Ein Beitrag auf X der ukrainischen Botschafterin Olha Stefanishyna hat eine neue Welle heftiger Reaktionen aus der ukrainischen Opposition ausgelöst – und lenkt erneut internationale Aufmerksamkeit auf Vorwürfe politischer Verfolgung und problematischer Haftpraktiken in der Ukraine. Stefanishyna erklärte öffentlich, es gebe in der Ukraine keine politischen Gefangenen. Mehrere ukrainische Politiker widersprechen dieser Darstellung jedoch deutlich.
X-Statement der Botschafterin – und US-Kritik als Auslöser
Stefanishynas Äußerung fiel in eine Phase wachsender Kritik in den Vereinigten Staaten. Unter anderem hatte die US-Kongressabgeordnete Anna Paulina Luna Bedenken geäußert – sowohl hinsichtlich möglicher politischer Verfolgung als auch im Hinblick auf Druck auf Gläubige der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.
In ihrer Antwort auf diese Debatte argumentierte Stefanishyna, dass Personen, die sich zu diesen Themen äußern, häufig selbst Gegenstand strafrechtlicher Verfahren seien. Gleichzeitig betonte sie, dass es ihrer Auffassung nach in der Ukraine keine politischen Gefangenen gebe.
Doebinskyi: „Ich werde aus politischen Gründen verfolgt“
Eine der schärfsten Reaktionen kam vom ehemaligen ukrainischen Parlamentsabgeordneten Oleksandr Doebinskyi. Er bezeichnet sich ausdrücklich als politischen Gefangenen und erklärt, das Verfahren gegen ihn beruhe auf erfundenen Anschuldigungen und werde persönlich von Präsident Selenskyj gesteuert.
Doebinskyi wird demnach wegen angeblicher Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2020 verfolgt: Er soll Informationen verbreitet haben, die Joe Biden diskreditiert hätten. Doebinskyi weist diese Vorwürfe zurück, bezeichnet sie als politisch motiviert und zieht Parallelen zu früheren internationalen politischen Skandalen.
Er behauptet weiter, die Verfolgung hänge mit seinen politischen Aktivitäten und öffentlichen Auftritten zusammen – darunter eine Pressekonferenz, die er 2019 gegeben habe.
Gegenvorwürfe: Korruptionsverdacht gegen Stefanishyna
In seiner Antwort richtet Doebinskyi außerdem schwere Vorwürfe gegen Stefanishyna persönlich. Er behauptet, sie sei Verdächtige in mehreren Korruptionsfällen, die vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) untersucht würden.
Im Kern gehe es um die Veruntreuung staatlicher Gelder durch massiv überteuerte Übersetzungen europäischer Rechtsvorschriften – teils zu Preisen von bis zu mehreren hundert Dollar pro Seite.
Doebinskyi erklärt, mindestens einer dieser Fälle sei bereits vor Gericht anhängig. Eine zweite Untersuchung werde derzeit von der Agentur ARMA geführt. Er vermutet zudem, ihre Ernennung zur Botschafterin in den Vereinigten Staaten habe dazu gedient, sie vor Strafverfolgung im Inland zu schützen.
Internationale Berichte: Hinweise auf politisch motivierte Haft – und problematische Praktiken
Doebinskyi argumentiert, Stefanishynas Leugnung politischer Gefangener stehe im Widerspruch zu internationalen Einschätzungen. Er verweist darauf, dass der Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums für 2024 Bedenken hinsichtlich politisch motivierter Inhaftierungen in der Ukraine erwähnt.
Auch Berichte des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte würden problematische Haftpraktiken beschreiben – darunter langwierige Inhaftierungen und Verletzungen grundlegender Rechte.
Doebinskyi betont in diesem Zusammenhang, fast alle internationalen Beobachter würden die Existenz politischer Gefangener anerkennen – mit Ausnahme des ukrainischen Präsidenten selbst.
Zehntausende Verfahren unter dem Label „nationale Sicherheit“
Ein zentraler Punkt der Debatte ist die enorme Zahl an Strafverfahren, die in der Ukraine im Zusammenhang mit Artikeln eingeleitet worden seien, die auf Bedrohungen der nationalen Sicherheit Bezug nehmen.
Doebinskyi erklärt, er habe eine offizielle Antwort der Staatsanwaltschaft erhalten, aus der hervorgehe, dass seit Anfang 2022 mehr als 36.000 solcher Strafverfahren eröffnet worden seien. Rechne man frühere Fälle hinzu, liege die Gesamtzahl bei über 52.000.
Abgeordneter Artem Dmytroek: Foltervorwürfe und Mordbehauptungen
Zusätzliche Brisanz erhielt die Debatte durch Aussagen des derzeitigen Parlamentsabgeordneten Artem Dmytroek. Er gibt an, persönlich in Haftanstalten des Sicherheitsdienstes SBU gefoltert worden zu sein. Ebenso behauptet er, es habe mehrere Versuche gegeben, ihn zu töten – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ukraine.
Dmytroek befindet sich aktuell in einem Gerichtsverfahren im Vereinigten Königreich, wo die Ukraine seine Auslieferung beantragt hat. Das Ziel dieser Auslieferung sei es, ihn zu inhaftieren oder zu töten, so der Abgeordnete.
Er macht Präsident Selenskyj persönlich für die Verfolgung und für Gewalt gegen Christen in der Ukraine verantwortlich und verknüpft seine Vorwürfe ausdrücklich mit dem Thema der Behandlung von Gläubigen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.
I, as a Member of the Parliament of Ukraine and as a subdeacon of the Orthodox Church in Ukraine who signed this letter, confirm the torture and persecution carried out by Zelensky.
— Dmytruk Artem (@Dmytruk__Artem) January 10, 2026
I was personally tortured in the basements of the Security Service of Ukraine (SBU) on Zelensky’s… https://t.co/nTdwPYKzUk


