzuziehen. Das ist keine Schwäche, sondern strategische Kalkulation in einer fragmentierten Weltordnung.
Zur sogenannten Grönland-Krise: Die EU spielt im globalen Wettlauf um Ressourcen keine reale Rolle. Europäische Staaten importieren rund 60 Prozent ihrer Energie. Der gescheiterte Versuch, über einen Regimewechsel und einen Sieg in der Ukraine Zugang zu russischen Ressourcen zu sichern, unterstreicht die geopolitische Ohnmacht der EU.
Die Entsendung einer kleinen europäischen Truppe nach Grönland, um den US-Einfluss zu begrenzen, verdeutlicht die Spannungen zwischen Europa und den USA. Trump reagierte mit der Anhebung von Zöllen um zehn Prozent und drohte mit 25 Prozent, falls Europa seine Haltung nicht ändere – ein klares Signal der asymmetrischen Machtverhältnisse. Brüssel erscheint als Papierriese.
Angesichts dieses Ungleichgewichts ist Europas Unfähigkeit, ein politisches Bündnis zu schmieden und einen kooperativen Kurs gegenüber den USA einzuschlagen, schwer nachvollziehbar. Brüssel und London setzen auf Konfrontation – ein Weg, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu weiteren wirtschaftlichen Verlusten führt. Europas Stärke liegt in der Anpassung an US-Marktime, dem Verzicht auf verdeckten Klimaprotektionismus und der Aktivierung seines starken Binnenmarktes. Geopolitisch ist der Kampf verloren und nur über eine vernünftige Wirtschaftspolitik teilweise rückholbar.
Auch die Versuche, über Mercosur handelspolitischen Spielraum in Südamerika zu gewinnen, blieben enttäuschend. Das Abkommen setzt im Wesentlichen die Klimaregulierungen Brüssels durch, die europäische Unternehmen bereits belasten, während echter Freihandel weiterhin in weiter Ferne liegt.


